Aufmerksam lauschen die Gymnasiasten dem Vortrag des nun 92-Jährigen und sind dabei von seiner aufrechten Körperhaltung und der festen Stimme beeindruckt. Beinahe 90 Minuten spricht er vor ihnen.
Leon Weintraub wurde am 1. Januar 1926 in Polen geboren. Sein Vater starb, als er eineinhalb Jahre alt war. Bücher halfen ihm, die trostlose Situation zu meistern. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht musste die Mutter mit Leon und seinen vier Schwestern in das Ghetto Litzmannstadt umsiedeln. Von dort wurden sie im Sommer 1944 ins KZ Auschwitz gebracht, wo Leon seine Mutter und seine Tante verlor.
"Als ich den Stacheldraht und die Stromzäune sah, wusste ich: Das ist kein Ort des Lebens, sondern des Todes" und "Wir waren keine Menschen mehr, wir waren nur noch Gegenstände": So spricht er heute über diese schrecklichen Monate. Er war nun Arbeitskraft, ein Werkzeug, das zu funktionieren hatte. Diese Entmenschlichung traumatisiert Leon: "Ich konnte nicht mehr denken, ich war wie in Trance, der Körper beschränkte sich auf die wesentlichen Funktionen. Es war ein Leben auf Aufschub", sagt er den Schülern.
Leon überlebte die Hölle von Auschwitz. Es folgten Transporte in andere Lager und schließlich der Aufenthalt im Lager Flossenbürg, mit dem er besonders das massenhafte Sterben der Häftlinge in Verbindung bringt. Am 22. April 1945 befand er sich auf einem Transport in Richtung Bodensee zu einem weiteren Lager, als ihm während eines Luftangriffs die Flucht gelang und er in der folgenden Nacht von französischen Soldaten befreit wurde. Damals wog der 19-Jährige noch 35 Kilogramm und litt an Typhus.
Im Gespräch mit den Schülern nach dem Vortrag stellt der Zeitzeuge klar, dass er nie Hass oder Rachegefühle empfunden hat. Aber auch, dass das Vergessen dieser unmenschlichen Behandlung ein Schlag ins Gesicht der Opfer ist. Einer Lehrkraft gegenüber spricht Weintraub von einer Genugtuung, dass er vielleicht wieder eine Gruppe junger Menschen bewegt habe, den Holocaust intensiver sehen zu können als aus angelesenem Wissen. Die Begegnung mit einem Menschen, der diese Zeit selbst erlebt hat, ist rein psychologisch schon eine besondere Erfahrung. In der Richtung eines eindrucksvollen Unterrichts will auch die Fachschaft Geschichte in Zusammenarbeit mit der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg weiter an den schon fast traditionellen Zeitzeugen-Gesprächen festhalten.
Zur Person
Der heute 92-Jährige lebt mit seiner zweiten Ehefrau in Stockholm. Er ist Vater von drei Söhnen und einer Tochter. Nach dem Krieg begann er 1946 ein Studium der Medizin in Göttingen und heiratete dort. 1950 kehrte er nach Warschau zurück, arbeitete in einer Frauenklinik und schrieb 1966 seine Dissertation. Drei Jahre später emigrierte er nach Schweden und praktizierte dort. 2004 erhielt Dr. Leon Weintraub das Bundesverdienstkreuz.













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