Es ist erst knapp vier Wochen her, da berichteten wir über einen Schildkröten-Schlupf in Rosenberg: Sieben kleine Griechische Landschildkröten hatten sich bei Bernhard Engelhardt aus ihren Eiern gearbeitet, die die Sommersonne hundert Tage lang ausgebrütet hatte.
Im eher kühlen Oktober passierte jetzt in Edelsfeld etwas Ähnliches, noch Kurioseres: "Heute war wohl mit das Verrückteste, was in unserem bald elfjährigen Schildkrötenzüchter-Leben je passiert ist", schildert uns Patrick Kopp das Erlebnis. "Sonntagnachmittag sagte meine Nachbarin Ramona am Gartenzaun zu mir, ob es "denn normal sei, das die kleine Schildkröte in der Riesenbadeschale sei, und ob sie da wieder rauskommt?"
Der Besitzer der Edelsfelder Schildkrötenfarm drehte sich um und traute seinen Augen nicht: Eine münzgroße "Testudo Hermanni Hermanni" paddelte im Erwachsenen-Auslauf um ihr Leben. "Ich nahm sie raus und war komplett perplex. Es ist eine Naturbrut, aber nicht im Gewächshaus oder Frühbeet, wo dies bei uns oft vorkommt, weil durch die Wärmelampen und das künstliche Klima die richtige Temperatur erreicht wird - nein, im Freien!"
Nach ein paar Sekunden fand der Züchter auch ihr Schlupfloch im Boden und begann vorsichtig zu suchen, ob noch mehr Eier vom Muttertier vergraben wurden. "In 15 Zentimetern Tiefe fand ich die Eierschalen der Kleinen, aber kein weiteres Ei oder Jungtier." Daher ist nun auch sicher, wer die Mutter ist, da die meist nur ein Ei legt. Sie ist durch ihre Herkunft aus Apulien eine recht kleine Lokalform der Testudo Hermanni Hermanni.
Wie ist dieser Schlupf der italienischen Form der Griechischen Landschildkröte nun einzuordnen? "Ich finde es eine kleine Sensation, weil es eine reine Naturbrut ist, aber draußen. Weitere solche Funde sind mir nur aus dem Rhein-Main-Gebiet oder auch an der Weinstraße bekannt aus den letzten zehn Jahren - aber sehr, sehr selten", weiß der Schildkröten-Experte. Und vor allem bei uns hier sei so etwas schon gar nicht denkbar. "Es hatte ja immerhin schon drei Tage Frost mit Minusgraden - und die Kleine ist topfit!"
Ötzi, wie Patrick sie spontan getauft hat, sitzt derweil zufrieden unter einer Wärmelampe. Während sich die Artgenossen schon langsam auf die Winterstarre vorbereiten, die bis zu sechs Monate dauern kann, muss Ötzi noch vier Wochen kräftig fressen, um zu Kräften zu kommen und die Ruhephase auch zu überstehen.
Ob aus dem Ei ein Männchen oder Weibchen schlüpft, entscheidet die Temperatur beim Ausbrüten: Bei dauerhaft über 30 Grad, wie sie im Brutapparat erreicht werden, schlüpfen fast ausschließlich Weibchen. Da das kleine Tier aber davon weit entfernt war und auch schon mit Frost in Berührung kam, wird es sich wohl um ein Männchen handeln. Insofern passt der Name "Ötzi" ganz gut.
Patrick Kopp und seine Frau Jenny sind sehr glücklich über den Zuwachs auf ihrer Farm. Sie bereiten jetzt mit Buchenlaub-Haufen schon die Winterlager vor: Die Schildkröten graben sich unter ihren Schutzhäuschen in den Boden und verbringen dort die kälteren Monate. Zwei oder drei Grad über Null werden dort nie überschritten. Nur die "Afrikaner" der Farm kennen so etwas nicht: Fußbodenheizung simuliert ihnen heimatliche Wärme das ganze Jahr über. Ötzi macht sich derweil über ein vegetarisches Mahl her, und man sieht dabei: Diese kleine Schildkröte hat alle Zeit der Welt. Sie kann nämlich über hundert Jahre alt werden. Dann erst mal guten Appetit!














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