17.09.2020 - 17:20 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Lesung mit Ingo Schulze: Für gleichberechtigte Betrachtung

Wie spiegeln sich 30 Jahre Wiedervereinigung in der deutschen Gegenwartsliteratur wider? Das Literaturhaus Oberpfalz begibt sich im Jubiläumsjahr auf Spurensuche. Als ersten Gast begrüßte man mit Ingo Schulze einen guten Bekannten.

Zum Neustart des Literaturhaus-Veranstaltungsprogramms hatte Moderator Thomas Geiger (rechts) Schriftsteller Ingo Schulze (links) zu Gast.
von Anke SchäferProfil

„Auf diesen Augenblick haben wir so lange gewartet!“, bekannte Gastgeberin Patricia Preuß, was das Publikum im Corona-Ausweichquartier Capitol mit spontanem Beifall bestätigte. Und dann gleich noch ein Publikumsliebling und Stammgast auf der Bühne – so sieht ein beglückender Neustart ins Veranstaltungsprogramm aus. Stimmig war der Abend auch insoweit, als Schriftsteller Ingo Schulze und Moderator Thomas Geiger vom Literarischen Colloquium Berlin ihr vielschichtiges Zwiegespräch über den neuen Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ bereits unmittelbar vor dem Lockdown in Berlin begonnen hatten.

Drei Perspektiven

Vieles drehte sich bei der Fortsetzung im Capitol um den dreiteiligen Aufbau, der die Wandlung des in der DDR hoch angesehenen Antiquars Paulini zum nach der Wiedervereinigung ins Abseits Gerutschten aus drei unterschiedlichen Perspektiven verfolgt. Dass trotzdem nicht alles auserzählt und durchleuchtet wird, ist durchaus Absicht. Mit sanfter Beharrlichkeit setzt sich Schulze auch im Gespräch gegen das Diktat der Eindeutigkeit zur Wehr. Stattdessen plädiert er nicht nur im Falle von Paulinis Geschichte für Ambivalenz.

Auch im wahren Leben verspürt der in Dresden geborene, mittlerweile in Berlin lebende Literat „manchmal eine Müdigkeit, bestimmte Dinge immer erklären zu müssen, ständig in einer Rechtfertigungshaltung zu sein“. Stattdessen tritt er für eine gleichberechtigte Betrachtung der vergangenen Verhältnisse in Ost – und West ein. „Wir nehmen uns etwas, wenn man sich nicht gegenseitig beguckt“.

Politischer Roman

Der Impuls zum durchaus politischen Roman kam übrigens ganz weit im Westen: Im Rahmen einer Literatur-Gastprofessur in Colorado/USA habe er sich intensiv mit dem Schriftsteller Joseph Roth auseinandergesetzt, so Schulze. Vor allem die Erzählung „Der Leviathan“ hatte es ihm angetan: „So was will ich auch mal versuchen“. Roths Korallen hat er allerdings gegen Bücher ausgetauscht.

Hintergrund:

Zum Buch

Der Roman "Die rechtschaffenen Mörder" , 320 Seiten, gebunden, ist am 4. März im Verlag S. Fischer erschienen und kostet 21 Euro.

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