14.06.2019 - 16:44 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Menschen, Schwäne, Emotionen

Dem Schwan geht's gut, sagen zumindest die Ornithologen. Trotzdem schlagen buchstäblich die Wellen hoch, wenn die Langhälse irgendwo Beeinträchtigungen ausgesetzt sind. Im Bürgerpark ist das nicht anders.

Wenn es Familie Höckerschwan gut geht, ist für viele Bürgerpark-Besucher die Welt in Ordnung. Doch leider ist das nicht immer so.
von Andreas Royer Kontakt Profil

Die Schwäne im Stadtpark erfreuen den Betrachter, die Anteilnahme an deren Schicksal ist dementsprechend groß. Viele Nachfragen zum Verbleib der stattlichen Vögel und Bilder oder reine Beobachtungen erreichen alljährlich die SRZ-Redaktion. Vor allem während der Aufzuchtphase der Küken ist die Empfindsamkeit der Parkbesucher besonders ausgeprägt.

Naturschützer wie LBV-Kreisvorsitzender Bernhard Moos oder BN-Kreisgeschäftsführer Horst Schwemmer stehen allerdings auf dem Standpunkt, bei Familie Höckerschwan nicht alles nur durch eine "menschliche Brille" zu betrachten. Im SRZ-Interview erläutert Biologe Bernhard Moos, die natürliche Seite der Vorgänge am Sulzbach-Rosenberger Schwanensee.

ONETZ: Spaziergänger und Anwohner nehmen mitunter stark Anteil am Schicksal mancher wildlebenden Vogelfamilie. Zum Beispiel wird die Entwicklung der Schwanenfamilie im Sulzbacher Stadtpark aufmerksam beobachtet. Herr Moos, zu welcher Sichtweise raten Sie?

Da es sich um eine wildlebende Vogelart handelt, kann ein Blick auf die natürlichen Gesetzmäßigkeiten helfen, um das Werden und Vergehen einer solchen Vogelfamilie zu beurteilen.

ONETZ: Bekommen Höckerschwäne genügend Nachwuchs, oder sind die großen Vögel gefährdet?

Sofern die Lebensbedingungen für die jeweilige Tierart weitgehend stimmen, werden stets mehr Jungtiere geboren, als für den Erhalt des aktuellen Bestands erforderlich sind. Ein Höckerschwan kann gut 20 Jahre alt werden. Wenn ein Pärchen jedes Jahr drei bis sechs Jungtiere großziehen würde, dann wären das bei 18 Jahren mit Bruterfolg 54 bis 108 Nachkommen. Würden sich dann diese Nachkommen wiederum selbst fortpflanzen mit vier Jungen pro Jahr, gäbe es im fünften Jahr schon rund 20 Jungtiere, im zehnten Jahr etwa 90 und im zwanzigsten Jahr mehrere Hundert Höckerschwäne, die aus zwei Tieren hervor gegangen sind.

ONETZ: Trotz dieser Rechnung gibt es wiederholt Verluste bei den Schwänen im Stadtpark, was die Menschen emotional beschäftigt. Von sieben Küken, ist aktuell noch eines übrig. Wie ist das zu erklären?

Meine überschlägige Rechnung zeigt, dass es bei wildlebenden Tierarten zu einer Bestandsexplosion kommen würde, wenn nicht ein gewisser Anteil der Jungtiere vor der Geschlechtsreife stirbt. Von Natur aus sind Jungvögel vielen Gefahren ausgesetzt, wie schlechtem Wetter, Nahrungsmangel, Verletzungen oder eben Beutegreifern wie Hauskatzen, Füchsen oder Mardern. In vielen Millionen Jahren konnten nur solche Vogelarten überleben, die einen größeren "Überschuss" an Nachfahren erzeugten, denn in der Natur sterben viele Jungtiere bald.

Lesen Sie hier den Artikel "Burglengenfeld: Schwan spaziert durch Altstadt"

Burglengenfeld

ONETZ: Das wird den Spaziergängern im Park aber nicht als Erklärung reichen. Wie sollten die Menschen mit den Verlusten bei den Schwänen umgehen?

So traurig es auch ist, wenn das niedliche Schwanenkind plötzlich verschwunden ist, so ist das unausweichlich. Es käme bald zu einem starken Streit um Nahrung und Brutplätze, wenn alle Jungtiere überleben würden. In der Folge käme es zu Unterernährung, Krankheiten und einem massenhaften Sterben des Teils eines Tierbestands, der über der Tragfähigkeit des Lebensraums liegt.

ONETZ: Wie sieht es eigentlich mit der Konkurrenz der Wasservögel untereinander aus?

Schwäne sind sehr dominante Tiere, die andere Wasservögel vom Teich verdrängen. Wird eine Vogelart besonders gefördert, geht das zu Lasten anderer Vogelarten, die dann Brutplätze verlieren. Auch kann in unserer Landschaft nur eine bestimmte Zahl jeder Vogelart leben, denn Nahrung und Brutplätze sind begrenzt. Alle Höckerschwäne einer Gegend benötigen die gleichen Ressourcen. Überleben alle Jungtiere eines Paares müssen mehr Nachkommen eines anderen Paares sterben.

ONETZ: Schwäne gehören also nicht zu den bedrohten Vogelarten. Kann man sie trotzdem in irgendeiner Form unterstützen?

Will man wildlebende Vögel fördern, ist es gut, wenn man das gesamte Gefüge im Auge hat. Beispielsweise kann eine starke Bestandszunahme des Uhus dazu führen, dass Waldkauz, Wespenbussard oder Rotmilan häufiger vom Uhu gefressen werden. Hängt man viele Meisenkästen in einen Auwald, kann es passieren, dass seltene Schmetterlinge wie Schillerfalter stark dezimiert werden.

ONETZ: Die Art und Weise, wie Menschen mit den Tieren in ihrer Umgebung umgehen, ist doch ein Zeichen für die Menschlichkeit einer Gesellschaft?

Darum ist Gelassenheit und Zuversicht bei einer Schwanenfamilie angebracht. Auch wenn in manchen Jahren nur wenige Jungtiere überleben, so wird es die Schwäne noch sehr lange geben. Der Tod "überzähliger" Jungtiere ist im natürlichen System eingeplant und unbedingt notwendig.

Bernhard Moos, Kreisvorsitzender des Landesbundes für Vogelschutz.
Neben dem Schicksal der Schwäne, ist den Spaziergängern im Bürgerpark auch die Algenbelastung des Stadtweihers ein Anliegen.
Info:

Bei Misserfolgen gelassen bleiben

Für Horst Schwemmer, Geschäftsführer der Kreisgruppe des Bundes Naturschutz, gehören die Schwäne im Sulzbacher Stadtpark zum Gesicht des Parks. „Jeder, der ihnen schon mal zu nahe gekommen ist, weiß, dass sie ihre Jungen verteidigen können. Mich erinnert es an meine Kindheit, wo wir im Dorf die Hausgänse gerne geärgert hatten und dafür auch öfter Reißaus nehmen mussten, weil sie uns nach sind.“ Schwäne seien zoologisch Entenvögel, Unterfamilie Gänse. Da heiße es aufpassen, denn Schwäne passen sehr auf ihre Jungen auf. Doch auch im Stadtpark könne es passieren, dass Marder oder Füchse sich Jungschwäne zur Beute machen. „Das ist die Natur – auch in der Stadt. Unlängst sind wohl wieder Jungschwäne ums Leben gekommen. Hunde sollten in jedem Fall angeleint sein, das liegt in der Verantwortung der Hundehalter“, rät der Fachmann.

Es sei seiner Ansicht nach schön, dass es gründelnde Schwäne im Stadtpark gibt. Wenn sie ausreichend Wasserpflanzen finden, die ihnen Nahrung bieten, könnten sie ihre Jungen groß ziehen. „Wir sollten aber gelassen bleiben, wenn es Misserfolge bei der Brut gibt oder Jungvögel von Raubtieren aufgefressen werden. Das ist, wie gesagt, die Natur.“

Bund Naturschutz-Kreisgeschäftsführer Horst Schwemmer.
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