13.11.2020 - 17:09 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Messerattacke in Sulzbach-Rosenberg: Angeklagter muss dauerhaft in Psychiatrie

Der junge Mann auf der Anklagebank sagt kein Wort. Er hat soeben erfahren, dass er wegen einer bei ihm vorhandenen Geisteserkrankung dauerhaft in die Psychiatrie muss. Vor dem Landgericht musste er sich für einen Messerangriff verantworten.

Auf dem Sparkassenvorplatz in Sulzbach-Rosenberg geschah die Tat.
von Autor HWOProfil

Was der die Große Jugendstrafkammer führende Landgerichtspräsident Harald Riedl ganz zum Schluss zog, war ein Fazit, wie man es selten in Gerichtssälen hört. Riedl dankte dem Staatsanwalt und dem Verteidiger dafür, dass sie „maßgebend zur Aufklärung aller Umstände beitrugen“. An vier Prozesstagen hatten sich die Richter mit einer Tat zu befassen, die heuer am 3. Februar gegen 1.30 Uhr morgens vor einer Bankfiliale in Sulzbach-Rosenberg geschah.

Der seit langem unter Schizophrenie leidende Beschuldigte, von inneren Stimmen getrieben, hatte ein Messer dabei, als er vor dem Geldinstitut auf einen Obdachlosen traf, der sich in der beleuchteten Eingangshalle ein Nachtlager bereiten wollte. Die Männer kamen ins Gespräch. Dann zog der zu diesem Zeitpunkt noch 20-Jährige seine Waffe und stach zweimal auf sein wehrloses Opfer ein.

„Von ihm geht Gefahr aus und das bleibt auch weiterhin so.“

Landgerichtspräsident Harald Riedl

Landgerichtspräsident Harald Riedl

Der 58-Jährige ging zu Boden und bekam von seinem Peiniger eine Vielzahl von Fußtritten, die vornehmlich den Kopf trafen. Danach ging der Täter, kehrte aber kurze Zeit später noch einmal zurück. Der Mann besah sich die Verletzungen und verschwand dann endgültig. Wenige Stunden darauf nahmen ihn Polizeibeamte in seiner Wohnung fest. Das Opfer kam mit schweren Verletzungen, darunter Serienrippenbrüche, ins Krankenhaus.

Unberechenbare Gefahr

Im Verlauf des Verfahrens hörte die Jugendkammer mehrere psychiatrische Sachverständige. Dabei formte sich der Eindruck, dass da einer vor seinen Richtern saß, von dem eine fortdauernde und wohl auch unberechenbare Gefahr ausgeht. Ein Mann, der auch dem Rauschgift verfallen war. Doch ausschließlich diese Sucht zu kurieren und ihn dann wieder auf freien Fuß zu setzen, verbiete sich, hieß es nun im Urteil.

War das Geschehen in Sulzbach-Rosenberg als versuchter Mord zu werten? In seiner Anklageschrift hatte Staatsanwalt Holger Bluhm die Messerattacke ursprünglich juristisch so eingestuft. Im Plädoyer rückte er nun davon ab und ging von gefährlicher Körperverletzung aus. Gleichwohl hielt Bluhm den 21-Jährigen für fortdauernd gefährlich und bezeichnete dessen Unterbringung in der Psychiatrie als dringend geboten. Ähnlich äußerte sich Verteidiger Georg Karl (Regensburg). An einer Einweisung in die Forensik komme man wohl nicht vorbei, ließ er anklingen und hoffte darauf, dass sein Mandant irgendwann die Chance bekomme, „wieder in Freiheit zu leben“.

Ohne Heimtücke

Angesichts der ihr vorliegenden Gutachtermeinungen musste die Jugendkammer handeln. Sie ordnete im Urteil eine dauerhafte Unterbringung des 21-Jährigen an. Der Beschuldigte, unterstrich Richter Riedl, könne wegen seiner Schizophrenie strafrechtlich nicht zur Verantwortung gezogen werden. „Sein Leiden hat ihn in der Persönlichkeitsstruktur wesentlich verändert“.

Das für einen Mordversuch notwendige Merkmal der Heimtücke verneinten die Richter. Dabei sei die psychische Verfassung des Mannes ebenso zu berücksichtigen gewesen wie dessen Vorgehensweise nach der Messerattacke. Der Täter sei noch einmal zum Opfer zurückgekehrt und habe nachgesehen, ob da noch Leben im Körper sei. Er sei also davon ausgegangen, dass kein Toter vor ihm lag. Von daher also eine Art Rücktritt vom Tötungsvorsatz und mithin juristisch als gefährliche Körperverletzung einzustufen.

In der Konsequenz der Entscheidung war es letztlich unerheblich, ob da nun ein Mordversuch oder gefährliche Körperverletzung vorlag. Wörtlich sagte der Kammervorsitzende Riedl: „Von ihm geht Gefahr aus und das bleibt auch weiterhin so.“ Deswegen sei die Unterbringung anzuordnen gewesen. Ob man den 21-Jährigen jemals wieder auf freien Fuß setzen könne, müsse nun der weiteren Behandlung des Sulzbach-Rosenbergers und einer Beurteilung durch Fachärzte überlassen bleiben.

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Kommentare

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Walter Neuschitzer

Es ist ganz klar, dass die Gesellschaft vor einem solchen Menschen geschützt werden muss.
Aber die Einweisung in die Psychiatrie birgt Risiken. Die klassische Psychiatrie liebt Psychopharmaka, und viele Psychopharmaka verstärken noch die Neigung zu Mord (und Selbstmord). Am besten wäre es, wenn sich die Psychiatrie hier auf ihren eigentlichen Auftrag besinnt, nämlich die Geisteskranken sicher zu verwahren.

18.11.2020