Verängstigte Hasen, ein totes Rehkitz mit Bisswunden am ganzen Körper, ein weiteres mit blutenden Augen, das bald darauf stirbt: Es sind schlimme Fotos, die Susanne Kunisch auf ihrem Handy hat. "Leute wollen sowas nicht sehen", sagt die Vorsitzende der Rehkitzrettung Amberg-Sulzbach. "Ich will sowas auch nicht sehen." Die Sulzbach-Rosenbergerin setzt sich für die Rettung von Wildtieren ein.
Das ist momentan akut. Denn am 1. März hat die Brut- und Setzzeit der Wildtiere begonnen, die offiziell bis 15. Juli dauert - ein Zeitraum, den der bayerische Staat definiert hat. Wildenten, Vögel, Wildhasen, Wildschweine, Rehe und Füchse legen ihre Jungen, sobald diese das Licht der Welt erblickt haben, in die Wiesen. Umso wichtiger ist es, dass Tiere dort Schutz finden.
"Das Problem ist, dass sich der Mensch immer weiter ausbreitet", sagt Kunischs Tochter Selina, Zweite Vorsitzende der Rehkitzrettung. "Ich bin auch gern in der Natur", so die 25-Jährige. Doch sei es wichtig, sich dort an bestimmte Verhaltensregeln zu halten, um tragische Fälle von zerbissenen Rehen und Hasen zu vermeiden.
Hunde an die Leine
Ganz konkret: Hundebesitzer sollten ihren Hund an die Leine nehmen. Denn egal, wie gut Hunde erzogen sind, sie haben einen natürlichen Jagdinstinkt. Sie bemerken Wildtiere viel früher als Menschen, nehmen die Fährte auf und rennen los. "Für die Besitzer ist es dann ganz schwer, ihr Haustier zurückzurufen", erklärt Susanne Kunisch.
Die Tiere geraten unter Stress. Dann gibt es verschiedene Szenarien: Im schlimmsten Fall reißt der Hund das Tier, oder es stirbt nach der Flucht vor Erschöpfung. Ist es eine Rehgeiß, verhungern auch ihre Jungen. War das Tier trächtig, sterben höchstwahrscheinlich auch die Kitze. Aber auch weniger brutale Szenarien sind fatal: Beschnuppert ein Hund aus Neugierde Vogelnester oder Jungwild, die von März bis Juli in der Wiese liegen, nehmen diese den Hundegeruch an. Die Tiermutter verstößt daraufhin ihre Jungen. Sie verhungern. Das Tierleid geht noch weiter: Sterben Jungtiere, hat das Muttertier Schmerzen im Gesäuge.
Selina Kunisch betont, dass die Hunde selber dafür natürlich nicht verantwortlich sind. Stattdessen müssten die Hundehalter aufmerksam sein. Auch Schleppleinen sind möglich. Wichtig ist es, seinen Hund im Auge zu behalten.
Leinenpflicht gefordert
Der Appell geht auch an Spaziergänger ohne Hund und an Fahrradfahrer: Auf den offiziellen Waldwegen bleiben, leise sein und auf keinen Fall die Jungwildtiere anfassen. "Wald und Wiese sind der Lebensraum der Tiere, wir kommen als Gäste", sagt Selina Kunisch. Die Rückzugsorte für die Wildtiere werden immer geringer. Und Autofahrer sollten vor allem von März bis Juli mit dem Tempo runtergehen: Wenn das Elterntier überfahren wird, dann sterben auch dessen Kitze.
2020 gründete Susanne Kunisch den Verein Rehkitzrettung Amberg-Sulzbach. Inzwischen hat er 55 Mitgliedern. Die Sulzbach-Rosenbergerin hat schon vieles gesehen: Auch Rehe, die gejagt wurden und bei der Flucht im Zaun hängen bleiben.
Sie zeigt ein weiteres Foto: Eine Rehmutter, die trächtig ist, aber nun zu Tode gehetzt auf der Wiese liegt. Ihre beiden Kitze liegen neben ihr. Ein Jäger holte sie aus ihrem Bauch, um sie zu retten, doch sie sind mit der Mutter gestorben. Um solche Szenen zu verhindern, sprechen sich die Rehkitzretter für eine Leinenpflicht aus – mindestens während der Brut- und Setzzeit. Andere Bundesländer hätten die schon eingeführt, Bayern sei rückschrittlich. Mehr Unterstützung wünscht sich die Rehkitzrettung Amberg-Sulzbach von den Kommunen. Die Rehkitzretter schrieben alle 27 Landkreis-Gemeinden wegen einer Leinenpflicht an. Nur eine Antwort kam zurück – aus Ammerthal. Dabei profitieren von der Pflicht auch Hund und Hundehalter.
Wann Jäger schießen dürfen
"Wenn ein Hundebesitzer sein Haustier wissentlich nicht unter Kontrolle hat und dieses ein Wildtier verfolgt, kann das strafbar sein", sagt Michael Kernebeck, Dienststellenleiter der Polizei Sulzbach-Rosenberg. Der Tatbestand ist Jagdwilderei. Es ist die Aufgabe der Revierinhaber, das zur Anzeige zu bringen, doch häufig drücken diese ein Auge zu. Gibt es keine Zeugen, ist es schwer, den Schuldigen auszumachen. Kernebeck schätzt, dass nur einmal im Jahr bis alle zwei Jahre eine Jagdwilderei angezeigt wird. Die Dunkelziffer der gehetzten Wildtiere sei höher. "Unter bestimmten Bedingungen darf der Jäger den Hund erschießen", sagt Kernebeck. Das regelt der sogenannte Jagschutzparagraf im Bayerischen Jagdgesetz. Zum Beispiel schon dann, wenn ein Hund die Fährte aufgenommen hat.
Jede Gemeinde ist selbst für ihre Hundeverordnung zuständig. Doch Sulzbach-Rosenbergs Bürgermeister Stefan Frank beruft sich auf das bayernweite Gesetz, das keine generelle Leinenpflicht vorsieht. Er, der selbst Jäger ist, sieht sich zwischen den Stühlen: Hunde anzuleinen zum Schutz der Wildtiere findet er wichtig, doch eine Pflicht lehnt er ab. Frank appelliert an den gesunden Menschenverstand.
Verein entwirft Schilder
"Etliche Besitzer haben kein Verständnis. Sie sagen, ihr Hund habe keinen Jagdtrieb", berichtet Susanne Kunisch. Andererseits gebe es auch positive Begegnungen. "Viele wissen nicht, dass Jungtiere in den Wiesen liegen. Aber sie leinen ihren Hund an, sobald sie es erfahren."
Dafür hat der Verein Hinweisschilder entworfen. Die Gemeinde Ammerthal nahm das Angebot an und hängte sie in Wald- und Wandergebieten auf. Auch die Gemeinde Illschwang weist mit Schildern darauf hin, Hunde an der Leine zu führen. Das sei wichtig. "Fast täglich erhält unser Verein in der Brut- und Setzzeit die Nachricht, dass Rehe, Rehkitze und Wildtiere von freilaufenden Hunden gejagt, gehetzt und gerissen werden", sagt Susanne Kunisch.
Brut- und Setzzeit: Das gilt es zu beachten
- Zwischen 1. März und 15. Juli: in Bayern Brut- und Setzzeit vieler Wildtiere.
- Hasen, Rehe, Wildschweine, Füchse und Bodenbrüter-Vögel bringen ihre Jungen zur Welt.
- Der Bayerische Jagdverband appelliert an Haustierbesitzer: Hunde sollen auf Wiesen und an Waldgebieten an der Leine geführt werden.
- Für Fußgänger und Fahrradfahrer gilt: Bleiben Sie auf den ausgewiesenen Wegen. Leuchten Sie in der Nacht nicht mit Fremdlichtquellen wie Stirnlampen quer durch den Wald. Das erschreckt Tiere.
- Berühren Sie Wildtiere nicht, auch wenn sie allein und hilflos scheinen. Normalerweise befindet sich die Mutter in der Nähe.
- Wildschweinen aus dem Weg gehen: Wenn Sie dem Nachwuchs zu nahe kommen, können Sie oder Ihr Hund schwer verletzt werden.
- Kontakt zur Rehkitzrettung Amberg-Sulzbach unter 0151/51753733, kontakt[at]rehkitzrettung-as[dot]de oder www.rehkitzrettung-as.de


















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