05.06.2019 - 17:32 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Nest ist Rettung und Zuflucht für Tiere

Das Handy klingelt. "Ich habe einen kleinen Hasen gefunden!", "Bei mir auf dem Balkon brütet eine Ente!", Hans Weiß ist die Ruhe selbst. Schließlich leitet er seit über 20 Jahren die einzige Tierauffangstation im Sulzbacher Raum.

Der alte Schwarzstorch wartet auf seinen Fisch. Hans Weiß fragt: Wer hat Giebel oder ähnliches aus dem Gartenteich abzugeben, um dem Senior zu helfen?
von Joachim Gebhardt Kontakt Profil

Wolfshund Sepp liegt vor dem Haus und beobachtet alles: Rund 250 Tiere kommen und gehen jedes Jahr in dem weitläufigen Gelände in Kümmersbuch. Hans Weiß, selbstständiger Dachdecker- und Zimmerermeister, ist bekannt in der ganzen Oberpfalz und bis nach Mittel- und Oberfranken. Die Auffangstation für Wildtiere und Exoten heißt "Das Nest" und lockt mit ihrem tagsüber besuchbaren Gehegen viele Besucher an.

Auch unsere Zeitung kommt gerne, als uns Hans Weiß um einen Gefallen bittet: Er braucht Futter für einen ganz speziellen Gast, und das soll bekannt gemacht werden. "Er wurde bisher mit Speiseforellen gefüttert, aber das ist mir natürlich zu teuer", beschreibt er den Appetit seines neuesten Zöglings: Im Gehege stolziert ein seltener Schwarzstorch.

Hungriger Storchen-Greis

Er stammt aus dem Kulmbacher Raum und hat sich an einer Oberleitung den Flügel verletzt. Hans Weiß päppelt den fachgerecht versorgten Vogel jetzt wieder auf, glaubt aber nicht, dass er ihn jemals wieder in die Freiheit entlassen kann: "Er ist einfach schon zu alt, um sich wieder vollständig zu erholen." Jetzt appelliert der ehrenamtliche Tierhelfer an alle Teichbesitzer: "Wer hat kleine Fische abzugeben, vorzugsweise Giebel und ähnliche, die überzählig sind und als Futter dienen können?" Denn der Storchen-Greis hat ordentlich Appetit. Er teilt sein Gehege mit zwei Weißstörchen und kommt inzwischen ganz gut klar mit ihnen. Jetzt im Frühjahr steht der Stationsleiter noch vor anderen Aufgaben: Überall gibt es Jungtiere, die nach Ansicht wohlmeinender Menschen der Hilfe bedürfen. Dabei ist das meist gar nicht der Fall: "Ein Jungvogel wird oft noch gefüttert, wenn er schon auf einem Ast im Baum sitzt - aber die meiste Zeit sind die Tiere halt allein."

Tödlicher Fehler

Weiß erzählt von dem Fall eines kleinen Hasen, der entdeckt und mit nach Hause genommen wurde - und dort kein Gras anrührte. "Ich habe dem Anrufer dann erklärt, dass der Hase noch sehr jung ist und gesäugt werden müsste". Der kleine Feldhase wurde vom Finder offensichtlich mit einem "Stallhasen, der ja ein Kaninchen ist, gleichgesetzt. Ein fataler, für den kleinen Hasen vermutlich tödlicher Irrtum. "Jungtiere im Zweifelsfall nicht mitnehmen", rät Weiß allen Spaziergängern. Etwas anderes ist es mit verletzten Tieren - die brauchen Hilfe. Und die bekommen sie im "Nest". Die Liste der Patienten liest sich wie Brehms Tierleben: Schildkröten, Waschbär, Wellensittich, Stinktier, Papageien, Tag- und Nachtgreifvögel, Fuchs, Reh, Wassergeflügel, Meerschweinchen, Hühner, Wildschweine und zahlreiche Kleinvögel sind nur ein kleiner Auszug aus dem Bestand.

Das macht mächtig Arbeit, und Hans Weiß ist deswegen sehr froh über Hilfe. Ein Mädchen kümmert sich beispielsweise um die Handaufzucht von Singvögeln, andere helfen mit beim abendlichen Füttern. Und er fährt auch selbst seine Einsätze: Kürzlich hat er ein Rehkitz, dessen Mutter bei einem Verkehrsunfall getötet wurde, gesucht und mit einem Trick auch gefunden. Dann konnte es aufgezogen werden und lebt jetzt im Gehege im Veldensteiner Forst. Überhaupt ist Weiß bestens vernetzt mit einer Vielzahl ähnlicher Einrichtungen, unter anderem dem Vogelpark Haßloch, Tiergarten Straubing, Bayerwaldzoo Lohberg, vielen Tierheimen, auch in Franken, und der Falknerei Burg Rabenstein.

Er betrachtet die meisten seiner rund 250 Gäste als Durchgangskandidaten. Verletzte werden wenn möglich gesundgepflegt und wieder freigelassen, Haustiere aber auch an Familien abgegeben. "Hasen und Meerschweinchen sind vor Ostern fast alle weg, vor den Sommerferien kommen sie dann wieder", umschreibt er die Problematik der privaten Tierhaltung. Aber lieber ist ihm, man bringt das Tier zu ihm, als dass man es einfach aussetzt. So geschehen vor kurzem mit einem zahmen Stinktier: Das stand mit Käfig im Wald und wurde nur zufällig von einem Jäger entdeckt.

Jetzt ist das Informationsgespräch beendet, Hans Weiß greift zum Futterkübel. Seine Schützlinge warten schon. Und Wolfshund Sepp begleitet ihn fürsorglich. Auf geht's!

Info:

Nest braucht Futter

Die Station braucht natürlich enorm Futter: Im Jahr 60 000 tiefgefrorene Eintagsküken, 200 Bisamratten (vom Fänger), 100 aussortierte Brieftauben, 20 überfahrene Hasen oder Rehe, 7,5 Tonnen Getreide, Heu, Stroh und Grünfutter und 1,2 Tonnen Sämereien. Spenden und Futtergaben werden gerne entgegengenommen. Kontakt: Hans Weiß, 0172/822 69 53.

Wolfshund Sepp bewacht die schwarzen Schwäne.
Auch dieser kleine Fuchs erholt sich im „Nest“ von seinen Erlebnissen.
Verletzte Greifvögel jeder Art pflegt die Station gesund und lässt sie danach frei.
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.