27.09.2021 - 16:37 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Neues aus der "Forschungsküche" über Hildegard von Bingen

Hildegard von Bingen und Bertha von Sulzbach - eine Beziehung der besonderen Art. Konnte die Visionärin und Kräuterfrau der Kaiserin von Byzanz zu einem Sohn verhelfen?

Über die "Kaiserflüsterin" Hildegard von Bingen sprach der Historiker Dr. Matthias Schmandt im Capitol.
von Helga KammProfil

Das Evangelische Bildungswerk nahm sich des Themas an, das Interesse blieb in Grenzen, und der Vortrag des Historikers Dr. Matthias Schwandt im Capitol war als „schwere Kost“ einzuordnen: Hildegard von Bingen, die heute so populäre Visionärin, Kräuterfrau, Mahnerin, Komponistin und starke Frau des Mittelalters, stand im Mittelpunkt des Abends. Der Referent zeigte aber auch - „ganz neu aus der Forschungsküche“ - komplexe Zusammenhänge auf: ihre adelige Herkunft, die Vernetzung durch ihren in ganz Europa verteilten Familienverband, ihre Missions-Visionen, ihre Rollenwechsel von der „Endzeit“-Mahnerin zur Verkünderin des paradiesischen Zeitalters.

Hildegard von Bingen lebte von 1098 bis 1179. Die „streitbare Klosterfrau“ verfasste mehr als dreihundert Schreiben an weltliche Herrscher, kirchliche Würdenträger und normale Bürger in ganz Europa. Ihr Brief an Bertha von Sulzbach zeigt ihre menschliche, gefühlvolle Seite. Die Kaiserin von Byzanz werde einem Sohn das Leben schenken, schreibt sie, wenn sie nur Gottes Gebote befolge. Ihre Weissagung ging nicht in Erfüllung. Im fortgeschrittenen Alter gebar Irene zwei Töchter; den Sohn erhielt Kaiser Manuel erst nach ihrem Tod von seiner zweiten Frau.

Der Historiker Schwandt attestiert Hildegard ein Auftreten, das der Dramaturgie eines von vornherein hochpolitischen Rollenentwurfs folgt. "Sie inszeniert sich als christliche Sibylle und tritt so die Nachfolge ursprünglich heidnischer Seherinnen an, die den Königen ihrer Zeit Handlungsempfehlungen gaben." Die antike Sibylle habe als Prophetin unter den Heiden gegolten und Künderin von der Geburt Christi. Vom Ende der Zeiten habe auch Hildegard gesungen, wenn sie den Mächtigen die Leviten las oder die Geburt eines wichtiges Kindes ankündigte.

Matthias Schwandt, Direktor des Museums in Bingen, führte seine Zuhörer durch Endzeiten, Zwischenzeiten und paradiesische Zeiten, er sprach von Herrschern, Göttern, von Reichen und dem Antichrist und verglich Ost- und Westkirche. Hildegard habe sich bei der Begründung ihrer geschriebenen Texte auf Visionen berufen, die sie 1141 niederzuschreiben begann und 1147 veröffentlichen durfte. Ihr selbstbewusstes und charismatisches Auftreten habe zu ihrer großen Bekanntheit geführt. Für viele Menschen wurde sie zur Wegweiserin.

Dass Hildegards Texte, nachdem sie lange Zeit vergessen waren, heutzutage vieldeutig interpretiert werden können, bestätigte Schwandt im Gespräch mit seinen Zuhörern. "Entscheidend ist, was man daraus macht", erklärte er. Die Bedürfnisse des 20. Jahrhunderts hätten zur Entdeckung Hildegards als Kräuterfrau geführt. Sie habe naturkundliche Werke verfasst, was aber normal wäre bei einer Seherin. "Ihre Kompositionen, ihre visionären Bilder, ihre Schriften, all das, was wir heute vermissen, finden wir in dieser Frauenfigur", urteilte der Referent abschließend über Hildegard von Bingen, die 2010 zur Kirchenlehrerin ernannt worden ist.

Dr. Jutta Sperber, neue Referentin beim Evangelischen Bildungswerk, lud nach dem Dank an den Referenten zu einer Zwei-Tage-Fahrt am 23. und 24. Oktober nach Bingen und Mainz ein. Besucht wird die Sonderausstellung „Die Kaiserflüsterin – Hildegard von Bingen und Friedrich Barbarossa“. Anmeldungen sind möglich unter ebw-oberpfalz.de/Veranstaltungen.

Hintergrund:

Zur Person: Matthias Schmandt

  • Geboren 1969, Studium der Geschichte, Germanistik und Pädagogik
  • 1995 bis 2000 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Trier, dann Promotion
  • Leiter des Kulturamts der Stadt Bingen und Direktor des dortigen Museums

Synergieeffekte für die Evangelischen Bildungswerke

Weiden in der Oberpfalz

 

 

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