19.08.2020 - 15:21 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Pandemie-Wissen vor 200 Jahren: „Große Masse menschlicher und anderer Ausdünstungen“

Viele Corona-Experten sind bekannt geworden in den letzten Monaten. Sie erklären Pandemien, raten und mahnen. Was hat man vor 200 Jahren darüber gewusst? Die Sulzbach-Rosenberger Apothekerin Helma Koch gibt im Interview Auskunft.

Helma Koch verweist in Zeiten der Pandemie auf den historischen Amtsarzt Schleis von Löwenfeld, dem sie ein Theaterstück widmete.
von Helga KammProfil

Die aktuelle Corona-Pandemie macht weiterhin täglich Schlagzeilen. Nahe liegt hierbei die Frage, wie Betroffene und Mediziner in früheren Zeiten mit grassierenden Krankheiten umgingen. Antworten darauf gibt Helma Koch im SRZ-Interview. Die ehemalige Apothekerin und Autorin, lässt dabei auch Schleis von Löwenfeld zu Wort kommen, den „Ersten Sulzbacher Amtsarzt“ aus ihrem historischen Krimi.

ONETZ: Was hat der "Erste Amtsarzt" im damaligen Sulzbach schon über Ansteckung und Impfung gewusst?

Helma Koch: Schleis von Löwenfeld hat noch nichts von Viren und Bakterien wissen können, aber intuitiv und aus Erfahrung schon tödliche Gefahren gesehen, wenn Menschen auf zu engem Raum leben oder feiern. Ein Zitat über Tanzveranstaltungen: "... man wird staunen, dass nicht allzeit mehrere Menschen an solch einem Tage Opfer eines schnellen Todes werden.“ Bei unseren Theaterproben haben wir noch darüber gelacht.
Ähnlich schreibt die Virologin Karin Mölling in einem Buch von 2015, dass es für sie fast unbegreiflich ist, dass durch das immer nähere Zusammenrücken der Menschen durch die Überbevölkerung unseres Planeten nicht viel mehr passiert.

ONETZ: Gab es damals nicht auch Pandemien?

Helma Koch: Es blieb meist bei Epidemien, da die Menschen nicht so mobil waren. Wir brauchen nur an Pest, Pocken, Cholera, Ruhr, spanische Grippe usw. denken. Durch Hygiene, Impfung und Medikamente haben wir uns bis zur jetzigen Pandemie relativ sicher gefühlt. Die Medizinhistoriker sahen das anders.

ONETZ: War Sulzbach vor 200 Jahren auch schon überbevölkert?

Helma Koch: Zumindest Schleis von Löwenfeld sah das so. Zitat: „... die große Masse menschlicher und anderer Ausdünstungen, durch welche die in den Wohnungen eingeschlossene Luft immer mehr und mehr verdorben wird.“ Ein weiteres Zitat: „Noch wohnt in mehreren Ortschaften auf dem Lande der Schullehrer mit einer oft sehr zahlreichen Familie in eben dem kleinen Zimmer, in welchem Schule gehalten wird.“

ONETZ: Warum hat man diesen nicht geglaubt?

Helma Koch: Bereits der Vater unseres ersten Amtsarztes Schleis von Löwenfeld hat eine Zeitung herausgebracht, um die Menschen aufzuklären. Vater und Sohn haben sich leidenschaftlich bemüht, gegen Aberglauben, Unwissenheit und Starrsinn zu kämpfen. Heute nach 200 Jahren und vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat unser Wissen so immens zugenommen, dass es von Laien nicht mehr nachvollzogen werden kann. Daraus resultieren unsere Demonstrationen gegen die Vorsichtsmaßnahmen, Verschwörungstheorien und auch Überängstlichkeit.

ONETZ: Wie kann es also Ihrer Meinung nach weitergehen?

Helma Koch: Wir haben bereits erfahren, dass große Menschenmengen in geschlossenen Räumen die größte Gefahr sind. Vieles ist heute jedoch durch die Digitalisierung weiterhin möglich. Für unser soziales Zusammenleben und unsere Kultur ist die Pandemie sehr schmerzlich. Hier werden wir wohl kurz- und mittelfristig andere Wege gehen müssen.

ONETZ: Und wie geht es speziell mit Ihrem Theaterstück weiter?

Helma Koch: Die maßgeschneiderte Inszenierung von Peter Seidl für den Goglhof mit der gleichen Theatergruppe wie im Seidel-Saal ist der Pandemie zum Opfer gefallen. Ich persönlich rechne nicht damit, dass im Frühling wieder alles normal sein wird. Das Virus wird sich nicht an uns anpassen, sondern wir müssen lernen, damit zu leben. Das sieht für mich so aus, dass ich meine ursprüngliche eigene Fassung nach dem aufmunternden Rat von Michael Ritz verwirklichen möchte. Diese wäre dann authentisch und coronatauglich. Klappstuhlaufführungen, natürliche Kulissen mit einem Mindestmaß an Technik machen auch Aufführungen vor weniger Zuschauern mit Mindestabstand und im Freien möglich.
Sollte es die Pandemie nicht zulassen, dann möchte ich die einzelnen Szenen zunächst filmisch festhalten. Wer sich darauf einlassen möchte, kann sich gerne bei mir melden!

Helma Koch ist Apothekerin im Ruhestand, schreibt Bücher und ein Theaterstück und spielt im Flötenquartett Rosenholz mit. Das Bild zeigt drei der Musikerinnen bei einer Aufnahme für BR Heimat mit Moderatorin Evi Strehl (Zweite von links).

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