23.07.2019 - 08:00 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

"Panzer" mit viel Feinsensorik

Ein Smartphone erkennt Wärmebrücken bei Häusern. Und der Handwerker hat die richtigen Ersatzteile immer dabei. Die Digitalisierung macht das Leben einfacher.

Wo fließt das Warmwasser? Die Wärmebildkamera des Smartphones verrät es.
von Alexander Rädle Kontakt Profil
Für Werner Übelacker ist sein Smartphone zu einem unverzichtbaren Begleiter geworden.
Notebooks sind auf vielen Baustellen unverzichtbar geworden zur schnellen Abstimmung von Plänen.

Nicht nur in der Industrie ist Digitalisierung ein bestimmendes Thema - auch im Handwerk. Rund 95 Prozent der Betriebe verfügen über eine Homepage, 58 Prozent setzen Software für die Steuerung ihrer betrieblichen Abläufe ein. Dies ergab eine Umfrage des Digitalverbandes Bitkom gemeinsam mit dem Zentralverband des deutschen Handwerk.

Trotz steigender Tendenz haben aber noch viele Unternehmen Nachholbedarf. "Besonders für kleine Handwerksbetriebe sind Büro-, Verwaltungs- und Planungsarbeiten echte Zeitfresser. Software-Lösungen können die Organisation eines Betriebs enorm vereinfachen", sagt ZDH-Geschäftsführer Karl-Sebastian Schulte laut einer Pressemitteilung.

Prozesse verschlanken

Die Ziele sind zumeist sehr ähnlich: Geschäftsprozesse in Planung, Einkauf, Produktion und Logistik verbessern. Und: Neue Kundenkreise erschließen. Obwohl viele Handwerksmeister den Bedarf sehen und über den notwendigen Willen verfügen, stellt sie oft die Umsetzung vor Hürden - entweder, weil es im Betrieb an IT-Kompetenz und an den Ressourcen mangelt oder weil ganz einfach die Internetanbindung lahmt. Und nicht zuletzt ist auch die Gewährleistung von Datenschutz und Cybersicherheit unerlässlich. Doch wie sieht die digitale Handwerkszukunft konkret aus? Zwei Beispiele:Ein Haustechnik-Betrieb: Bereits jetzt verfügen alle Mitarbeiter über ein von der Firma gestelltes Dienst-Smartphone. Nicht nur das Personal im Büro, sondern auch jeder Monteur hat eine persönliche E-Mail-Adresse. Bilder und Unterlagen von Aufträgen können so digital zwischen Büro und Baustelle ausgetauscht werden. Wenn etwa ein Heizungskessel streikt, kann der Monteur Fotos von defekten Teilen zur Dokumentation aufnehmen und ins Büro schicken. Dort werden diese bei den Kunden- und Anlagendaten hinterlegt. Hat der Monteur die "Ersatzteil-App" des passenden Herstellers auf seinem Handy installiert, kann er anhand des Typenschildes und seiner Fehlerdiagnose vor Ort auch gleich das richtige Ersatzteil bestellen. Derzeit ist der Betrieb damit beschäftigt, die zweite Stufe seiner Digitalisierungsoffensive zu zünden: Künftig wird ein Notebook das Smartphone ergänzen.

"Wir haben sowieso schon alle Aufträge in der EDV", sagt Dietmar Lenk, Handwerksmeister aus Sulzbach-Rosenberg. Nur logisch sei deshalb der Schritt, dass der Disponent im Büro diese Aufträge nicht mehr ausdruckt und dem Monteur mitgibt, sondern dass der die notwendigen Daten direkt vom Server abruft. Dabei kann er bei Bedarf sich auch die komplette technische Kundenhistorie sehen. So lässt sich schnell erkennen, ob der gleiche Fehler schon früher einmal aufgetreten ist. Sind die Arbeiten beim Kunden erledigt, schreibt der Monteur seinen digitalen Arbeitsbericht und lässt den Kunden am Display unterschreiben. Dreifach-Durchschlag? Zettel im Auto vergessen? Das Tippen der Daten in das Abrechnungsprogramm und in die Lohnbuchhaltung? Alles passé.

Service im Blickpunkt

Gleichzeitig kann die Digitalisierung auch die kleinen Ärgerlichkeiten des Alltags minimieren. Namen oder Adressen sind falsch oder unleserlich? Kein Problem mehr. In der IT sind die Angaben schon richtig hinterlegt. "Die Mitarbeiter sollen möglichst viele Infos über den Kunden haben", sagt Heizungsbau-Meister Lenk. Es geht ihm dabei aber nicht um den gläsernen Kunden, sondern um Service. Durch möglichst lückenlose Dokumentation lässt sich auch im Falle eines Streits schnell klären, wo der Hase im Pfeffer liegt. Gute Erfahrungen hat der Meister vor diesem Hintergrund mit dem GPS-Ortungssystem gemacht, über das alle seiner Firmenfahrzeuge verfügen. Zu Beginn stieß das nicht unbedingt auf Zustimmung in der Belegschaft. "Die haben am Anfang schon etwas geschaut. Mittlerweile finden sie es gut." Wenn sich etwa ein Kunde beschwert, der Monteur habe zu viel Arbeitszeit aufgeschrieben, so lasse sich zumindest anhand der Ortungsdaten schnell feststellen, wie lange der Arbeiter vor Ort war. In jedem Fall brauchen Betriebe Geduld und Geld. Je umfassender die Digitalisierung, desto höher die Ansprüche an Soft- und Hardware: Server in doppelter Ausführung, damit Hardware-Defekte den Betrieb nicht gefährden können. Brandschutz. Firewall gegen Hackerangriffe. All das ist erforderlich, denn ein Datenverlust kann das Aus der Firma bedeuten.

Digital auf der Baustelle

Beispiel Outdoor-Smartphone:Ein Luxus-Smartphone aus Cupertino taugt nicht für den rauen Einsatz zwischen Staub und Mörtel? Mag sein. Doch längst haben sich viele Hersteller darauf eingestellt, dass ihre Produkte auch in wenig technikfreundlicher Umgebung zum Einsatz kommen. IP 68 und IP 69 heißen die Codewörter. Das bedeutet: Staubdicht, geschützt gegen dauerhaftes Untertauchen und gegen Strahlwasser. Spezielle Outdoor-Handys sind nicht nur für die Bergwanderung geeignet, sondern auch für den harten Handwerker-Alltag. Stürze aus bis zu 1,8 Metern Höhe auf Beton? Geschenkt. 60 Minuten im Salzwasser? Kein Problem. Das Touchscreen-Display reagiert auch bei nassen Fingern oder bei Handschuhen? Logisch.

Smartphones werden zunehmend zu Universalgeräten, die viele einzelne Werkzeuge ersetzen. Werner Übelacker (55), Bauleiter in der Fertigteilmontage, sagt: "Ohne das digitale Zeug kann ich mir das alles nicht mehr vorstellen." Als Bauleiter ist er in ganz Bayern viel unterwegs - und nicht immer ist jede Baustelle für ihn schnell erreichbar. Wenn es 200 Kilometer entfernt Probleme gibt, dann schickt ihm die Mannschaft einfach Fotos und eine kurze Nachricht. Anschließend lässt sich in der Regel telefonisch schnell eine Ferndiagnose treffen und eine Lösung finden. Über Notebook und Handy hat er natürlich auch Zugriff auch alle relevanten Daten in der Firmenzentrale.

Auch elektrische Geräte sondern Wärme ab. An welcher Stelle? Das verrät das Smartphone.

Drei Messinstrumente

Wärmebildkamera, Laser-Distanz-Messung und Raumluftqualitätssensor. Diese Funktionen umfasst das Outdoor-Smartphone eines Herstellers, der vor allem für Bagger bekannt ist. Die Wärmebildkamera erkennt Wärmequellen bis zu 400 Grad. So lassen sich zum Beispiel Kurzschlüsse, undichte Stellen oder Blockaden aufspüren. Auch Wasserleitungen lassen sich finden. Selbst Landwirten können solche Funktionen helfen. "Ich leuchte über die Wiese, dann sehe ich, ob Tiere drin sind", erzählt Übelacker, dem das Handy in seiner Nebenerwerbslandwirtschaft wertvolle Dienste leistet.

Die Laser-Distanz-Messung hat ebenfalls auf dem Bau Einzug gehalten. Denn das sogenannte Aufmaß gehört zu den wichtigsten Tätigkeiten bei der Abwicklung eines Auftrags: Früher geschah das manuell mit Meterstab und Strichliste auf einem Schreibbrett. Nun lassen sich Flächen und Kubaturen ausrechnen und direkt an die Abrechnung übergeben. Der Raumluftsensor hilft bei ganz praktischen und alltäglichen Aufgabenstellungen: Er misst Temperatur und Luftfeuchtigkeit in Räumen - Werte, die in der Bauphysik eine Rolle spielen. Frisch verputzte Wände müssen beispielsweise erst trocken, bevor sie Farbe aufnehmen können. Moderne Digitalgeräte halten eine Vielzahl an Funktionen bereit. Übelacker vermisst dennoch etwas an seinem Handy. "Der Flaschenöffner fehlt", schmunzelt er.

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