16.02.2020 - 17:10 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Das Programm ist abhängig vom Eintrittspreis

Christoph Weiherer sagt von sich selbst, er sei ein Brutalpoet und biete unvorbereitete Plauderei mit Toneinlage. Vordergründig ja, aber genau genommen ist er genialer Kabarettist und Liedermacher mit gesellschaftskritischen Texten.

Plauderei mit Toneinlage. Nach rund drei Stunden und 15 Liedern inklusive der Zugaben war das Ereignis vorbei. Hoffentlich kommt er bald wieder.
von Heidi FranitzaProfil

Und genau das lebte er zielgerecht und punktgenau auf der Bühne im ausverkauften Seidel-Saal auch aus, perfekt inszeniert mit dem Anschein unbeschwerter, bayerischer Lebensart. Vor 15 Jahren war er das erste Mal in Sulzbach-Rosenberg, erinnerte er sich. Damals noch in der Hängematte. Bei dem jetzigen Auftritt waren die Hälfte der damals acht Zuschauer auch wieder da. Das nennt man Treue.

Tiefgründige Texte

Von Anfang an machte er deutlich, er passe seinen Auftritt den Eintrittspreisen an und ging davon aus, dass es hier in der Herzogstadt recht teuer war. Schließlich gelte es, ein gewisses Niveau zu halten.

Den Dobrindt mag er nicht, den früheren Verkehrsminister. Unverblümt nahm er dazu Stellung. Die Band "Weiherer und die Dobrindts" gibt es nicht mehr. Aber er hatte auch gleich einen Vorschlag für eine noch erfolgreicher Formation: "Weiherer und die Zeugen Seehofers". Der Beifall gab seiner Idee den nötigen Anschub. Wer weiß, ob er bei seinem nächsten Auftritt noch alleine auf der Bühne steht...

Ja doch, der Weiherer singt auch zwischen den Plaudereinlagen, so drei bis fünf Lieder pro Stunde. Eine Setliste gebe es nicht, gestand er ein. Mit tiefgründigen, gesellschaftskritischen Texten wie "Is des no mei Hoamat" oder "Euer System" hielt der Weiherer dem Publikum einen Spiegel vor. Die heitere Plauderei mit niederbayerischer Wirtshauslogik wurde dann zu einer Bestandsaufnahme der Lebensart unterhalb des Weißwurstäquators.

Seine Lebensphilosophie

Das Lied "Meng, meng, meng", also "mögen", ist eine zeitkritische Betrachtung mit dem Fazit, dass man schon sehr viel erreicht hat, wenn man sich mag. Allerdings zog der Weiherer in der anschließenden Plauderei mit dem Wort "meng" Parallelen zu chinesischer Artikulation her und stellte mit diesem Wort ein dreitägiges Überleben in China sicher, auch wenn man diese Sprache überhaupt nicht beherrsche.

Das Lied "Mei Freiheit" wurde von ruhigen, ja schon melancholischen Klängen getragen. Der Text ist eine, ja eigentlich seine Lebensphilosophie. "Wos i brauch", hieß es da. Auf alle Fälle nicht das, was eine übertechnisierte Gesellschaft bietet. Das Lied "I versteh überhaupt garnix" schloss sich inhaltlich direkt an. Der Weiherer schaffte immer wieder den Spagat zwischen Entertainment und Sozialkritik. So auch mit "I ko net oiwei", dem Eingeständnis, sich nicht immer nach Erwartungen der Gesellschaft richten zu müssen und zu wollen.

Postleitzahlen-Kult

Die Postleitzahl von Brunsbüttel ist geliebtes Credo der Weiherer-Jünger. Ursprünglich der Protest gegen den Wahnsinn, in Baumärkten seine Herkunft über die Postleitzahl für Marktforschung zur Verfügung zu stellen. Heute ist die fünfstellige Zahl Kult und Marketing-Instrument. Es gibt nicht nur T-Shirts, sondern auch den "Brunsbeutel" mit entsprechendem 25541-Aufdruck. Ein Schelm ist, wer hier zweideutig denkt. Wasserdicht sei der Beutel nicht, warnte Weiherer.

Die Zugabe kündigte der bayerische Poet schon vorher an. Sein letztes Stück zelebrierte er unplugged, ohne Technik direkt bei den Zuschauern. Er ist einer von uns, und alle Zuschauer waren da. "Im Prinzip aus Protest", so wie sein aktuelles Album heißt.

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