Wenn sich das Sulzbacher Bergland jetzt auf Advent und Weihnachten einstimmt, kann die Rohrwerk-Belegschaft noch immer nicht sorgenfrei leben. Über Jahre und Monate wurde ihr eine extreme nervliche Belastung aufgrund der Insolvenzen und Absatzkrisen zugemutet, die sich vielfach in pure Existenzangst niederschlug. Noch Ende Mai wollte fast niemand mehr einen Cent auf den strauchelnden Röhrenhersteller verwetten, da alle Bemühungen von Insolvenzverwalter Dr. Jochen Zaremba, einen Käufer für das Rohrwerk zu finden, zunächst nicht von Erfolg gekrönt waren. Als es dann Anfang Juni 2024 an die Abwicklung gehen sollte und erste Kündigungen ausgesprochen waren, warf der Branchenkenner und frühere Thyssen-Krupp-Manager Edwin Eichler den Rettungsanker für den Sulzbach-Rosenberger Traditionsbetrieb. Zusammen mit weiteren Shareholdern (Anteilseignern) sorgte er für frisches Kapital, denn schon beim ersten Gespräch mit Oberpfalz-Medien im Juni gab sich der Stahlexperte überzeugt, dass man mit dem Rohrwerk Geld verdienen kann und am Ende wieder schwarze Zahlen stehen.
Betraut sind mit dieser Aufgabe vor Ort die gleichberechtigten Geschäftsführer Michael Stötzel und Clemens Iller, die beide auf langjährige Branchenerfahrungen bauen und trotz widriger Umstände und Standortbedingungen den Rest der einst so erfolgreichen Maxhütte in die Zukunft führen wollen. „Wir sind gerade dabei, den Betrieb wieder langsam hochzufahren, was wir uns zunächst etwas dynamischer vorgestellt haben“, so Iller. Er verweist beim Pressegespräch auf vorherrschende Schwierigkeiten bei der Kunden-Akquise in einem sehr schwachen Marktumfeld, eine unterbesetzte Belegschaft, dünne finanziellen Ressourcen und einen gewissen Vertrauensverlust nach zwei Insolvenzen mit allen negativen Begleiterscheinungen. Aber gerade in all diesen Bereichen setzen die beiden Manager den Hebel an.
Rohre für Energiewende
„Wir setzen große Hoffnung in das Segment Ölfeldrohre. Einige Tonnen haben wir aktuell zur Prüfung in die USA geschickt, um nach dem Okay höhere Tonnagen ab Januar produzieren zu können. Der Warmbetrieb soll in den Kalenderwochen 49/50 wieder angefahren werden“, schildert Michael Stötzel die nächsten Schritte. Diese Ölfeldrohre seien aber nicht ausschließlich für Ölfelder tauglich, sondern könnten auch für Wasserstoff, Geothermie, die CO2-Verpressung unter dem Meeresboden oder überall da eingesetzt werden, wo hochwertigste Rohre – etwa für die Energiewende – nachgefragt würden. Wenig hinderlich sei bei dieser Vorgehensweise auch die vorherrschende Aufteilung des Unternehmens in drei Gesellschaften, wenngleich es auch ein mittelfristiges Ziel sei, die Bereiche Immobilien und Anlagen wieder mit dem Produktions- und Mitarbeitersektor zu verbinden.
Laut Iller sei es aber nicht der Anspruch des Rohrwerks, sich mit der für die jetzt anstehende Phase II der Unternehmenskonsolidierung vorgesehenen Monatsproduktion von 3000 Tonnen zufriedenzugeben. „Unser Ziel sind perspektivisch 6000 bis 7000 Tonnen Rohre pro Monat“, gibt der 64-Jährige die Zielmarke vor. Beide Manager warnen aber vor Euphorie, da hohe Energiekosten, der noch fehlende Absatzmarkt und die ergebnislose Suche nach Kreditgebern im Bankenbereich weiterhin als Hemmschuhe wirken. Andererseits würden sich aber beim Gewinn weiterer Investoren durch Eigentümer Edwin Eichler erste Erfolge abzeichnen.
Rohrwerk übernimmt MHT
Wie die neuen Rohrwerk-Verantwortlichen mitteilen, gebe es aktuell wieder eine steigende Mitarbeiterzahl mit Stand von etwa 300. Um den angestrebten Drei-Schicht-Betrieb aber sinnvoll und effizient zu gestalten, werde an weitere Aufstockungen auf bis zu 450 Rohrwerker gedacht. „Monatelang haben wir Mitarbeiter verloren, jetzt kommen die Leute wieder zu uns. Und es dürfen gerne noch mehr werden“, macht Iller die Notwendigkeit von qualifizierten Kräften für das Unternehmen an der Franz-Kunze-Straße in der Zukunft deutlich.
Hier soll sich auch die bereits vollzogene Übernahme der ebenfalls in Sulzbach-Rosenberg beheimateten MHT (Maxhütte Technologie GmbH & Co. KG) von der Aicher-Gruppe mit Personal und Berufsbildungszentrum positiv auswirken. Vormaterial für die Rohrproduktion werde nach Angaben von Michael Stötzel nun überwiegend von der Saarstahl AG Völklingen bezogen. Aber auch mit den Lechstahlwerken bestehe weiter eine gute Kooperation. Insgesamt wolle man metallurgisch eine noch höhere Stahlqualität erreichen, um auch hier konkurrenzfähig zu bleiben, nennt der 56-jährige Röhren-Experte eine zusätzliche Komponente des Zukunftskonzepts. Dessen Umsetzung, und das betonen die Verantwortlichen mehrmals gegenüber Oberpfalz-Medien, würde aufgrund der Gegebenheiten etwas Zeit brauchen.
Kurzarbeit bis Februar
„Um hier wieder ein vernünftiger Player zu werden, wird es etwa zwei bis drei Jahre dauern. Die Anschubfinanzierungen mit viel Eigenkapital hat es gebraucht, da nach den Insolvenzen noch nicht kostendeckend gearbeitet werden kann und die Anlauf-Verluste kompensiert werden müssen“, so Iller. Perspektivisch sollte für das Rohrwerk laut Michael Stötzel im Jahr 2025 wieder die „0“ stehen, also die Verlustzone verlassen sein. Die Genehmigung für Kurzarbeit liege bis Februar 2025 vor, was das Erreichen der gesteckten Ziele bis dahin vielleicht positiv beeinflussen könnte. Vom Anlaufen der nahtlosen Warmrohrproduktion versprechen sich die beiden Geschäftsführer ähnliche Auswirkungen auf die Motivation der Belegschaft, die lange Zeit mit großen Ängsten leben musste.
Rohrwerk Maxhütte Production
- Produktion: Nahtlose Stahlrohre für die Automobil- und Energiebranche und die Industrie
- Mitarbeiter: Aktuell etwa 300
- Gründung: 1954 als Teil der Maxhütte Sulzbach-Rosenberg
- Insolvenz als Teil der Aicher-Gruppe: 3. Dezember 2021
- Fortführung: 2022 durch die Mertex-Gruppe
- Zweite Insolvenz: 28. März (Gründonnerstag) 2024
- Übernahme des operativen Teils durch Edwin Eichler: 4. Juni





























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