20.05.2020 - 21:08 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Schausteller kämpfen ums Überleben

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Kaum eine Berufsgruppe wird durch Corona so hart getroffen wie Schausteller. Während das öffentliche Leben sukzessive wieder Fahrt aufnimmt, bleiben Volksfeste weiter verboten. Für Familie Buch aus Etzelwang geht es um die nackte Existenz.

Der Süßigkeitenstand am Sulzbach-Rosenberger Dultplatz ist momentan die einzige Einnahmequelle der Schaustellerfamilie Buch aus Etzelwang. Vivien Buch (rechts) und ihre Tochter Melanie helfen beim Verkauf der Volksfestleckereien. In den Wohnsiedlungen nebenan ist die Familie schon gut bekannt – Fischsemmeln und gebrannte Mandeln verkaufen sich am besten.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Gebrannte Mandeln, Popcorn und Zuckerwatte, Lachssemmeln: Seit circa einer Woche gibt es am Dultplatz "Volksfestleckereien to go" zu kaufen. Dort, wo vor kurzem das Frühlingsfest mit zahlreichen Buden, Fahrgeschäften und proppevollem Festzelt für Feierlaune unter den Herzogstädtern hätte sorgen sollen, herrscht nun gedrückte Stimmung und Zukunftsangst. Die Schaustellerfamilie Buch aus Etzelwang versucht sich hier mit ihrem Süßwarenstand ein Grundeinkommen zu verdienen.

"Die Coronakrise ist für uns existenzgefährdend. Und ich weiß nicht, wie lange das noch so weitergeht", sagt Eduard Buch besorgt. Weil Großveranstaltungen bis Ende August verboten sind, fehlen dem Ehemann und Vater zweier Kinder sämtliche Einnahmen. "Das letzte Geschäft, das wir gemacht haben, war am Weihnachtsmarkt. Uns ist die gesamte Saison weggebrochen."

Buch ist hauptberuflich Schausteller und bayernweit auf Kirchweihen und Dulten unterwegs. Zu seinem Fuhrpark gehören außer dem Wohnwagen für die Familie Karussell, Schießstand und Losbude. Neben einem Süßwarenwagen und einem Crepes-Stand hat der gebürtige Auerbacher in den vergangenen Jahren massiv in ein neues Autoscooter-Fahrgeschäft investiert. "Dafür muss ich noch den Kredit abbezahlen. Zudem habe ich laufende Kosten für den Lkw, TÜV und Versicherungen. Die wenigsten wissen, was bei uns gerade los ist."

Verluste nicht mehr auszugleichen

Die Pandemie sei für ihn "eine Katastrophe", sagt er. "Für diese Saison habe ich mit 22 Volksfesten geplant. Davon sind 18 ausgefallen, weil bis 31. August keine Großveranstaltungen erlaubt sind. Wie es danach im Herbst weitergeht, wissen wir nicht." Die Verluste seien nicht mehr auszugleichen. Weil Schausteller meist nur zwischen April und der Allerwelts-Kirwa am 28. Oktober Geld verdienen, ist der Corona-Lockdown besonders schmerzhaft. "Als Selbstständiger kann man schon mal drei Monate mit Rücklagen überbrücken. Aber neun Monate – da ist Schluss."

Buch befürchtet, auch im kommenden Jahr noch unter den Spätfolgen der Krise zu leiden, weil ihm seine Mitarbeiter verloren gehen könnten. "Ich habe mehrere rumänische Hilfsarbeiter für das Auf- und Abbauen beschäftigt. Aber die dürfen heuer nur als Erntehelfer ins Land. Vielleicht suchen sie sich jetzt etwas anderes und kommen künftig gar nicht mehr." Dann müsste Buch auch noch andere Helfer neu anlernen.

Erst vor wenigen Jahren hat Eduard Buch viel Geld in ein neues Autoscooter-Fahrgeschäft investiert. Die Schulden muss er in der Coronakrise trotz fehlender Einnahmen weiter tilgen. Von 22 geplanten Volksfesten sind diese Saison bereits 18 abgesagt, das Fahrgeschäft bleibt deshalb weiter eingemottet in einer angemieteten Halle in Auerbach.

Marktkaufleute und Schausteller in der Region sind höchst besorgt - ihnen droht der Ruin.

Weiden in der Oberpfalz

Dennoch will der Kleinunternehmer nicht aufgeben. Aus der Soforthilfe des Bundes hat Buch etwas Geld bekommen. Und mit dem Leckereien-Stand am Dultplatz will der 42-Jährige zumindest ein Grundauskommen sichern. "Ich bin der Stadt Sulzbach-Rosenberg sehr dankbar, dass sie uns hier entgegengekommen ist. Ich muss nur Strom und Wasser bezahlen, aber die Standgebühr hat man uns erlassen." Auch seine Frau und die beiden 16 und 19 Jahre alten Töchter helfen täglich beim Verkauf. "Ich bin Schausteller in 4. Generation und seit meinem 18. Lebensjahr selbstständig. Im Urlaub war ich mit meinen Kindern bisher nur zweimal in meinem Leben."

Buch will dem Staat nicht auf der Tasche liegen. "Hartz IV will ich nicht. Meinen Lebensunterhalt habe ich schon immer selbst verdient. Es ist ein hartes Geschäft, aber ich liebe es." Der Familienvater ist deshalb dankbar für jeden Kunden an seinem Stand. "Die Leute sind sehr nett, sie haben ja auch keine Dult und kriegen jetzt wenigstens ein bisschen Volksfest-Feeling."

Uns ist die Lebensgrundlage für ganze sechs Monate genommen worden.

Georg Duschinger, Schausteller-Bezirksvorsitzender Amberg-Weiden

Staatshilfe ungleich verteilt

Dass es bis zum Herbst spürbare Lockerungen für die Branche gibt, hofft auch Georg Duschinger. Der 55-Jährige ist Bezirksvorsitzender der Schausteller und Marktkaufleute für den Raum Amberg-Weiden und selbst auch in der Branche tätig. Er erklärt, dass es Schausteller im Vergleich besonders hart trifft: "Viele Geschäfte und Firmen haben nach acht Wochen wieder geöffnet und zudem staatliche Soforthilfe bekommen. Uns aber ist die Grundlage für ganze sechs Monate genommen worden, und wir bekommen auch nicht mehr Soforthilfe."

Sollte eine zweite Infektionswelle kommen, sieht Duschinger schwarz für die circa 80 Schausteller in der Region. "Wenn das Weihnachtsgeschäft auch noch ausfallen sollte, sind 50 bis 60 Prozent unserer Mitglieder nächstes Jahr pleite – vorsichtig geschätzt."

Als Selbstständiger kann man schon mal drei Monate überbrücken. Aber neun Monate – da ist Schluss.

Eduard Buch (42)

Eduard Buch (42)

Pfingsdult light in Amberg

Um sich und seinen Kollegen zu helfen, setzt sich Duschinger dafür ein, dass es in Amberg zumindest eine "Pfingsdult light" gibt. "Die Gespräche laufen gerade. Ziel ist eine Art großer Biergarten mit Imbissständen und Süßwaren." Am liebsten wäre es Duschinger, wenn auch Schausteller Karusselle und Buden aufstellen dürften, "aber wahrscheinlich bleibt es nur auf Imbissstände beschränkt".

In Sulzbach-Rosenberg wird Eduard Buch mit seinem Süßwarenstand am Sonntag vorerst zum letzten Mal am Dultplatz sein. "Wir machen eine kurze Pause und besuchen ein paar andere Städte in der Region. Aber in wenigen Wochen kommen wir wieder zurück." Er hofft, dass ihm dann auch wieder die netten Kunden einen Besuch abstatten.

Der Süßwarenstand am Sulzbach-Rosenberger Festplatz reicht für die Schaustellerfamilie gerade zum Überleben. Die Stadt ist der Familie bei den Gebühren entgegengekommen.

Fehlende Einnahmen für Schausteller: Die Pfingstdult in Amberg ist genauso abgesagt wie das Altstadtfest.

Amberg

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