31.03.2021 - 15:31 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Vom Turm in den Graben – Alpenverein steigt ab: Sektion gibt Stadtturm nach 22 Jahren auf

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Es war das höchstgelegene Büro in Sulzbach-Rosenberg: Mit Wehmut hat der Alpenverein seine exklusive Geschäftsstelle im Stadtturm aufgegeben. Der Umzug in den Hafnersgraben war eine schweißtreibende Plackerei – und doch längst überfällig.

Auf den tollen Ausblick über die Sulzbacher Altstadt, den das Büro im Stadtturm bietet, müssen Besucher des Alpenvereins in Zukunft verzichten. Dafür bleibt ihnen auch das Treppensteigen erspart.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Wer Ulrike Gräf besuchen wollte, musste zuvor über 70 hölzerne Stufen aufsteigen. „Manche Mitglieder haben schon geschnauft. Denen habe ich erst mal einen Stuhl angeboten.“ 22 Jahre lang hat die Bankkauffrau die Geschäftsstelle der Sulzbach-Rosenberger Sektion des Deutschen Alpenvereins (DAV) vom Stadtturm aus geleitet. Das höchstgelegene Büro der Stadt – ein exklusiver Arbeitsplatz mit beeindruckendem Ausblick. Doch damit ist seit Oktober Schluss, der Turm steht leer. Die Nachteile für den Verein und seine Mitglieder waren zu groß.

Der DAV ist inzwischen in ein fast barrierefreies Büro im Hafnersgraben 4 umgezogen. „Der Vermieter ist selbst Alpenvereins-Mitglied, die neue Geschäftsstelle ist für uns ein Glücksgriff“, freut sich Erster Vorsitzender Bernhard Eisenreich. „Wir haben hier alles kompakt auf einer Ebene zusammen: Bücherei mitsamt dem Materialverleih für Bergtouren, Aufenthaltsraum, Toilette und ein großes Büro.“

Stadturm-Aufstieg als „Prüfung“

Dritte Vorsitzende Elke Geck-Neidl ist ebenso erleichtert, dass der Umzug abgeschlossen ist. „Wir haben nun Parkplätze direkt vor dem Haus und am Kugelplatz. Vor dem Stadtturm konnten Besucher ja nie das Auto abstellen.“

Doch auch wenn die neue Geschäftsstelle größer, technisch moderner und besser zu erreichen ist: „Klar, es ist schon Wehmut dabei“, sagt Ulrike Gräf, die den weiten Blick aus dem Turmbüro über die Dächer der Altstadt zu schätzen gelernt hat. „Natürlich war der Turm für den Alpenverein auch ein Stück weit prädestiniert, er war unser Markenzeichen“, ergänzt Eisenreich. Der Aufstieg ins Büro sei eine „versteckte Eignungsprüfung“ für die nächste Bergtour gewesen. „Da haben sich die Mitglieder gleich akklimatisieren können“, sagt der selbstständige Elektrotechniker lachend.

Kalt im Winter, heiß im Sommer

Doch die Lage habe auch handfeste Nachteile gehabt. „Die energetische Situation im Stadtturm war, vorsichtig ausgedrückt, suboptimal“, gibt der Vorsitzende zu. Weil das Gebäude nur schwach gedämmt ist, sei es im Winter immer kalt gewesen. „Die Heizung musste oft die ganze Woche durchlaufen, weil es sonst zu den Bürozeiten nicht warm geworden ist.“ Allerdings sei dafür die von der Stadt erhobene Grundmiete niedrig gewesen. Im Sommer wiederum habe im vierten Stock oft brütende Hitze geherrscht. Eine alte und sehr kleine Toilette gibt es nur im Erdgeschoss – die oberen Geschosse haben keinen Wasseranschluss. In der Geschäftsstelle fehlte deshalb nicht nur ein Waschbecken oder eine Kaffeemaschine, auch das Gießen der von der Stadt gepflanzten Geranien in den Fensterkästen war ein kräftezehrendes Unterfangen. „Im Sommer sind immer die Arbeiter von der Stadtgärtnerei gekommen und haben die Blumen per Schlauch gegossen. Den haben sie zuvor vom Tankwagen auf der Straße über das Treppenhaus bis in den vierten Stock geschleift“, berichtet Gräf.

Möbel über Treppen schleppen

Ein wahrer Kraftakt sei auch der Umzug in den Hafnersgraben gewesen. Ein kleiner Kreis motivierter DAV-Helfer, dem laut Geck-Neidl gebührender Dank gelte, hat Schreibtische, Büromöbel, Computer und Drucker nach unten getragen. „Zum Zeitpunkt des Umzugs im Oktober herrschte schon eine Kontaktbeschränkung auf zehn Personen. Wir waren also nur wenige Leute, die mit anpacken konnten“, berichtet die Finanzwirtin.

„Einen Schreibtisch auf Holztreppen über vier Stockwerke nach unten tragen, und das mit Maske im Gesicht – da haben sich manche ganz schön plagen müssen“, gesteht Eisenreich, der selbst natürlich auch aktiv dabei war. Besonders die Helfer, die schwere Bücherstapel aus der Bücherei aus dem Turm tragen mussten, seien nicht zu beneiden gewesen. Seinen Humor hat der fitte DAV-Chef darüber aber nicht verloren: „Man kann sagen, wir haben bei dem Hoch und Runter ganz schön Höhenmeter gemacht.“

Turm steht leer

Die Stadt habe auf die Kündigung mit großem Verständnis reagiert. „Es lief alles sehr kooperativ“, lobt der 54-Jährige die Zusammenarbeit. Was mit der Immobilie nun geschieht, ist unklar. Einen Nachmieter gibt es bislang noch nicht. Doch das ist auch nicht das Problem des DAV. Der mit rund 1700 Mitgliedern größte Verein in Sulzbach-Rosenberg steht wegen Corona vor eigenen, großen Herausforderungen.

Kündigungen wegen Corona

„Wir müssen schauen, dass wir den Stamm zusammenhalten“, sagt Eisenreich. Die jährliche große Sektionsfahrt in die Alpen: Genauso abgesagt wie die beliebte Kirwa auf der Angfeldhütte, die Hauptversammlung oder Gruppenstunden der Nachwuchskletterer. „Wir müssen aufpassen, dass unsere Jugendgruppen nicht zerfallen. Die sind unsere große Zukunftshoffnung, aber wir hatten schon erste Kündigungen.“ Wie andere Vereine in der Stadt auch, hofft der DAV, dass Corona-Lockerungen, Reisen und sportliche Aktivitäten bald wieder möglich sind. Darauf vorbereitet ist der Alpenverein inzwischen bestens: In der neuen Geschäftsstelle im Hafnersgraben warten Alpenkarten, Helme und Klettersteigsets darauf, von den Mitgliedern für die nächste Gebirgstour ausgeliehen zu werden.

Info:

DAV-Geschäftsstelle Sektion Sulzbach-Rosenberg: Ausleihe und Öffnungszeiten

  • Geschäftsstelle/Büro: Seit November im Hafnersgraben 4 in Sulzbach: Öffentliche Zugangszeiten wöchentlich dienstags, 9 Uhr bis 11.15 Uhr und donnerstags, 16 bis 18.15 Uhr
  • Parkmöglichkeiten: Direkt vor der Geschäftsstelle oder am nahegelegenen Kugelplatz
  • Bücherei und Materialverleih: Wegen der Corona-Pandemie ist die Bücherei – hier gibt es nicht nur Literatur, sondern auch Gebirgsausrüstung zum Ausleihen – momentan geschlossen. Der Verleih ist für Mitglieder aber auch in Pandemiezeiten nach vorheriger telefonischer Terminvereinbarung möglich unter 09661/810 245.
  • Materialverleih gegen Gebühr: Unter anderem Tourenski, Schneeschuhe, Kletterhelme, Eispickel, Lawinensuchgeräte, Klettersteigsets, Karabiner, Kartenmaterial, Fachzeitschriften.

„Man kann sagen, wir haben bei dem Hoch und Runter ganz schön Höhenmeter gemacht.“

DAV-Vorsitzender Bernhard Eisenreich über den Auszug der Sektions-Geschäftsstelle aus dem Stadtturm

DAV-Vorsitzender Bernhard Eisenreich über den Auszug der Sektions-Geschäftsstelle aus dem Stadtturm

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