30.06.2020 - 15:08 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Umfrage belegt: Bürger mehrheitlich gegen Klinikschließungen

Eine große Mehrheit der Menschen in Deutschland lehnt Krankenhausschließungen ab. Schon im November hatte es eine Petition gegen das Kliniksterben gegeben. Jetzt wird die Thematik wieder aktuell.

Kleine Kliniken, wie etwa das St.-Anna-Krankenhaus, genießen bei der Bevölkerung einen sehr hohen Stellenwert.
von Andreas Royer Kontakt Profil

Die Ergebnisse einer Forsa-Umfrage, an der auch Vorstand Klaus Emmerich vom St.-Anna-Krankenhaus beteiligt war, seien ermutigend. "Aktuell können die deutschen Krankenhäuser mit einer sehr guten Unterstützung der Bevölkerung rechnen - diese würden wir uns auch vom Bundesgesundheitsministerium und von der Bundesregierung erhoffen", berichtet Emmerich. Wie der Krankenhaus-Vorstand sagt, seien die Fragen sorgfältig ausgewählt worden, auch Befürworter des Kliniksterbens kamen darin zur Sprache. Umso gewichtiger bewertet der Fachmann die Ergebnisse (Kasten).

Große Bedeutung

Wie der Leiter des Kommunalunternehmens Krankenhäuser des Landkreises Amberg-Sulzbach erwähnt, hätten die Ergebnisse der repräsentativen Forsa-Umfrage große Bedeutung. "Landes- und Bundesgesundheitsminister haben bis Februar diesen Jahres permanent über zu viele Klinikbetten und vermeintlich schlechte Qualität der deutschen und insbesondere der kleinen ländlichen Krankenhäuser geklagt. Jetzt werden sie nicht müde, die hohe Krankenhausdichte und die hohe Qualität der deutschen Krankenhäuser sowie die außergewöhnlichen Erfolge in der Corona-Pandemiebekämpfung zu betonen", sagt Klaus Emmerich.

Mehr zur Petition gegen das Kliniksterben

Sulzbach-Rosenberg

Volle Finanzierung

Seiner Ansicht nach brauche es keine Lippenbekenntnisse, stattdessen sollten Taten folgen. Bundesgesundheitsminister Spahn und seine Länder-Kollegen seien aufgefordert, jetzt Farbe zu bekennen. Wie der Vorstand weiter erwähnt, würden die Initiatoren der Umfrage folgende Zusagen erwarten: Sofortiger Stopp des Kliniksterbens, sofortige Aussetzung des Strukturfonds zur finanziellen Förderung des Krankenhaussterbens, volle Finanzierung aller Krankenhausleistungen.

"Krankenhäuser sind keine Wirtschaftsunternehmen. Sie erfüllen einen gesetzlichen Auftrag zur Rettung und zum Schutz menschlichen Lebens. Corona zeigt uns: Die bisherige Fallpauschalenabrechnung für Krankenhausleistungen unter Wirtschaftlichkeitsaspekten ist der völlig falsche Ansatz. Man kommt auch nicht auf die Idee, Behörden oder Schulen nach Belieben dem freien Markt auszusetzen und dann zu schließen, wenn sie nicht rentabel sind. Genau dies geschieht aber bei Krankenhäusern", ist Klaus Emmerich überzeugt.

Er rät jetzt, eine neue Petition im Internet zu unterzeichnen, in der alle vorgenannten Forderungen zur Reformierung des Gesundheitswesens aufgeführt seien: www.gemeingut.org/krankenhausschliessungen-stoppen.

Im Blickpunkt:

Ergebnisse der Umfrage

Frage 1:

Zahlreiche Krankenhäuser in Deutschland sind in finanziellen Schwierigkeiten. Es wird unter anderem angenommen, dass einige Kliniken nicht immer ausgelastet sind und dass sie zu viele Betten bereithalten. Daher gibt es wissenschaftliche Empfehlungen, Krankenhäuser zu schließen und die Zahl der Krankenhausbetten zu verringern. Dies soll die Qualität der Krankenhausversorgung verbessern. Was meinen Sie: Ist ein Abbau von Krankenhausinfrastruktur grundsätzlich sinnvoll oder nicht sinnvoll? Antworten: 88 % nicht sinnvoll; 9 % sinnvoll; 3 % weiß nicht / keine Angabe.

Frage 2:

Vor dem Hintergrund des angestrebten Strukturwandels bei den Krankenhäusern hat der Staat bislang auch finanzielle Anreize gesetzt, um die Schließung von Kliniken und den Abbau von Krankenhausbetten zu fördern. Im Zuge der Bewältigung der Corona-Krise wird dies nun neu diskutiert. Was meinen Sie: Finden Sie es sinnvoll, dass Krankenhausschließungen und Bettenabbau weiterhin vom Staat gefördert werden oder finden Sie das nicht sinnvoll? Antworten: 85% nicht sinnvoll; 12 % sinnvoll; 3% weiß nicht / keine Angabe.

Frage 3:

Die stationäre Krankenhausversorgung der Bevölkerung sicherzustellen, ist ein wesentlicher Bestandteil der öffentlichen Daseinsvorsorge. Auf der anderen Seite sollen Krankenhäuser mit ihren Geldeinnahmen haushalten und die Kosten gering halten. Was halten Sie für wichtiger: die Patientenversorgung oder die Wirtschaftlichkeit der Krankenhäuser? Antworten: 96 % Patientenversorgung; 2% Wirtschaftlichkeit; 2% weiß nicht / keine Angabe.

Interview mit Klinik-Vorstand Klaus Emmerich

Klaus Emmerich, Vorstand des Kommunalunternehmens Krankenhäuser des Landkreises Amberg-Sulzbach.

ONETZ: Im Jahr 2019 noch hat die Bertelsmann-Stiftung bundesweit 600 statt 1925 Krankenhäuser gefordert und dies mit vermeintlich schlechter Qualität begründet. Glauben Sie, dass diese Forderungen angesichts der Corona-Pandemie aufhören werden?

Klaus Emmerich: Nein, leider nicht. Krankenhäuser wurden in der Pandemie-Zeit verpflichtet Betten für Corona-Notfälle frei zu halten. Es tauchen jetzt bereits Überlegungen von Gesundheitsökonomen auf, die geplanten und verschobenen Behandlungen hinsichtlich ihrer Berechtigung genauer zu prüfen.

ONETZ: Könnten die Gesundheitsökonomen vielleicht recht haben? Es taucht doch immer wieder der Vorwurf auf, vieles könne man genauso gut ambulant machen.

Klaus Emmerich: Das sind definitiv Unterstellungen. Krankenhäuser sind zur Wirtschaftlichkeit verpflichtet und haben im Zweifelsfall ambulante Behandlungen, falls möglich stationären vorzuziehen. Der Medizinische Dienst der Krankenkassen überwacht dies und kürzt ggf. die Rechnungen.

ONETZ: Bundesgesundheitsminister Spahn hat im März einen Rettungsschirm beschlossen und versprochen, Krankenhäuser würden für ihre freien Betten ausreichend entschädigt. Warum stellen Sie dann in der bundesweiten Petition die Forderung einer ausreichenden Finanzierung?

Klaus Emmerich: Die Ausgleichszahlungen sind extrem komplex, bestehen bei unseren beiden Krankenhäusern aus mindestens sieben Abrechnungssystemen. Eine Umfrage der Krankenhäuser hat ergeben: 75 Prozent der Befragten rechnen mit signifikanten wirtschaftlichen Nachteilen.

ONETZ: Was wäre denn die Lösung?

Klaus Emmerich: Die Krankenhaus-Abrechnung muss grundsätzlich reformiert werden. Was spräche – im Sinne einer vollumfänglichen Finanzierung – gegen folgende Lösung: Unterjährig erhalten die Krankenhäuser monatliche Abschlagszahlungen. Am Jahresende testiert ein Wirtschaftsprüfer die Gesamtkosten. Diese werden gegen die Abschlagszahlungen ausgeglichen.

ONETZ: Was wollen Sie damit erreichen?

Klaus Emmerich: Sicherheit der Arbeitsplätze und der stationären medizinischen Versorgung. Ich kann nur wiederholen: Wir sind kein Wirtschaftsunternehmen, wir helfen Menschen. Das Klinikpersonal hat ein Anrecht auf ausreichende finanzielle Unterstützung und Wertschätzung für ihren lebenswichtigen Dienst.

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