26.10.2018 - 17:03 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

"Uns pressiert ja nix"

Das Frühstück ist vorbei, aber sie sitzen noch ein wenig zusammen am Tisch. Die Seniorinnen im Heim haben es nicht eilig. Außer einer – ihr dauert das Eingewöhnen viel zu lang.

Katharina Schmidt (links) und ihre Zimmernachbarin Susanna Kraus: Nach dem Frühstück wird in der Sulzbach-Rosenberger Zeitung gelesen.
von Helga KammProfil

"Uns pressiert ja nix", sagt die 88-jährige Katharina Schmidt, und ihre Zimmernachbarin Susanna Kraus, 84 Jahre alt, blättert die Sulzbach-Rosenberger Zeitung um, in der sie gelesen hat. Beide sind erst zwischen zwölf und 18 Monaten im Heim. Gut eingewöhnt habe sie sich, sagt die eine, während die andere noch mit dem neuen Lebensumfeld hadert. Sie erzählt von ihrem Haus in Großalbershof, von den Katzen und von ihrem Auto, mit dem sie vor einem Jahr noch gefahren ist.

Am Tisch nebenan hat es sich eine weitere Damen-Runde bequem gemacht. Rosemarie Mautzka, noch in Trauer um ihren unlängst verstorbenen Ehemann und erst seit September im Altenheim, Paula Lotter mit der positiven Lebenseinstellung und Andrea Swoboda, die 91-jährige, die schon seit elf Jahren ihren Lebensabend hier verbringt. Wenn sie erzählen wird schnell klar: Sie alle wären lieber in ihrem Zuhause geblieben, aber aus den verschiedensten Gründen ging das nicht mehr. Wie sie mit ihrem neuen Leben, das zugleich die letzte Etappe ihres Weges auf Erden sein wird, zurechtkommen, hängt wohl von der jeweiligen Persönlichkeit ab.

Katharina Schmidt kommt aus Fuchsstein. Sie tut sich schon etwas schwer mit dem Reden, bei einer Operation wurden ihre Stimmbänder verletzt. Nach einem Krankenhausaufenthalt 2017 kam sie direkt ins Heim und sieht ihre Situation positiv: "Man kann zufrieden sein, wir haben alles." Ihr Lebensweg war nicht immer leicht. Auf einem Bauernhof aufgewachsen, hat sie im Alter von 13 Jahren ihre Mutter verloren, musste nach der Schulzeit bei Bauern arbeiten und ist, wie sie es beschreibt, mit ihrem Mann "zammakuppelt worn". Fünf Kinder, wenig Geld, putzen in der Luitpoldhütte, der Tod des Ehemannes - "Schon lang her, wann genau weiß ich nicht mehr" - und schließlich der Schlaganfall: da gibt das Heim ihr jetzt Ruhe, vermittelt Sicherheit. Sie will in Bewegung bleiben, nimmt an der Gymnastik und an anderen Angeboten teil und geht spazieren in den nahen Stadtpark. Und sie freut sich natürlich, wenn Kinder und Enkel von Zeit zu Zeit zu Besuch kommen.

"Hocken bleiben" ist auch nichts für Susanna Kraus. Sie ist zwar eine fleißige Strickerin, spezialisiert auf wärmende Socken für die Familie, sonst aber geht sie gerne nach draußen. Mehrmals pro Woche muss sie zur Dialyse, was ihr nicht gefällt, dann aber den Friedhofsberg hinauf zum Drogeriemarkt, um Katzenfutter zu kaufen "und a weng wos zum schlecka" und fast jeden Tag schlägt sie den Weg am Lagerhaus Kopp vorbei bis zum Mayer-Schmied ein, denn dort wartet die Katze, für die sie die Kauröllchen und Futter-Döschen kauft. Katzen hat sie nämlich in ihrem Haus daheim auch gehabt.

51 Jahre lebte sie in Großalbershof mit ihrem Mann, einem Bergmann, der 2008 verstorben ist. Zum Familieneinkommen trug sie durch eine Beschäftigung in der Dynamit und mit Heimarbeit bei. "13 Jahre lang haben wir Taschen genäht, so Kulturbeutel", beschreibt sie diese Tätigkeit. Ein wenig verbittert reagiert sie auf die Frage nach dem Grund für den Wechsel ins Altersheim. Sie habe Platz gemacht für den Enkel, möchte auch gar nicht mehr dorthin, wo jetzt alles anders aussehe. Besuch erhalte sie selten, "die haben keine Zeit, die müssen arbeiten", lautet ihre Begründung. Offen ist sie und lebhaft, aber auch ruhelos: "Es ist nicht einfach", das Eingewöhnen wird bei ihr noch dauern.

Rosemarie Mautzka und Paula Lotter haben an der Gymnastik teilgenommen. Es sind zwar nur einfache Bewegungen, die im Sitzen gemacht werden, aber den beiden Frauen, die beide die 80 schon überschritten haben, tun sie gut. Ihr Leben im Heim betrachten jede von den zweien anders. Rosemarie Mautzka braucht wegen fortgeschrittener Arthrose Hilfe beim Anziehen, kann schlecht laufen, findet sich noch nicht so richtig zurecht im Heim-Alltag. "Ich muss viel lernen", erkennt sie, "man braucht Geduld, es sind ja viele da, die Hilfe brauchen".

Paula Lotter aus Poppenricht dagegen findet alles gut. Immer wieder mal war sie seit 2013 im Heim, ab 2016 ist sie geblieben. Die Hausärztin ganz in der Nachbarschaft, der Gottesdienst am Sonntag und die Tatsache, dass ihr Sohn sie immer wieder mal zu sich nach Hause bringt, sind ausschlaggebend für ihre Zufriedenheit. "Sie findet etwas Gutes an allem", beschreibt Rosemarie Mautzka ihre Tischnachbarin. Paula Lotter, die mit ihrem Mann bis zu seinem Tod vor zwei Jahren eine kleine Landwirtschaft betrieben hat, schöpft Kraft bei ihren Spaziergängen durch die Natur. "Die Schwäne im Stadtpark, wenn sie brüten und dann ihre Jungen aufziehen. Das sehe ich und da freue ich mich drüber", sagt sie.

So verschieden also, wie die Menschen sind, gehen sie auch mit ihrem Leben im Heim um. Eine Erkenntnis bleibt: Zufrieden sind eher die, die akzeptieren, dass ein später Lebensabend im Kreise der Familie im Jahr 2018 in den meisten Fällen nicht mehr möglich ist. Auch jene, die erkennen, dass das Altwerden Probleme mit sich bringt, die allein nicht mehr zu bewältigen sind. Und die, die erfahren, dass auch für die Zeit im Heim gilt: Ob gut oder so schlecht - es ist, was man daraus macht.

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