30.08.2019 - 17:52 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Viele Spuren führen zur Synagoge

Jüdische Kultur rückt immer mehr ins öffentliche Interesse. Einerseits als eine unserer historisch-gesellschaftlichen Wurzeln, andererseits durch antisemitische Anfeindungen. Die Sulzbacher Synagoge mahnt deshalb zur Toleranz.

Ruth Prager (Dritte von links) war 1932 als Praktikantin in der Haushaltsschule Wolfratshausen tätig, zu der aktuell eine Ausstellung in der Synagoge läuft. Die junge Frau gehörte zur letzten in Sulzbach-Rosenberg verbliebenen jüdische Familie des Viehhändlers David Prager in der Rosenberger Straße 20. Er hatte als Gemeindevorsteher auch die Verhandlungen mit der Stadt wegen des Verkaufs der Synagoge geführt. Das Bild zeigt die Familie Prager 1932 mit (von links) Sophie, Mutter Klara, Ruth und Martha, die bereits 1934 in die USA auswanderten, und Vater David Prager.
von Andreas Royer Kontakt Profil

Wie schon bei der Eröffnung der geschichtlichen Dokumentation im September 2013 verkündet, soll die Synagoge im eigentlichen Wortsinn ein "Haus der Versammlung bleiben. Interreligiöser und interkultureller Dialog stehen in diesem geschichtsträchtigen Bauwerk im Vordergrund.

"Mit dem früheren israelitischen Gotteshaus werde so auch das jüdische Erbe in die Zukunft gerettet", gab Altbürgermeister Gerd Geismann den entscheidenden Impuls. Nun sind bereits einige Jahre vergangen, der Museumsbetrieb läuft, ein eigenes Programm mit Musikveranstaltungen, Ausstellungen und Gedenkfeiern längst etabliert. Die SRZ fragte bei Stadtarchivar Johannes Hartmann als Kurator der Synagoge nach dem Interesse für dieses kulturelle Angebot und deren künftige Ausrichtung.

ONETZ: Die Restaurierung der Synagoge dauerte etwa fünf Jahre. Es sollte etwas Großes geschaffen werden, das von den Leuten angenommen wird. Ist dieses Ziel erreicht?

Johannes Hartmann: Ich denke schon, dass Interesse an jüdischer Kultur oder am religiösen Leben vorhanden ist. Wir hatten nun seit September 2013 fast 10 000 zahlende Besucher in der Synagoge, es gab annähernd 350 Führungen und 80 Schulklassen lernten hier als Teil des Religions- oder Geschichtsunterrichts. Für die Größe von Sulzbach-Rosenberg können sich diese Zahlen sicher durchaus sehen lassen.

ONETZ: Neben den Musikdarbietungen und den obligatorischen Führungen bringen immer wieder Ausstellungen Besucher in das frühere jüdische Gotteshaus. Welches Konzept verfolgen Sie hier?

Johannes Hartmann: Es ist sicher für uns sehr wünschenswert, immer wieder interessante Ausstellungen oder Buchvorstellungen präsentieren zu können. Ich erinnere an die Wuttig-Bilder über jüdische Friedhöfe entlang der Goldenen Straße, die Ausstellungen über jüdische Fußballer, das jiddische Wilna oder das KZ-Außenlager Hersbruck. Und ganz aktuell zeigen wir die Sonderausstellung "Wir lebten in einer Oase des Friedens - die Geschichte einer jüdischen Mädchenschule 1926 bis 1938", die in Wolfratshausen beheimatet war und auch Bezug zur Herzogstadt hat.

ONETZ: Lokaler Bezug dürfte eine solche Schau sicher attraktiver machen. Wie ist hier aktuell der Zuspruch?

Johannes Hartmann: Obwohl die Ausstellung wirklich professionell gemacht ist, ist das Interesse eher verhalten. Wir haben hier wahrscheinlich eine Dokumentation einer jüdischen Haushaltsschule als einzigartige Einrichtung in Bayern, die 1926 von der Münchener Ortsgruppe des Jüdischen Frauenbundes gegründet und 1938 von den Nationalsozialisten gewaltsam geschlossen wurde. Verbindungen zu Sulzbach gibt es durch eine Praktikantin und die Vorsitzende des Kuratoriums der Haushaltsschule.

ONETZ: Um welche Personen handelt es sich denn hier?

Johannes Hartmann: Einmal um die am 9. März 1914 in Sulzbach geborene Ruth Prager. Sie ist die Tochter des letzten Gemeindevorstehers David Prager, die 1932 als Praktikantin in Wolfratshausen arbeitete. Sie emigrierte 1934 in die USA. Bei der zweiten Person handelt es sich um die Münchenerin Charlotte Stein-Pick, deren Schwiegervater Sigmund Stein von 1896 bis 1922 Oberlehrer in der jüdischen Volksschule in Sulzbach war. Das brachte viele Aufenthalte für Charlotte Stein-Pick in Sulzbach mit sich, wovon sie in ihren Erinnerungen mehrfach berichtet. Von 1932 bis 1938 war sie ehrenamtliche Vorsitzende des Kuratoriums der Haushaltsschule Wolfratshausen.

ONETZ: Die Erinnerungen von Charlotte Stein-Pick liegen in Buchform vor. Wie beschreibt sie ihre Eindrücke in Sulzbach?

Johannes Hartmann: Sie spricht ebenso, wie der Titel der aktuellen Ausstellung, über das Zusammenleben der Bürger und verschiedenen Konfessionen in den 20er Jahren von einer ,Oase des Friedens', was man sicher als einen Ausdruck der Toleranz werten kann.Charlotte Stein aus München. Sie zeichnet ein insgesamt positives Bild, schreibt in ihren Memoiren von gegenseitiger Achtung und einer tiefen Freundschaft ihres Schwiegervaters mit dem Arzt, dem Apotheker und anderen Lehrern, die immer Samstagabend im Gasthof "Zur Sonne" Karten spielten. Sie war es auch, die den aus der Synagoge stammenden Kiddusch-Becher ins Exil nach Amerika rettete.

ONETZ: In der Synagoge werden auch immer wieder Konzerte angeboten. Gibt es hier thematische Vorgaben?

Johannes Hartmann: Eigentlich nicht, aber zumeist sind es jüdische Künstler, oder Musiker, die sich jüdischer Musik verschrieben haben, oder sich in ihrem Schaffen für die jüdische Kultur einsetzten oder Toleranz-Themen aufgreifen.

ONETZ: Können Sie uns zum Besucherkreis etwas sagen?

Johannes Hartmann: Eher bunt gemischt, viele Schulklassen und jetzt - nachdem sicher viele Hiesige die Synagoge bereits kennen, kommen überwiegend auswärtige Besucher dazu. Wir hatten auch schon Besuch aus London, Schweden, München-Freising oder Vaihingen an der Enz. Oder Einzelbesuche von Angehörigen mit direktem Bezug zu den ehemaligen jüdischen Bewohnern von Sulzbach.

In der jüdischen Volksschule in der Synagogenstraße unterrichtete der Schwiegervater von Charlotte Stein-Pick, der Oberlehrer Sigmund Stein von 1896 bis 1922.
Info:

Herbstprogramm in der Synagoge

Die Synagogenveranstaltungen sind vielfältig, folgt aber im Wesentlichen der „jüdischen Kultur“ oder Themen zur religiösen Toleranz als Linie. Nachfolgend die Termine im Herbst.

Noch bis 22. September ist die Sonderausstellung „Wir lebten in einer Oase des Friedens… Die Geschichte einer jüdischen Mädchenschule 1926 – 1938" zu den regulären Öffnungszeiten zu besichtigen. Zum Abschluss der Ausstellung wird am Freitag, 20. September, um 19 und 21 Uhr ein sehr bewegendes Filmdokument mit den Erinnerungen der ehemaligen Schülerinnen gezeigt.

Hülya Friebe, die deutsch-türkische Liedermacherin, bekannt als die „Stimme des Friedens“ wird am Montag, 16. September, nach Konzerten in München, Nürnberg und Istanbul in Sulzbach-Rosenberg ein Konzert zur Verständigung der Kulturen geben.

Das Tangoprojekt 5 aus Weiden gibt am Samstag, 28. September, um 20 Uhr seine Visitenkarte in der Synagoge ab. Sie interpretieren Astor Piazzollas Tango Nuevo.

Mit „Es brennt. Leben und Werk des Mordechai Gebirtig“ steht am Montag, 4. November, um 19.30 Uhr eine multimediale Buchpräsentation mit Uwe von Seltmann in Kooperation mit dem Literaturarchiv im Programm. Mordechai Gebirtig (1877-1942) war ein Krakauer Tischler und jiddischer Poet. Er gilt als „Vater des jiddischen Liedes“.

„Wer soll das noch glauben? (Teil 3) Die Bibel als Gottes Wort?“, lautet am Mittwoch, 6. November, um 15 Uhr der Titel eines VHS-Vortrags mit Pfarrer a. D. Harald Hofmann.

Mit der Formation Massel-Tov rückt am Samstag, 16. November, um 20 Uhr jüdische Musik verschiedenster Ausprägung in den Fokus.

„Wer soll das noch glauben? (Teil 4) Himmel, Hölle, Fegefeuer“, lautet das Thema eines weiteren VHS-Vortrags mit Harald Hofmann.

Diesen Kiddusch-Becher rette Charlotte Stein-Pick nach Amerika.
Info:

Sonderausstellung

„Wir lebten in einer Oase des Friedens...“, so erinnern sich frühere Schülerinnen an die Zeit in der Jüdischen Haushaltsschule, die 1926 in Wolfratshausen von der Münchner Ortsgruppe des Jüdischen Frauenbunds gegründet und 1938 von den Nationalsozialisten gewaltsam geschlossen wurde. Ursprünglich sollten hier die jungen Frauen lernen, einen jüdischen Haushalt nach rituellen Regeln zu führen. Während der NS-Zeit entwickelte sich die Schule dann zum Zufluchtsort. Junge Mädchen aus dem gesamten Deutschen Reich kamen hierher, um sich vor Anfeindung und Ausgrenzung zu schützen oder sich auf ihre Auswanderung vorzubereiten. Beim Pogrom 1938 wurden alle Schülerinnen und Lehrerinnen gewaltsam vertrieben. Im Mittelpunkt der Ausstellung in der Synagoge stehen die Erinnerungen der ehemaligen Schülerinnen und die Holocaust-Opfer aus ihrem Kreis.

 

 

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