22.10.2019 - 14:48 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Werte und Meinungen kritisch hinterfragen

Eine außergewöhnliche Projektarbeit mit jungen Flüchtlingen kommt zum allerersten Mal in die Region. Und zwar ins Berufliche Schulzentrum in Sulzbach-Rosenberg.

Die Workshop-Crew mit (links) Dominic Schmitz sowie (Dritter bis Fünfter von links), Yilmaz Atmaca, Naila Chiki und Asmen Ilhan.
von Wolfgang LorenzProfil

Was ist unter Respekt zu verstehen? Und inwieweit führt Angst zu Respekt? Zwei starke szenische Anspiele über einen erzürnten Vater, weil der Sohn lieber am Computer "daddelt" statt in die Moschee zu gehen, und über eine enttäuschte Mutter, deren Tochter ausziehen will, sorgten im ersten Durchgang des Projekts "ReThink" für Gesprächsstoff weit über die Unterrichtszeit hinaus.

Diese Workshops - vor allem für junge, geflüchtete Menschen - bieten einen Raum des Dialogs auf Augenhöhe. Es bietet den Teilnehmern Anstöße, ihre Werte, Einstellungen und Meinungen zu den Themen Gleichberechtigung, Männlichkeit, Islamverständnis sowie Antisemitismus kritisch zu hinterfragen. Gefördert wird diese Arbeit durch das Bayerische Staatsministerium für Arbeit, Soziales, Familie und Integration. Pfarrer Reinhard Böttcher aus Amberg, seit vielen Jahren Mitstreiter im Projekt "Jugendliche ohne Ausbildung", kam dieser Tipp.

Die Projektleiter in der Klasse BVJ am BSZ, Bettina Bauer und Wolfi Lorenz, bewarben sich und freuten sich über den Zuschlag. Ein professionelles Quartett stellte sich der Klasse vor: Yilmaz Atmaca ist Türke, Theaterpädagoge und lebt seit 25 Jahren in Deutschland, Naila Chikhi ist Psychologin und stammt aus Algerien. Asmen Ilhan ist in Deutschland geboren, seine Eltern stammen aus der Türkei. Diese drei Berliner ergänzte Dominic Schmitz aus Köln, der sich beruflich mit Religionen beschäftigt.

Im ersten Anspiel ärgerte sich der Vater (Yilmaz) über seinen Sohn (Asmen), der nur auf seine Playstation fixiert war. Es kam zum Streit, der Vater schrie seinen Sohn an: "Alles ist Dir scheißegal, schäme Dich. Statt wenigstens einmal in der Woche in die Moschee zu gehen, zockst Du lieber!" Der Sohn agierte kleinlaut, fast verschüchtert. Die folgende Diskussion war sehr ehrlich und intensiv; die Meinungen auch unterschiedlich.

Im Tenor empfanden die Beteiligten die Aussagen des Vaters insoweit als richtig empfunden, als er ja seine Meinung sagen darf. Aber sein Ton stand in der Kritik. Yilmaz erzählte aus seinem Leben, wie schwierig es gewesen sei, seinen Wunschberuf Schauspieler zu ergreifen, da sein Vater das nicht wollte. Er blieb bei diesem langen Kampf auch den Aufführungen seines Sohnes fern. "Heute bin ich stolz darauf, dies alles geschafft zu haben", sagte Yilmaz, "und mir ist auch wichtig, das sich mein Sohn behaupten und durchsetzen kann: Wir wollen doch alle, dass unsere Kinder stark und selbstbewusst werden!"

Viel Diskussionsstoff lieferte auch das zweite Rollenspiel. Die Tochter ist ganz stolz, dass sie eine eigene Wohnung in der Nähe der Schule gefunden hat. Die Mutter möchte aber auf keinen Fall, dass ihre Tochter alleine auszieht, ohne zu heiraten: "Was für eine Tochter habe ich erzogen?", fragt die Mutter und wirft der Tochter vor, sie denke nur an sich. Lebhaft wurde über das Verhalten und die Denkweisen von Mutter und Tochter gesprochen.

Das Projekt wird in der Herzogstadt im November fortgesetzt, eine Reflexion findet im Dezember in München statt.

Yilmaz Atmaca spielt die Mutter, die über die Auszugspläne ihrer Tochter (Naila Chiki) sehr entsetzt war.

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