23.11.2018 - 14:28 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Wirtsstuben trotzen dem Trend

Eine traurige Entwicklung: Seit 2006 hat ein Viertel aller Schankwirtschaften in Bayern zugemacht. Auch der Raum Amberg-Sulzbach ist davon betroffen.

von Helga KammProfil

Der Gasthof zur Linde in Krickelsdorf hat seinen Namen nicht von einem Baum, sondern von seiner Wirtin. Sieglinde Wittmann, die Linde, hat 1973, gerade mal 18 Jahre alt, ein Haus geerbt, das schon 1625 in der Chronik der Pfarrgemeinde Gebenbach erwähnt ist. Nach verschiedenen Besitzern erwarb der Urgroßvater das Gebäude und richtete darin eine Tafernwirtschaft ein. Etwa 1913 erbaute er dann an dieser Stelle das heutige Wirtshaus. "2013 haben wir gefeiert", erinnert sich die Linde, "das Hundertjährige vom Haus und meine 40 Jahre als Wirtin".

Zum Geheimtipp wurde das Wirtshaus durch die herbstlichen Karpfen- und Ganspartien an den Wochenenden, um die es wie seit Jahren auch heuer wieder einen Andrang gibt. Auch während der Woche halten Stammgäste dem Haus seit Jahrzehnten die Treue. Wenn die Sprache auf Gans und Karpfen kommt, verteidigt sich die Wirtin vehement. Ihre Familie unterstütze sie zwar tatkräftig, doch mit ihren nur zwei Händen, ohne feste Bedienung und den nur 25 Plätzen in der Wirtsstube, sei es einfach nicht möglich, noch mehr Leute aufzunehmen. Mittagsgäste müssen sich grundsätzlich einige Tage vorher anmelden, und "Gans und Karpfen" sagt sie, "sind für die nächsten Wochen völlig ausgebucht". Brotzeiten dagegen hat die Linde immer: Geräuchertes, Bratwürste und Wurstsülze, all das, "wos d'Leit gern möng". Größere Gruppen tun aber auch hier gut daran, sich anzumelden, denn es gibt nur drei Tische in der Stube.

Einrichtung 100 Jahre alt

In erster Linie kommen die Gäste sicher wegen der bayerischen Küche und vielleicht auch wegen der resoluten Wirtin. Andererseits aber ist es das Wirtshaus selbst, das die Leute anzieht. Die Linde hat im Gastzimmer alles gelassen wie es war. Der hölzerne Fußboden, die bemalte Tür, die Fenster, Tische und Stühle - die gesamte Einrichtung ist über 100 Jahre alt. An den Wänden hängen Reh-Geweihe, ein ausgestopfter Greifvogel, die alte Wanduhr. Andere Dekoration lehnt die Wirtin ab. "Mir tut das Herz weh, wenn ich all das künstliche Zeug sehe." Bodenständig, schlicht und echt wie ihr Wirtshaus ist die Linde. Seit über 40 Jahren bewahrt sie in Krickelsdorf bei Hirschau eine dörfliche Wirtshauskultur. Tanja Herdegen wollte schon immer "was Eigenes". Nach beruflichen Stationen in einer Bäckerei, im Supermarkt und im Kiosk des Königsteiner Freibades kaufte sie 2001 zusammen mit ihrem Mann Klaus das Anwesen Nummer 3 in Breitenstein. Das Haus war Mitte der 1850er-Jahre erbaut worden und stand unter Denkmalschutz. Es wurde entkernt und renoviert und 2003 neu bezogen. Drei Jahre später eröffneten die Herdegens darin ein kleines Wirtshaus, die "Kapellenschänke Breitenstein". Gemütlich und schlicht ist die Einrichtung der Wirtsstube gehalten, Tische und Bänke sind vom Hausherrn selbst geschreinert, ebenso wie die Möbel im hellen und freundlichen Nebenzimmer. Im weiten Außengelände flattern, picken und lärmen an die 100 Gänse, noch mehr Enten, eine buntgefiederte Hühnerschar und gurrende Tauben. Ihre Tage - besonders die der Gänse und Enten - sind gezählt, denn die Wirtin der Kapellenschänke, mit zwölf Jahren aus der Lüneburger Heide nach Bayern gekommen, ist berühmt für ihren Gänsebraten.

Freitags zur Landkutsche

"Viel Arbeit ist das schon", gibt Tanja zu, denn das Federvieh muss geschlachtet, gerupft und ausgenommen werden. Das alles erledigt die Patchwork-Familie in Eigenregie, die insgesamt fünf Kinder des Paares helfen tatkräftig mit. In den Herbst- und Wintermonaten sind Martins- und Weihnachtsgänse sehr gefragt, ist die kleine Schänke meist ausgebucht.

Aber auch zu den anderen Jahreszeiten gibt es bodenständiges Essen, werden Vereins- und Familienfeiern, Taufen und auch kleinere Hochzeiten im Wirtshaus von Breitenstein gefeiert. In den Sommermonaten ist der idyllische Biergarten mit dem "Häusl" sehr gefragt: "Da sitzen die Gäste gern unter der großen Linde", erzählt Tanja. Viele Wanderer, Radler und Touristen sind darunter, denn ganz in der Nähe der Schänke ist ein besonderes Kleinod zu besichtigen: die romanische Burgkapelle der im 12. Jahrhundert von den Breitensteiner Herren erbauten Höhenburg. Sie ist die einzige romanische zweigeschossige Doppelkapelle der Oberpfalz. Eines der ältesten, wenn nicht gar das älteste Wirtshaus in Sulzbach-Rosenberg ist die "Landkutsche". Das frühere "Wirtshaus im Hag" an der Nürnberger Straße existiert seit mindestens 1446 und hat eine interessante Geschichte. Es ist überliefert, dass im Landshuter Erbfolgekrieg Anfang des 16. Jahrhunderts der Gasthof abgebrannt ist. Den Befehl dazu gab Albrecht Stieber, damit freies Schussfeld für die Sulzbacher Verteidiger entstand. In den folgenden Jahrhunderten wurde das Gasthaus an der Handelsstraße von Nürnberg nach Prag von wechselnden Wirtsleuten geführt.

Am Ende der langen Reihe steht heute Martina Heiß, die nach dem Tod ihrer Eltern seit 2011 Besitzerin der "Landkutsche" ist. Wirtin ist sie nur am Freitag, denn sie und auch ihr Lebensgefährte Christian Kellner arbeiten in anderen Berufen. Aufgeben aber möchte Martina das Traditions-Gasthaus auf keinen Fall. "Seit 1801 ist es im Besitz unserer Familie", sagt sie und verweist auf die gerahmte Urkunde hinter Glas, in der der Erwerb dokumentiert ist. Sie ist gern Nebenerwerbswirtin: "Ich bin da aufgewachsen, ich möchte nichts anderes".

Von schlichter Schönheit ist die alte Wirtsstube, die sich am Freitagabend mit Stammgästen füllt. Bauernseufzer und Stadtwurst sauer und dazu eine Halbe, das bedeutet echte, selten gewordene Wirtshauskultur. Schon mehrere Fernsehsender haben das Besondere dieses alten Wirtshauses erkannt und darüber berichtet. Das Gasthaus und der Biergarten sind bei besonderen Anlässen auch längere Zeit geöffnet, zum Beispiel bei der Spittlkirwa oder beim Sommerfest im August. Wenn dann der Bratwurstduft den Pamlerberg hinunterzieht nützen viele Gäste die seltene Gelegenheit, und kehren in der "Landkutsche" ein.

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