16.10.2019 - 11:41 Uhr
Deutschland und die WeltOberpfalz

Test Audi e-tron 55 quattro

Wie Engelchen und Teufelchen fahren sie im Audi E-Tron immer mit: die Lust an der irren Beschleunigung auf der einen und die Reichweiten-Angst auf der anderen Seite. Willkommen im Alltag eines E-Automobilisten.

von Michael Ascherl Kontakt Profil

Alles ist neu: Wie geht das mit dem Laden? Wo lädt man am schnellsten und am günstigsten? Und vor allem: Wie weit reicht der "Sprit"? Audi verspricht für den E-Tron eine Reichweite von etwas mehr als 400 Kilometer. Im Alltag sind es 300 - mal etwas mehr, mal etwas weniger. Es kommt halt auch hier auf die Fahrweise an. Im Schnitt kommen wir im Test auf einen Verbrauch von 28 Kilowattstunden pro 100 Kilometer. (Werksangabe 23,7) Bei einem Preis von 30 Cent pro Kilowattstunde sind das also 8,40 Euro für 100 Kilometer. Dafür bekäme man an der Tankstelle rund sieben Liter Diesel. Aber: In vielen Kommunen gibt es den Strom an einigen Ladepunkten momentan noch gratis, und dann kommt Freude auf. Fahren zum Nulltarif.

Die Akkus des E-Tron fassen 95 kWh. Bei unserem Verbrauch von 28 kW/h ergibt sich daraus eine maximale Reichweite von 339 Kilometern. Wer verreist, sollte also clever planen. Am besten so, dass eine Ionity-Schnell-Ladesäule mit 150 kW an der Strecke liegt, denn die bläst den Stromtank in einer halben Stunde zu 80 Prozent voll. Die restlichen 20 Prozent würden wegen des batterieschonenden Lademanagements nochmal 20 Minuten länger dauern. Glücklich der, der am Arbeitsplatz oder am Wohnort eine Lademöglichkeit mit 20 kW/h oder mehr hat. Da wird der Wagen für ein paar Stunden angesteckt, und schon ist der Akku wieder voll. Der E-Tron ist dabei mit dem Smartphone verbunden und informiert permanent, wie voll seine Speicher sind. Die App kann aber noch mehr: Vorheizen oder -klimatisieren zum Beispiel, oder das Auto ent- und verriegeln, wenn - Zukunftsmusik - der Paketdienst seine Lieferung im Kofferraum ablegen soll. Die Kabel fürs Laden sind übrigens sauber in einem Fach unter der vorderen Haube untergebracht. Schnelllader haben ihre eigenen Kabel. Für den Audi passen die Steckertypen Typ 2 und CCS.

Lad – Mich – Auf!

Laden daheim an der Steckdose? Geht auch, dauert aber bis zu 45 Stunden. Allerdings "schnell mal" 50 bis 80 Kilometer über Nacht rauszuzuzeln ist schon möglich.

Die Karte des Navi zeigt in einem blau umrandeten Feld stets an, wie weit der E-Tron mit der vorhandenen Energie käme. Ferner berücksichtigt die Routenplanung, ob Ladesäulen an der Strecke liegen und schlägt gegebenenfalls Alternativen vor.

Wie aber fährt das stattliche Elektro-SUV mit immerhin 408 PS? Grandios. Denn so ein Batterieauto hält sich nicht mit dem Aufbau von Drehmoment oder dem Wechseln von Gängen auf. Es knallt die volle Energie an die Räder - im E-Tron an alle vier - und katapultiert den Wagen nach vorne. Insassen, die das nicht kennen, schnappen nach Luft. In weniger als sechs Sekunden sind 100 Sachen erreicht, bei 200 ist Schluss. Wer solche Beschleunigungsorgien öfter feiert, muss allerdings schneller nachladen als ihm lieb ist. Und so erzieht die Reich-"Weite" zum gelassenen Fahren. Das gelingt im mit Extras vollgestopften Testwagen umso besser, denn er erkennt sämtliche Tempolimits und hält sie selbstständig ein. Dabei berücksichtigt er auch den Streckenverlauf. Beim Verzögern fließt Energie in die Speicher zurück.

Kameras statt Spiegel

Statt Außenspiegeln benutzt der Testwagen die aufpreispflichtigen Kameras, die ihr Bild in die Türbrüstung projizieren. Daran muss man sich zwar gewöhnen, futuristischer aber geht es kaum.

2,6 Tonnen wiegt der E-Tron. 700 Kilo gehen allein auf die Akkus. Das Gewicht merkt man dem Wagen auch an. Er schaukelt über Bodenwellen leicht auf, liegt aber sonst satt auf der Straße. Wer einmal Audi fuhr, kommt mit der Bedienung gut zurecht. Der Sprachassistent ist intelligent, forscht servil nach Adressen im Internet und startet die Navigation. Innovativ auch das Radio, das bei Verlust des DAB-Signals auf Web-Radio umswitcht. Der Platz im Innenraum ist großzügig bemessen, der Kofferraum wegen der Batterien vergleichsweise flach. Die Verarbeitung bis ins Detail in Viere-Ringe-Qualität. Muss auch, denn der Testwagen kostet 107 000 Euro. Und jetzt rechnen wir ihn schön: Wenn wir 300 000 Kilowattstunden immer kostenlos tanken, haben wir ab 1,2 Millionen Kilometern den Kaufpreis wieder reingeholt. Wenn das kein Argument ist ...

Kommentar:

Die Lust am Laden oder: Wo ist die freie Säule?

Spätestens nach drei, vier Tagen ist der Vorgang Routine: "Motorhaube" auf, Ladekabel entnehmen, anstecken, Ladevorgang per Smartphone starten. Und los geht's. Das ist nicht das Problem. Den Elektroautofahrer bewegen allerdings drei andere Fragen:Wo ist eine freie Ladesäule?Welche Leistung gibt sie ab? Was kostet der Strom?Glücklich, wer eine Wallbox (Kosten rund 2000 Euro) zu Hause hat und über Nacht in der Garage aufladen kann. Glücklich auch jener, der nie weiter fahren muss als sein Akku reicht. Denn unterwegs zu tanken, das birgt gewisse Risiken. Ist nämlich die angesteuerte Säule besetzt, dann heißt es warten. Möglicherweise eine Stunde und länger, bis der Ladende zurückkommt und die Säule wieder freigibt. Bei leerem Akku benötigt der auf dieser Seite getestete Audi selbst bei optimalen Bedingungen eine halbe Stunde. Wir waren auf dem Rastplatz Waldnaabtal an der A 93. Eon hat hier eine Säule mit 47 kW/h aufgestellt. Das heißt: Zwei Stunden Pause für eine volle Ladung - wenn denn die Säule frei ist. Und das mit einem 100 000-Euro-Auto. Die E-Mobilität taugt noch nicht für die Langstrecke. Da mögen ein paar Idealisten widersprechen. Die Masse aber wird erst kaufen, wenn die Autos günstiger, die Akkus leistungsfähiger und leichter und die Infrastruktur ausgebauter ist. Bis dahin haben wir einen Tipp: Kaufen oder leasen Sie ruhig eine Stromer für den Alltag, laden Sie wann immer es geht gratis und mieten Sie mit dem ersparten Geld für die lange Reise einen sauberen Verbrenner. Denn eines ist klar: Es ist schon toll, wie lautlos und kräftig so ein Elektroauto fährt. Vielleicht sogar in die Zukunft.

Michael Ascherl

Video (Oberpfälzer Dialekt mit Untertitel)

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