07.06.2019 - 16:40 Uhr
ThansteinOberpfalz

Auf den Spuren der Eltern

Ein Ehepaar aus Toulouse ist auf der Spurensuche ihrer Eltern. In einer zehntägigen Tour besuchene Marie-José, geborene Vergnes, und ihr Ehemann Wladislaw Panarin Orte, an denen Eltern und Verwandte während des Zweiten Weltkrieges leben.

In der Verwaltungsgemeinschaft Neunburg empfingen Otto Reimer, Gertrud Stadlbauer, Herbert Männer, Bürgermeister Walter Schauer, Theo Männer (von links) die französischen Gäste Marie-José Vergnes/Panarin und Wladislaw Panarin (vorne mitte), sowie Dolmetscherin Josette Arivieu (rechts).
von Ludwig DirscherlProfil

Bei ihrer Recherche besuchten sie Nürnberg, Neunburg, Thanstein, Dautersdorf, Nyrsko (Tschechien), Melk (Österreich) und Ulm, bevor es zurück nach Toulouse (Frankreich) ging. Von beiden waren der Vater in Deutscher Gefangenschaft.

Werke von Vergnes

Ihr erster Besuch war das Dokumentaitonszentrum im Nürnberger Reichsparteitagsgelände. Dort sind bei einer Ausstellung, die bis Februar 2020 geöffnet ist, Werke von Vergnes zum Thema Gefangenschaft, Massenmord und Zwangsarbeit betrachtet worden. Der junge Künstler malte als Kriegsgefangener in mehreren oberpfälzer Orten beeindruckende Werke, die erst vor kurzer Zeit entdeckt wurden. André Vergnes war zwei Jahre in der Gemeinde Thanstein im ehemaligen Schloss als Kriegsgefangener untergebracht und der Familie Elsner auf der Thannmühle zugeteilt.

In der Verwaltungsgemeinschaft Neunburg vorm Wald empfingen Bürgermeister Walter Schauer und mehrere geschichtlich versierte Personen die französischen Gäste. Der erste Kontaktbrief des Ehepaares erfolgte im Mai 2018 an den Thansteiner Bürgermeister. Dabei schilderten das Ehepaar Panarin den Fund einer großen Anzahl von Werken des Vaters André Vergnes. In einem Buch mit dem Titel "Entre Stalag et Kommando" ist die Zeit von Juni 1940 bis 1945 zusammen gefasst und wurde im Verlag Editions Sutton, Tours herausgegeben.

Darin wurde besonders das bewegte Leben als Kriegsgefangener illustriert. Aber auch herrliche Landschaftsbilder, das bayerische Bauernleben, Freizeitaktivitäten, Stadtkulissen, Tiere, Kalender- und Kirchenmotive, sowie Kriegsschauplätze wurden vom Künstler dargestellt. Theo Männer, Herbert Männer, Gertrud Stadlbauer und Otto Reimer haben sich der Sache angenommen und führten umfangreiche Recherchen und Übersetzungen durch. Ihre Freude war besonders groß, als sie die einmaligen original Exponate beim Besuch sehen konnten.

Bürgermeister Walter Schauer stellte die Gemeinde Thanstein und ihre Geschichte vor. Er freute sich über das Buch und hoffte, den französichen Gästen möglichst viele Orte, an denen Ihr verstorbener Vater gelebt, gearbeitet und gemalt hat, zu zeigen. Dabei werden uns wieder die Folgen von Krieg und Gefangenschaft bewusst, so Schauer. Die früheren Erzfeinde Frankreich und Deutschland sind Freunde geworden und Wegbereiter für ein vereintes Europa. Beim Eintrag ins Gästebuch der Gemeinde bedankte sich das Ehepaar für die umfassende Unterstützung bei ihren Recherchen und überreichte ein Geschenke des Bürgermeisters von Toulouse.

Nach einer Stadt- und Museumsführung mit Theo Männer in Neunburg wurden am zweiten Tag Thanstein besichtigt. Herbert Männer führte durch das alte Schloss, in dem die Gefangenen untergebracht waren. Mehrere Schauplätze die Vergnes festgehalten hatte, wurden dabei mit den Bildern aus dem Buch und den Tagebüchern verglichen. Nach der Kirchen- und Burgführung durch Otto Reimer traf sich die Delegation zum Mittagessen im Gasthaus Träxler. Dort konnte sich Anton Träxler noch gut an die Gefangenen erinnern, die jeweils in der Gastwirtschaft das Essen einnahmen. Am Nachmittag wurde die alte Tannmühle besucht. Dort erinnerte sich Maria Elsner noch gut an den liebenswerten und freundlichen Kriegsgefangenen "Andres", wie sie ihn nannte.

Aquarell zum Dank

Beim Thanmühlner, dem er zugeteilt war, hat er sich mit einem schönen Aquarell in Erinnerung gehalten. Nach dem Austausch mehrerer Geschenke stand am Ende fest, dass dies sicherlich nicht das letzte Treffen sein wird. Es wurde sogar eine Ausstellung der Exponate angeregt. Von seiner Kriegszeit brachte der Soldat eine Fülle von Zeichnungen, Aquarellen, Gouachen und Skizzen in seine französische Heimat zurück. Viele Jahre schlummerten sie in seinem Atelier, bevor sie von seiner Tochter und Schwiegersohn der Öffentlichkeit zugängig gemacht wurden. Schwiegersohn Wladislaw Panarin, ehemaliger Berufsschuldirektor, wurde am Ende des Krieges in Regensburg geboren und reiste später nach Lyon aus. Seine Mutter eine Byzantinerin, war eine russische Spionin auf der Krim. Glückliche Umstände halfen ihr, in ihrer Gefangenenschaft bei einem deutschen Offizier zu überleben. Sein Vater, ein vertriebener russischer Kosake, trat in die Wlassow-Befreiungsarmee ein. In Nyrsko (Tschechien) geriet sein Vater in deutsche Gefangenschaft.

Auf der Flucht der beiden wurde er in Regensburg geboren. Auf der geschichtlichen Reise besuchte das Ehepaar auch mehrere Stationen seiner Eltern.

Die Gäste besichtigten auch das Schloss von Herbert Männer (Zweiter von rechts) in Thanstein.
Die französichen Gäste Josette Arvieu, Wladislaw Panarin, Marie-José Panarin (von links) tragen sich ins Gästebuch von Thanstein ein.
Von seinem Exil brachte der Soldat und Kriegsgefangene André Vergnes eine Fülle von Zeichnungen und Aquarellen mit in seine Heimat zurück. Viele Jahre schlummerten sie in seinem Atelier. Hier eine Ortsansicht von Thanstein mit Kirche und Burg.
Das Bild handelt von den Gefangenen beim Gottesdienst im Schlosseingang.
Maria-Jose Vergnes/Panarin (links), Wladislaw Panarin und Dolmetscherin Josette Arivieu (von rechts) tauschten sich in der Verwaltungsgemeinschaft mit (von links) Otto Reimer, Gertrud Stadlbauer, Theo Männer, Herbert Männer und Bürgermeister Walter Schauer aus.
Diese Zeichnung zeigt die Thanmühle.
Diese Ortsansicht von Thanstein entstand zur erntezeit.
Stationen des Soldaten André Vergnes (1917 bis 1967):

Geboren wurde er am 21. September 1917 in Lédergues bei Aveyron, gestorben ist er am 23. Juli 1967 und begraben in Rodez (nordöstl. Toulouse). Aufgewachsen in den Talmulden von Rouergue, studierte er in Paris an der Akademie der Schönen Künste Malerei, Bildhauerei und Architektur. Am 1. September 1939 wurde er mit 21 Jahren eingezogen. Nach seiner militärischen Ausbildung in Balma/Toulouse kämpfte er im Zweiten Weltkrieg in Lothringen an der „Maginot-Linie“. Im Juni 1940 geriet er bei Erstein in deutsche Gefangenschaft und kam in die Stirn-Kaserne bei Straßburg. Nach seiner Verlegung ins bayerische Straflager XIII A/Nürnberg wurde er dem „Kommando 1995“ Thanstein zugeteilt. Mit mehreren französischen Kriegskameraden marschierte er im Januar 1941 unter deutscher Bewachung in Gruppen von 15 Personen nach Thanstein. Dort wurden sie von einem Quartiermeister im Schloss und im Hörmann-Haus untergebracht. Zum Essen trafen sich die Gefangenen täglich im Gasthaus Träxler. Bewacht wurden sie von einem deutschen Soldaten. In seiner Freizeit (Sonntags) malte der Künstler zahlreiche Exponate. Später war er noch bei „Arbeitskommandos 1644“ in Dautersdorf, Bodenwöhr (vier bis fünf Monate) und Neumarkt als Gefangener eingesetzt. In Neumarkt war der Künstler als Ordonnanz eines Arztes in einem Krankenrevier für Kriegsgefangene tätig. Vor seiner Verlegung nach Bamberg erlebte er mehrere Bombardierungen, Artillerieangriffe und das Chaos der Kapitulation in Neumarkt. Nach fünfjähriger Gefangenschaft wurde der 27-Jährige am 19. Juni 1945 in Paris aus dem Kriegsdienst entlassen. Später wirkte er als Kunstprofessor am Gymnasium in Rodez. Bei einer Kunstreise nach Venedig kam er bei einem tragischen Verkehrsunfall ums Leben. (dl)

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