30.10.2018 - 16:19 Uhr
TheisseilOberpfalz

Eine Rarität mit seltenem Patronat

Die kleine Kirche in Wilchenreuth ist dem Augsburger Bischof Ulrich geweiht. Sie ist das einzige romanische Gotteshaus in der Oberpfalz.

Den Altar aus dem Jahre 1670 überließ man der katholischen Kirche. Er wurde durch einen einfachen Altar mit Holzkreuz ersetzt. So kamen auch die heute gut sichtbare Jesus-Darstellung und weitere Fresken gut zur Geltung.

(cr) Sie ist ein Kleinod und eine Rarität, die St.-Ulrichs-Kirche in Wilchenreuth. In den Wäldern um die einzig rein romanische Kirche der Oberpfalz, jagten einst die Weidener Stadtherren. Der Zugang zu der kleinen, im Ort versteckten Kirche ist für Fremde oft nicht auffindbar. Immer wieder ist das Kirchlein Ziel von interessierten Besuchergruppen, aber auch von kundigen Historikern. Zu bestaunen gibt es viel.

Zuständig für die protestantische Kirche ist Pfarrer Franz Gruber aus der Kreisstadt Neustadt/WN. Es gab schon vor ihm keinen Pfarrer, der nicht mit berechtigten Stolz die Kirche vorstellte. Der Name St. Ulrich ist in dieser Gegend ungewöhnlich. Namenspatron ist der Augsburger Bischof Ulrich, der die Ungarn am Lechfeld besiegte. Sein Schüler Wolfgang, Bischof und Patron der Diözese Regensburg, verbreitete aus Bewunderung für Ulrich den Namen für Kirchen in seiner Region.

Auch "Fliehburg"

Der Bau der Kirche im romanischen Stil lässt sich in die Zeit kurz nach 1300 datieren. Die Ausrichtung der Quadersteine, der Fresken im Inneren, lassen diese Einordnung zu. Aufgrund der Bauweise lässt sich zudem erkennen, dass die Kirche auch als "Fliehburg" bei Bedrohung diente.

Wilchenreuth war, wie die Weidener Stadtarchivarin Petra Vorsatz weiß, "einst Jagdsitz der Weidener". Im Archiv der Stadt zeugt davon eine Urkunde. Aus ihr geht hervor, dass die Hofmark Wilchenreuth im Jahre 1407 von den Schirndingern an die Stadt Weiden verkauft wurde.

Die Evangelisierung erfolgte unter den Leuchtenbergern. Wilchenreuth zählt zu den ältesten evangelischen Gemeinden der Oberpfalz. Sie war angesehen und reich. Nur kurze Zeit setzte sich der Katholizismus durch. Etwa 60 Hektar Grund gehören heute noch zum Pfarrbesitz. Erst in der Neuzeit, als der "Kirchenzins" nicht mehr in Naturalien abgegeben wurde, erfolgte für das Kirchlein ein Niedergang bis hin zur Bedeutungslosigkeit. Nachgewiesen wurde in der Zwischenzeit, dass auch reformatorische Strömungen wie Kalvinismus die Gemeinde tangierten. Zeichen dafür ist der noch heute sichtbare, geschnitzte Blumenstrauß über der Kanzel.

Kirche in Gebrauch

Wenn auch ein Kunsthistoriker bei einem Besuch vor längerer Zeit den durch Umbau- und Renovierungsarbeiten erfolgten Stilbruch missbilligend zur Kenntnis nahm - der ehemalige Pfarrer Günther Breit sah das aus einer anderen Perspektive. Für ihn sind diese Maßnahmen Zeichen dafür, dass die Gemeinde Wilchenreuth ihre Kirche "in Gebrauch nahm". Hier lebten und leben Menschen, die sich der Kirche selbst in schwierigen Zeiten annahmen. Das sei "ihm persönlich mehr wert, als die Bewahrung einer kunsthistorischen Kirche".

Bis 1972 bildeten die beiden evangelischen Gemeinden Wilchenreuth und Püchersreuth eine Einheit. Sie löste sich mit dem Tode des letzten Pfarrers auf. Püchersreuth kam zu Plößberg, Wilchenreuth als eigenständige evangelische Gemeinde in die Obhut des jeweiligen Neustädter Pfarrers. Bis zum Jahre 1912 gab es das Simultaneum im Ort. Durch den Neubau der katholischen Kirche einige Meter weiter, kam St. Ulrich in den Alleinbesitz der Gemeinde.

Taufstein als Spülbecken

Damit verbunden, wurden Renovierungsarbeiten notwendig. Die Weißdecke wurde durch eine Holzdecke ersetzt. Bedauernswerterweise wurde der alte, in die Wand eingelassene Taufstein, ein Granitkessel, als wertlos empfunden, herausgerissen und vor der Kirche als Spülbecken missbraucht. Den Altar aus dem Jahre 1670 überließ man der katholischen Kirche. Er wurde durch einen einfachen Altar mit Holzkreuz ersetzt. So kamen auch die heute gut sichtbare Jesus-Darstellung und weitere Fresken gut zur Geltung. Weitere Bemalungen konnten bei der Renovierung freigelegt werden.

Der restaurierte Messkelch aus dem Jahre 1614 gehört zum wertvollsten Besitztum und wird daher nicht in der Kirche aufbewahrt. Die Weidener Stadtarchivarin Petra Vorsatz beschäftigte sich besonders mit dem Hersteller des Kelches, einem gewissen Juwelier Lautensack aus Weiden.

Ein Besuch der Kirche, die inmitten eines liebevoll gepflegten Friedhofes liegt, ist sehr zu empfehlen. Geöffnet ist sie in der Regel nach den Gottesdiensten (ersichtlich im Pfarrblatt der evangelisch lutherischen Pfarrgemeinde Neustadt/WN).

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