Ein Thurndorfer Gebäude mit verschiedenen Kapiteln

Das ehemalige Bundeswehrlager in Thurndorf - die Einheimischen nennen es schlicht "Bau" - hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Sogar von Prostituierten ist die Rede.

Der Reichsadler am ehemaligen Verwaltungsgebäude der Kaserne Thurndorf erinnert noch an die militärische Nutzung.
von Autor RFÜProfil

Erst Funkdienststelle für das Dritte Reich, dann Prostituierten-Lazaret, dann Sanatorium für Herz- und Kreislauferkrankte und schließlich Divisionsausbildungslager der Bundeswehr, ehe das Gebäude einer zivilen Nutzung zugeführt wurde. Die Geburtsstunde der "Minikaserne" geht auf das Jahr 1938 zurück. Die damaligen Machthaber erwarben auf dem knapp 650 Meter hohen Kütschenrain ein Areal von dreieinhalb Hektar, das Landwirten aus Thurndorf und zum Teil dem Deutschen Reich gehörte. Die notarielle Beurkundung erfolgte am 27. November 1940. Bevollmächtigter Verhandlungsführer war ein Verwaltungsinspektor des Luftgaukommandos XIII in Nürnberg, der für das Deutsche Reich handelte. In nur wenigen Monaten entstand eine Wetterdienstfunkstelle, die bis zum Einmarsch der Amerikaner am 19. April 1945 in Betrieb war. Die Amerikaner nahmen das Lager schließlich in Besitz.

Ein Jahr später wurde das Objekt zweckentfremdet. Fast drei Jahre lang wurden hier Prostituierte mit Geschlechtserkrankungen behandelt. Die Frauen seien rund um den Truppenübungsplatz aufgesammelt worden. Mit Trucks, auch Rios genannt, wurden die Damen nach Thurndorf gefahren. Die "leichten Mädchen" kamen aus ganz Deutschland nach Grafenwöhr. Nach Meinung der damaligen Besatzungsmacht waren sie notwendig, um Vergewaltigungen zu vermeiden und den sozialen Frieden zu sichern. Die Behandlungen dauerten, je nach Schwere der Krankheit, mehrere Wochen. Regelmäßige Kontrollen und Kurbehandlungen folgten. Ab 1947 beherbergte das Lager ein Kreiskrankenhaus für Kreislauferkrankte. Träger war der Landkreis Eschenbach. Leitender Arzt war Dr. Benno Muck, der später in der Auerbacher Straße in Kirchenthumbach eine Praxis für Allgemeinmedizin betrieb. Der Krankenhausbetrieb war nicht von langer Dauer. Muck kaufte sich ein größeres Grundstück am Wölkersberg. Dort sollte ein Sanatorium entstehen. Krankheitsbedingt ließ er von den Plänen wieder ab. Benno Muck ein beliebter und hoch angesehener Mediziner starb 1979 im Alter von nur 67 Jahren. Den Wölkersberg nannte man viele Jahre "Monte Mucko".

Militärisch genutzt wurde das Areal in Thurndorf wieder ab dem Jahr 1959 unter der Bezeichnung "Fernmeldesektor E". Etwa 80 bis 100 Bundeswehrsoldaten des Fernmelderegiments 72 aus Feuchtwangen überwachten Tag und Nacht den Funkverkehr sowohl eigener wie feindlicher Flugzeuge. 1967 war auch diese Ära zu Ende. Die Einheit wurde abgezogen und nach Wunsiedel verlegt, wo auf dem grenznahen Schneeberg eine leistungsstärkerer Antennenanlage in Betrieb genommen wurde. Nach siebenjährigem Dornröschenschlaf erlebte das Bundeswehrlager eine erneute Renaissance. Nach Um- und Renovierungsarbeiten wurde es erneut einer militärischen Nutzung zugeführt mit der Bezeichnung "Divisionsausbildungslager". Viele Jahre fanden Fortbildungslehrgänge für Soldaten in unter anderem Staatsbürgerkunde statt. Auch die Reservisten waren Stammgäste auf dem Kütschenrain. Regelmäßig wurden Mob-Übungen abgehalten. Die Kreisgruppe Oberpfalz-Nord des Reservistenverbandes nutzte das relativ schneesichere Gebiet zur Winterkampfausbildung. 1994 war das Aus des Bundeswehrlagers besiegelt. Ein Privatmann kaufe das Areal samt Immobilien und nutzte es zu Wohn- und Gewerbezwecken. Kaufinteresse soll auch die kurdische Untergrundorganisation PKK gehabt haben. Wie Thurndorfer Zeitzeugen berichten, wurden schwere schwarze Limousinen in und um Thurndorf gesichtet, die Fahrer hätten die Immobilie in Augenschein genommen. Die Marktgemeinde, mit Vorkaufsrecht, verzichtete auf den Erwerb.

Baulich hat sich im ehemaligen Lager Thurndorf kaum etwas geändert.
Der Arzt Dr. Benno Muck leitete das Thurndorfer Krankenhaus, das einige Zeit in dem Gebäude am Kütschenrain untergebracht war.
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