Steinwürfe mit tödlichen Folgen

In den letzten Apriltagen des Jahres 1945 geht mit dem Einmarsch der Amerikaner in vielen Orten und Gemeinden in der Oberpfalz der zweite Weltkrieg zu Ende. Für Tiefenbach bleibt aber ein schreckliches Ereignis in schmerzhafter Erinnerung.

Das Marterl an der Straße nach Hoffeld erinnert an das traurige Ereignis aus dem Jahr 1945.
von Externer BeitragProfil

Entsprechenden Aufzeichnungen von Zeitzeugen - insbesondere von Ortspfarrer Wolfgang Daiminger - zufolge, wurde bereits Anfang März 1945 eine Schar von 250 SS-Männern nach Tiefenbach verlegt, was wohl als Anzeichen des nahenden Eintreffens feindlicher Truppen gewertet werden kann. Obwohl ein Teil dieser Truppe nach zwei Wochen wieder verlegt wurde, kamen dann Mitglieder der Hitlerjugend und Werwolf-Einheiten nach Tiefenbach, um hier eine militärische Ausbildung zu erhalten.

Am 19. April 1945 kam es zu einem schrecklichen Unglück. Josef Sacherl (Schwed) und Alois Ruhland (Haberl) haben dazu im Oktober 1968 ihre Wahrnehmungen in Niederschriften dargelegt. So war bereits seit einiger Zeit auf der sogenannten Winkerl-Trath, einer Sandgrube am Ortsweg nach Hoffeld, nur ein paar hundert Meter vom Ortsrand entfernt eine improvisierte Übungsstätte für diese letzten Aufgebots-Einheiten entstanden. Nach einer solchen Übung am 19. April 1945 marschierten die Soldaten wieder in das Dorf zurück.

Mit Steinen beworfen

Zur gleichen Zeit liefen mehrere Buben in Richtung des Übungsgeländes. Dort entdeckten sie eine liegengebliebene Panzerfaust - oder war es ein Blindgänger? - und bewarfen sie mit Steinen. Dadurch detonierte die Granate und tötete vier Buben, die sich in nächster Nähe befanden. Die schwere Explosion war weithin zu vernehmen.

Bei den Getöteten handelte es sich um Johann Haberger (elf Jahre), Alois Blattmeier (zehn Jahre) sowie um Ludwig Bittner (elf Jahre) und seinen Bruder Willibald (sechs Jahre). Für die betroffenen Familien, aber auch für den gesamten Ort bedeutete dieses Unglück einen großen Schock, zumal sich alle drei Väter zu dieser Zeit im Kriegsdienst befanden. Der Zeitzeuge Josef Sacherl schildert in seiner Niederschrift, dass er unmittelbar nach der Detonation den damals neunjährigen Josef Betz mit blutverschmierten Beinen ganz aufgeregt ins Dorf laufen sah. Daraufhin näherte er sich auch der Unfallstelle und sah die Opfer.

Alois Ruhland berichtet, dass er vom damals achtjährigen Nachbarssohn Robert Scheer erfahren hat, dass vier Kinder verunglückt seien. Ruhland, der seinen beiden Söhne Alois und Anton auch dort vermutete, eilte daraufhin ebenfalls ganz aufgeregt zur Unglücksstelle. Dort hatte sich bereits eine Menge Menschen versammelt. Er sah noch drei der schrecklich zugerichteten Buben. Der verunglückte Alois Blattmeier war zwischenzeitlich bereits von seiner Mutter heimgetragen worden.

Beklemmende Hilflosigkeit

Auch der Heimatvertriebene Günter Arlt, ein Schulkamerad der getöteten Buben, berichtet, dass die vier Buben zu Hause in den Familien aufgebahrt wurden, und ihm selbst dabei ein Gefühl beklemmender Hilflosigkeit und Bedrohung widerfuhr. Ein Großteil der stationierten Einheiten zog einen Tag später nach diesem für die SS sehr peinlichen Vorfall von Tiefenbach ab. Für die verunglückten Kinder wurde einige Jahre später - vermutlich von Michael Haberger - ein Marterl mit den Namen der Verunglückten errichtet. Das Gedenkkreuz an der Hoffelder Straße wird seit rund einem Vierteljahrhundert von der Familie Rita und Peter Hammerl, in der Besitznachfolge der Familie Haberger fürsorglich gepflegt. Im Jahr 1997 erfolgte eine umfassende Restaurierung mit dem Bau einer kleinen Eisenumzäunung. Am 28. September 1997 wurde das restaurierte Marterl durch Pfarrer und Dekan Georg Bäuml gesegnet.

So erinnert auch heute noch, 75 Jahre nach Kriegsende, dieses kleine Mahnmal an ein schreckliches Ereignis in den letzten Kriegstagen und an ein schweres Schicksal von drei Familien. Die historischen Unterlagen sind mittlerweile im Gemeindearchiv aufbewahrt.

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