30.11.2018 - 11:20 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

73 Gedichte mit 12 Jahren

Ein Gedicht mit vier Versen. So lautet die Hausaufgabe in der fünften Klasse, mit der Alina Mehler aus Tirschenreuth ihr Talent entdeckte. Aus der Übung ist eine Leidenschaft entstanden, von der ihre Eltern lange nichts wussten.

Mama Sybille Mehler staunt über die Gedichte ihrer Tochter Alina. Mit zwölf Jahren hat diese schon 73 Werke verfasst.
von Elisabeth Saller Kontakt Profil

Alina Mehler besucht heute die Klasse 7a des Stiftland-Gymnasiums in Tirschenreuth. Zwei Jahre nach der Hausaufgabe, die die Kreativität der Schülerin forderte, ist Alina eine Lyrikerin. 73 Gedichte hat sie inzwischen verfasst. Ständig werden es mehr: Die Schülerin schreibt oft "gleich mehrere hintereinander", am liebsten über Tiere und Natur. "Ich interessiere mich dafür und bin auch gerne draußen", berichtet sie. Themen sind auch Erlebnisse in der Schule oder ein Streit mit der Mutter. "Einmal war ich sauer auf Mama, da hab' ich was sehr Emotionales geschrieben", sagt sie und lacht.

Hat die Zwölfjährige eine Idee, notiert sie sie im Handy oder auf dem Handrücken. Oder kritzelt das Gedicht gleich hinten ins Mathe- oder Geschichtsheft. Aber normalerweise arbeitet sie nach der Schule an den Versen und tippt sie am PC. Sie habe einen Grundgedanken, formuliere einen Satz und überlege, was sich reimt, erläutert die Tirschenreutherin ihre Vorgehensweise.

Unkreativ wenn Stress herrscht

"Am Anfang haben wir das gar nicht wahrgenommen", sagt Alinas Mutter Sybille Mehler. Die Eltern dachten, ihre Tochter sehe sich Youtube-Videos an – und wollten Alina vor zu viel Zeit vor dem Computer abhalten. "Aber ich schreibe doch", habe das Mädchen protestiert. Und das ging in Ordnung. Bloß: "Ich habe gar nicht geschaut, was sie schreibt", gesteht die Mama. Erst als ein paar Gedichte im "Kreativheft" des Gymnasiums, einer Art Schülerzeitung mit Texten und Kunst der Schüler, abgedruckt wurden, "waren wir baff". Eines davon handelt von einer Katze, die an Bauchweh leidet.

"Sie muss nicht lange überlegen, das kommt so aus ihr rausgesprudelt", erzählt die stolze Mutter. Oft hört Alina Musik und versucht dann ihre Stimmung festzuhalten. Wörter, die sich reimen, fallen ihr schnell ein. "Ich finde das nicht so kompliziert." Die Gymnasiastin habe einmal versucht, einer Freundin das Reimen beizubringen – ohne Erfolg. Nur wenn viel Stress in der Schule herrscht und Alina für Prüfungen lernen muss, stockt die Kreativität.

Die fertigen Werke druckt das bescheidene Mädchen, das auch gerne fotografiert, malt und reitet, aber nicht aus. "Die würden sonst rumfliegen." Lieber scrollt sie am Computer durch die Seiten. Die Zwölfjährige träumt davon, ihre Poeme bei einem Verlag veröffentlichen zu können, zum Beispiel in einem Gedichtband für Kinder.

Kritische Leserin

In ihrer Klasse ist Alina die Einzige, die Lyrik verfasst. Ein paar Mitschüler schreiben Geschichten. Das macht Alina auch, gerade arbeitet sie an vier gleichzeitig. Je nach Lust und Laune widmet sie sich einer.

Sehr kritisch liest Alina die Gedichte, die sie vor zwei Jahren verfasst hat. Manche wie das von der kranken Katze gefallen ihr nun nicht mehr: "Das würde ich heute nicht mehr machen." Formulierungen oder das Thema seien "zu kindisch". Mit "Frosthand" ist Alina Mehler ganz zufrieden. Die Idee dazu hatte die Zwölfjährige im Sommer, denn "ich freue sich immer so auf den Winter".

Frosthand:

Von Alina Mehler

So nackte Zweige,
sind stumpf und karg.
Feuerkampf geht schon zur Neige.
Schneesturm wütet laut und arg.

Er fasst die Bäume.
Schert ihren Kopf.
Erblickt wehende Träume.
Bunter Farbentopf.

Kräftig rührend,
schwingt er gewandt.
Wie's ihm gebührend
Das Schwert in der Hand.

Unter eiskalten Blicken,
er muss es tun.
Leben erstickend,
Er darf nicht ruh'n.

Eisblaue Herzen,
Gesichter in Blättern.
Niemals zum Scherzen,
der Sturm lebt das Wettern.

Jed's Jahr aufs Neue,
braut in der Nacht.
Kalt's Gras sich nicht freue,
denn es ist erwacht.

Das Tier über ihnen
monsterhaft groß,
den Kopf voller Bienen,
den Tode im Schoß.

Erstochenes Laub,
im Winde verweht.
Opfer vom Raub.
Rufen stilles Gebet.

Erst wohlig warm,
dann Tosen und Schatten.
Auf das' sich erbarm.
Zu spät Hoffnung hatten.

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