26.07.2020 - 08:36 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Amtsgericht Tirschenreuth: Autoverkäufe auf dem Prüfstand

14.550 Euro - den Erlös aus vier Autoverkäufen - soll sich ein 24-Jähriger selbst unter den Nagel gerissen haben. Den Fall kann auch das Amtsgericht Tirschenreuth nicht genau rekonstruieren.

Das Amtsgericht Tirschenreuth verhandelte in einem Fall von Unterschlagung gegen einen 24-Jährigen.
von Lena Schulze Kontakt Profil

Wegen Unterschlagung stand ein 24-Jähriger vor dem Amtsgericht. Von November 2013 bis Dezember 2019 arbeitete der Angeklagte als Autoverkäufer in einem Autohaus im Landkreis. Zu seinen Aufgaben gehörte es ab und an, Autos, die sein Kollege an einen tschechischen Geschäftspartner verkaufte, nebst Schlüssel, Papieren und Rechnung zu übergeben. Anschließend sollte er den Kaufpreis, den der 46-jährige Tscheche bar zahlte, der Buchhaltung übergeben.

Der Angeklagte wurde beschuldigt, das Bargeld für vier Autos, die er 2017 und 2018 übergeben haben soll, an sich genommen zu haben. Es handelt sich dabei im Einzelnen um einen Skoda Oktavia für 350 Euro, einen Seat Altea für 2100 Euro, einen Ford Kuga für 8500 Euro und einen Ford Mondeo für 3600 Euro. Dem Autohaus entstand so ein Schaden von insgesamt 14 550 Euro. Im Oktober 2019 konfrontierte der Arbeitgeber den 24-Jährigen mit den Vorwürfen.

Recherche in Chat-Gruppe

„Man hat mich als Dieb beschuldigt“, so der Angeklagte. Weil pro Jahr etwa 300 Autos weiterverkauft werden und die Übergaben verschiedene Kollegen machen, konnte er sich erst gar nicht erinnern, um welche Fahrzeuge genau es sich handelte. Er recherchierte in der Chat-Gruppe der insgesamt fünf Autoverkäufer. Dort informierten sie sich untereinander über verkaufte Autos. Die Fahrzeuge, von denen das Geld fehlt, hatte der Kollege des Angeklagten an den tschechischen Autohändler verkauft. „Mein Kollege hat mich dann immer beauftragt, die Rechnung zu schreiben.“ Manchmal habe er die Autos auch übergeben. Er selbst verkaufte höchstes zehn Autos pro Jahr, gab er an.

An die Übergabe des Ford Kuga erinnerte sich der junge Mann genau. Denn der Käufer hatte auf dem Weg nach Deutschland eine Panne, weshalb er den tschechischen Partner mit dem Kuga abholte. „An dem Tag wurde das Auto nicht bezahlt“, sagte der 24-Jährige. Auch eine Rechnung habe es nicht gegeben. Zum Ford Mondeo wusste der Landkreisbewohner, dass dieser an einem Samstag abgeholt werden sollte. „Samstags machen wir eigentlichen keine Fahrzeugübergaben, weil da nur ein Verkäufer arbeitet und damit im Service ausgelastet ist.“

Deshalb wollte auch sein Kollege, der das Fahrzeug verkauft hatte, zur Übergabe kommen. „Weil ich im Service eingespannt war, kümmerte sich mein Kollege. Die Rechnung konnte ich nicht gleich schreiben.“ Dass die Käufer die Rechnungen erst später erhielten, sei öfter der Fall gewesen.

Anhand der Fahrgestellnummer hatte der Angeklagte herausgebracht, dass der Vorbesitzer des Seats sein altes über die Abwrackprämie verschrotten lassen wollte. Im System fand der 24-Jährige aber einen „Proforma-Ankauf“ über einen Euro. „Diesen Ankauf hat der Kunde nie gesehen. Mein Arbeitgeber hat die Prämie kassiert, der Seat wurde aber nie verschrottet, sondern weiterverkauft.“ Von der Übergabe oder einer Rechnung zum Seat sei in der Verkäufer-Chat-Gruppe – die Verteidigerin Carola Rosenberger an Richter Thomas Weiß ausgedruckt übergab – nie die Rede gewesen, ebenso wenig wie vom Skoda.

Der Angeklagte habe mit beiden Autos nie etwas zu tun gehabt. Er beschuldigte dann seinen Arbeitgeber: „Die wollten mich abschieben und aus dem Team haben.“ Eigentlich sei das Verkäuferteam komplett gewesen, dennoch habe man die Tochter des „Star-Verkäufers“ als Azubi eingestellt. Ende 2019 kündigte der junge Mann. „Ich wollte dort nicht mehr arbeiten, wenn alle denken ich bin ein Dieb.“ Bei der Vernehmung bei der Polizei hatte der tschechische Geschäftspartner angegeben, dass der Angeklagte alle vier Fahrzeuge übergeben und teils wilde Ausreden hatte, warum es keine Rechnung gab.

1000 Euro an Kinderschutzbund

„Ich habe nie vorgeschlagen, dass wir keine Rechnung brauchen“, sagte der Angeklagte. Vor Gericht stellte sich heraus, dass sich der 46-jährige Autohändler aus Tschechien nicht genau erinnern kann, wer wann welches Auto übergeben hatte. Er kaufe seit 20 Jahren zwischen 40 und 50 Autos jährlich bei dem Autohaus. Eine Dolmetscherin übersetzte, dass die meisten Autos zwar der Angeklagte übergeben habe, manchmal aber auch sein Kollege oder dessen Tochter.

Die Angelegenheit kann sich der 24-Jährige nicht erklären, denn zum Jahreswechsel 2018 auf 2019 wollte der Seniorchef das Autohaus übergeben. „Wegen der Geschäftsübergabe musste Ende 2018 jeder Verkauf kontrolliert, gelistet und geprüft werden.“ Die Chefin prüfte die Bestandsliste, beim Steuerberater sei alles in Ordnung gewesen. „Ich verstehe nicht, warum dann ein halbes Jahr später Unregelmäßigkeiten auftauchen?“

Richter Thomas Weiß schlug schließlich ein Rechtsgespräch vor. Das Verfahren gegen den 24-jährigen Landkreisbewohner wurde unter Auflage einer Geldbuße von 1000 Euro, die der Angeklagte in Raten an den Kinderschutzbund Tirschenreuth zahlen muss, eingestellt.

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