28.05.2021 - 14:59 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Amtsgericht Tirschenreuth: Das sagt Direktor Thomas Weiß zum Abschied

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Nach über zehn Jahren als Amtsgerichtsdirektor in Tirschenreuth geht Thomas Weiß in den Ruhestand. Der Richter blickt auf besondere Prozesse, wie sich die Angeklagten verändert haben und seine schönste berufliche Station zurück.

Amtsgerichtsdirektor Thomas Weiß nimmt noch ein letztes Mal Platz am Richtertisch. Die Robe hat er schon abgelegt.
von Martin Maier Kontakt Profil

Auch die letzten Arbeitstage geht Thomas Weiß sehr gewissenhaft an. „Es gibt momentan viel zu tun“, sagt er einige Tage vor seiner Pensionierung im Gespräch mit Oberpfalz-Medien. Einige Stunden vorher hatte er einen Termin mit dem Bauamt, schließlich stehen in den nächsten Monaten einige Umbauten an. So souverän und akkurat wie er seine Verhandlungen geführt hat, will er seinem Nachfolger Markus Fillinger auch ein gut bestelltes Amtsgericht übergeben.

Das Gebäude soll barrierefrei werden. Dazu wird ein Aufzug eingebaut und die Toiletten, die noch aus den 1980er Jahren stammen, werden erneuert. Außerdem gibt es einen bienenfreundlichen Garten und es werden zum Parkplatz Kabel für eine E-Station gelegt. Insgesamt nimmt der Freistaat 700.000 Euro in die Hand.

Zwei Berufswünsche

Das Projekt liegt dem 65-Jährigen am Herzen: „Das hätte ich gerne noch zu Ende gebracht.“ Aber es dauerte doch länger, die entsprechenden Gelder locker zu machen, und dann kam noch Corona. Die Pandemie hat auch am Amtsgericht einiges verändert. Einige Mitarbeiter saßen im Homeoffice. „Die letzten eineinhalb Jahre waren sehr anstrengend“, verweist der Direktor auf den hohen Organisationsaufwand. Trotzdem sei sein Team, insgesamt arbeiten 39 Leute am Amtsgericht, gut durch diese Zeit gekommen.

Schon als Schüler hatte Weiß klare Vorstellungen: „Für mich gab es nur zwei Berufswünsche: Lehrer oder Richter.“ Bald hatte er sich aber für die Rechtswissenschaft entschieden. Einblicke hatten ihm zwei Personen geliefert: Zum einen war sein Vater Gerichtsvollzieher, zum anderen war der Vater mit einem Richter aus dem Bayerischen Wald befreundet. „Mein Ziel war die Justiz“, hatte der Weidener schon zu Studienbeginn den Staatsdienst ins Visier genommen. Bereut hat er dies nie. „Das war die richtige Entscheidung.“ Und den Lehrerberuf durfte Weiß auch noch ein wenig ausüben. Schließlich hat er viele Jahre an der Fachakademie für Sozialpädagogik in Weiden Rechtskunde unterrichtet.

Als Prozessbeobachter beim Militärgericht

Seit Oktober 1983 ist Weiß bei der Justiz. Start war als Staatsanwalt in seinem Heimatort Weiden. Einige Prozesse sind ihm besonders im Gedächtnis geblieben. Als junger Staatsanwalt war er in den 1980er Jahren als Prozessbeobachter beim Militärgericht in Grafenwöhr. Ein US-Soldat hatte zwei Frauen in Weiden umgebracht. Damals war Weiß auch zum Tatort gerufen worden. Als „relativ aufwendig“ bezeichnet er zu dieser Zeit auch die Ermittlungen zu angeblich illegalen Müllablagerungen an der Deponie Kalkhäusl. Das Verfahren sei aber schließlich eingestellt worden.

Anfang der 1990er kam Weiß als Richter ans Amtsgericht Weiden. Dort bescherte die Grenzöffnung in der Zweigstelle in Vohenstrauß sehr viel Arbeit. Weiß musste zig Strafsachen verhandeln, darunter vor allem Diebstähle und unerlaubte Einreisen. „Da sind wir eineinhalb Jahre überrollt worden“, blickt er zurück. Hängen geblieben ist bei ihm auch ein Verfahren als Jugendrichter 2003 gegen einen Pfarrer wegen sexuellen Missbrauchs von Ministranten und der Veruntreuung von Kirchengeldern. Der Fall zog Journalisten aus der gesamten Bundesrepublik an. Das Jugendschöffengericht verurteilte den Geistlichen zu drei Jahren Freiheitsstrafe und verhängte ein lebenslanges Berufsverbot für seelsorgerische Tätigkeiten in Verbindung mit Kindern und Jugendlichen.

„Bei Gewalttätigen war ich immer konsequent.“

Amtsgerichtsdirektor Thomas Weiß

Als Weiß 2004 als Gruppenleiter zur Staatsanwaltschaft Weiden zurückkehrte, war er einige Zeit für Tötungsdelikte zuständig. Ein Fall blieb dem 65-Jährigen besonders in Erinnerung. In einem Dorf im Landkreis Neustadt/WN hatte 2004 ein Mann seine Frau mit 25 Messerstichen umgebracht. Das Motiv: Eifersucht. Das Schwurgericht verurteilte ihn zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Dazu stellte es die besondere Schwere der Schuld fest.

Schließlich wurde Weiß im Dezember 2010 Amtsgerichtsdirektor in Tirschenreuth. Für größeres mediales Aufsehen sorgte 2019 die Verurteilung des damaligen Immenreuther Bürgermeisters wegen Untreue zu elf Monaten auf Bewährung und einer Geldauflage von 10.000 Euro.

Bei seinen Urteilen setzte der 65-Jährige auf eine klare Linie: „Bei Gewalttätigen war ich immer konsequent.“ Bei anderen Sachen sei auch eine zweite Chance möglich gewesen. Er selber sei einmal vor rund fünf Jahren ernsthaft bedroht worden. In einem Brief stand, dass „meine häusliche Anonymität nicht sicher ist“. Damals observierte die Polizei sein Haus in Weiden. Später habe sich aber alles als harmlos herausgestellt.

Justizfamilie in Tirschenreuth

Die größten Veränderungen bei den Fällen am Amtsgericht Tirschenreuth stellte er im vergangenen Jahrzehnt bei der Drogenkriminalität fest. Kamen früher die Rauschgiftschmuggler fast ausschließlich aus der näheren Umgebung, reisen sie mittlerweile auch mehrere Hundert Kilometer an, um Drogen auf den Märkten in Tschechien zu kaufen. „Das hat sich immer mehr verbreitet“, zählt Weiß Angeklagte aus Österreich, der Schweiz und den Niederlanden auf. Zudem hat der Direktor beobachtet, „dass bei Körperverletzungen die Gewalt brutaler geworden ist. Es wird immer öfter auch noch auf am Boden liegende Personen eingetreten.“ Zugenommen habe außerdem die Gewalt gegenüber Rettungsdienst, Feuerwehr und Polizei.

„Die Tirschenreuther Zeit war am schönsten“, wird der ansonsten sehr sachliche Richter ein wenig wehmütig bei der Beurteilung seiner Stationen. In Tirschenreuth könne man tatsächlich von einer Justizfamilie sprechen. „Hier halten die Leute zusammen. Sie sind gut und engagiert“, bricht er eine Lanze für alle seine Mitarbeiter. Er könne sich nicht vorstellen, dass er sich an einem größeren Amtsgericht so wohlgefühlt hätte.

Als Jugendrichter etwas bewegen

Außerdem hebt er seine Zeit als Jugendrichter am Amtsgericht Weiden hervor. „Denn bei diesen Leuten kann man eher etwas bewegen als bei Erwachsenen.“ Es sei immer wieder vorgekommen, dass dieselben Angeklagten vor seinem Richtertisch standen. Oft musste er auch gegen Personen verhandeln, deren Väter Weiß Jahre zuvor schon verurteilt hatte.

Mit welchem Gefühl er nun zum 31. Mai in den Ruhestand geht? „Es schwankt zwischen Freude und Wehmut“, gesteht er. Langweilig werde es ihm künftig aber sicher nicht. Dafür sorgen alleine schon die Enkel. Seit einiger Zeit sind seine Frau und er viel mit dem E-Bike unterwegs. Im Sommer ist mit den Rädern eine Tour an Mosel und Saar geplant. Und es stehen weitere, größere E-Bike-Runden auf dem Plan.

Zudem ist der Richter schon seit Jahrzehnten stark ehrenamtlich in der Pfarrei St. Konrad in Weiden engagiert. Unter anderem ist er in der Kirchenverwaltung. Ein weiteres Hobby von Weiß ist die Fotografie. Etwas Abschiedsschmerz bereiten ihm seine Mitarbeiter: „Ich glaube, ich werde die Leute hier vermissen. Wir haben uns alle gut verstanden.“ Nicht vermissen werde er den Zeitdruck. „Aber es hat mir immer Spaß gemacht“, blickt der 65-Jährige auf seinen Traumberuf zurück, der am Montag, 31. Mai, endet.

Markus Fillinger wird der neuer Direktor des Amtsgerichts Tirschenreuth

Tirschenreuth
Hintergrund:

Zur Person: Thomas Weiß

  • Alter: 65 Jahre
  • Familienstand: verheiratet, vier Kinder, zwei Enkel
  • Ausbildung: Abitur am Augustinus-Gymnasium in Weiden, Jura-Studium in Regensburg
  • Beruf: Nach dem Referendariat am Landgericht Weiden kam im Oktober 1983 der Eintritt in die bayerische Justiz bei der Staatsanwaltschaft in Weiden. Weitere Stationen: Juli 1991 Richter am Amtsgericht Weiden, Juni 2004 Gruppenleiter bei der Staatsanwaltschaft Weiden, Dezember 2010 bis Mai 2021 Direktor am Amtsgericht Tirschenreuth

 

 

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