14.06.2020 - 11:43 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Corona bremst Digitalnomaden aus

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Nicole Nehmann und ihr Lebenspartner Klaus Meisel sitzen während der Coronakrise in Spanien fest. Die Oberpfälzer berichten vom Lockdown in einem Land, in dem Covid-19 mit am schlimmsten wütete.

Eigentlich hatten Nicole Nehmann aus Tirschenreuth und ihr Lebenspartner Klaus Meisel aus Wiesau vor, als digitale Nomaden dort zu arbeiten und zu leben, wo andere Urlaub machen. Erst Ende Januar 2020 machten sich die beiden Oberpfälzer auf ans erste Ziel von vielen: Spanien. Dort saßen Nicole und Klaus wegen Corona erst mal fest. Sie erzählen vom Lockdown in Andalusien. In Tarifa fühlten sich die beiden trotz strenger Ausgangssperre noch wohl.
von Lena Schulze Kontakt Profil

Nicole Nehmann und Klaus Meisel wollten Anfang des Jahres einen neuen Lebensabschnitt starten. Nach zwölf Jahren in München entschieden sich die Tirschenreutherin und der Wiesauer, ihre Jobs zu kündigen und als digitale Nomaden die Welt zu erkunden – also dort zu leben und zu arbeiten, wo andere Urlaub machen. Erste Station von vielen sollte Spanien sein. Kurz nachdem die beiden 38-Jährigen in Tarifa, der südlichsten Stadt Europas, ankamen, verhängte die Regierung strenge Ausgangssperren. Dort saßen die beiden Oberpfälzer wegen der Corona-Pandemie nun monatelang fest.

Wunsch nach Unabhängigkeit

Nichtsahnend startete das Paar sein wohlüberlegtes Abenteuer. In den vergangenen Jahren reifte der Wunsch mehr und mehr, ortsunabhängig und selbstständig – als digitale Nomaden – zu arbeiten. „Auszusteigen haben wir uns erst nicht getraut. Aber wir wollten gerne was eigenes machen, unabhängig sein“, erklärt Nicole, die als Produktentwicklerin bei Hipp arbeitete. Klaus Meisel war im Vertrieb eines IT-Dienstleisters. Ende 2019 kündigten beide ihre Jobs, verkauften den Großteil ihres Hab und Guts. Die beiden Oberpfälzer machten sich mit der Plattform „grab your life“ selbstständig. Dort bieten sie Online-Kurse an und bringen Bücher raus, die die Menschen inspirieren sollen, das Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Ende Januar 2020 machten sich Nicole und Klaus mit dem Auto auf den 3000 Kilometer langen Weg. Ihr Ziel: Tarifa, eine Kleinstadt mit rund 18 000 Einwohnern. „Genau so etwas haben wir gesucht. Wir wollten uns nicht in einer Großstadt verlieren.“ Nach fünf Tagen Reise mit Zwischenstopps erreichten sie ihre Ferienwohnung, die sie für zwei Monate gebucht hatten. Das Paar meldete sich zum Sprachkurs an, machte erste Bekanntschaften und erkundete Andalusien und arbeitete an seiner Plattform.

Geschockt vom Lockdown

Mitte März schlug die Stimmung um. „Der Lockdown kam von jetzt auf gleich, für uns ganz überraschend“, berichten die Digitalnomaden. „Natürlich hatten wir mitbekommen, dass Corona immer schlimmer wird. Aber das Epizentrum in Madrid war so weit weg“, schildert Klaus. „Wir hatten uns noch mit anderen Spanisch-Schülern und Lehrern ganz salopp darüber unterhalten und Scherze gemacht“, erinnert sich der Wiesauer. Mit einem Schlag kam die Ausgangssperre. „Ein ganz, ganz harter Schritt“, findet Klaus. „Es ging gar nichts mehr. Über Nacht ist alles stillgestanden und war auf Null. Für uns eine total unreale Situation“, sagt auch Nicole.

Dann die Verunsicherung und die Angst um die Bleibe: Erst hieß es, dass alle Touristen abreisen und die Hotels, Ferienanlagen und Ferienwohnungen innerhalb weniger Tage verlassen müssten. Was tun, wenn man weder bleiben, noch weiterreisen kann? Wenige Tage später dann die Entwarnung: Touristen, die eine Wohnung längere Zeit gemietet haben, dürfen bleiben. Die Oberpfälzer waren erleichtert. Der Vermieter in Tarifa erlaubte ihnen, länger als geplant zu bleiben. Das Appartement, das die beiden ab April in Cadiz gebucht hatten, konnten sie unkompliziert stornieren. Aus geplanten zwei Monaten wurden für Nicole und Klaus viereinhalb in Tarifa.

„Anfangs dachten wir: Zwei Wochen Ausgangssperre, nicht so schlimm. Aber die Restriktionen wurden jedes Mal immer wieder verlängert“, seufzt Nicole am Telefon. Anfangs ging der Sprachkurs noch weiter; mit Internet-Fernsehen, Serien und Sport vertreiben sich die Digitalnomaden die Zeit. Sie konzentrieren sich auf ihr Unternehmen. „Aber irgendwann schlägt dieses Eingesperrtsein total aufs Gemüt“, betont Klaus. „Es war total beängstigend, dass so streng kontrolliert wurde“, findet Nicole. An jeder Ecke Streifenwagen und Polizisten, die durch die Straßen patrouillierten. „Nach dem Einkauf im Supermarkt mussten die Leute teilweise ihren Kassenzettel zeigen, um zu beweisen, dass sie tatsächlich einen triftigen Grund hatten, das Haus zu verlassen“, schildert die Tirschenreutherin.

Auch Plan B scheitert

Mitte April war der Lagerkoller nahe. „Wir wollten heimfahren in die Oberpfalz. Spanien durchfahren wäre erlaubt gewesen“, so Nicole und Klaus. „ Aber unser Auto ist kaputt gegangen. Alle Werkstätten waren geschlossen“, erzählen sie. Die Reparatur dauerte deshalb vier Wochen. Damit hatte sich der Notfallplan erledigt.

Im Mai startete in Andalusien dann aber Phase 0 der Corona-Deeskalation – es gab erste Lockerungen. Erstmals durften die Menschen das Haus wieder verlassen, Luft schnappen, spazieren gehen. Zwar mit Zeitfenster für verschiedene Personengruppen, aber immerhin. „Wir waren so froh und haben es total wertgeschätzt, dass man sich einfach wieder frei bewegen kann“, sagt Nicole. Strandspaziergänge gehörten zu den Höhepunkten des Tages.

Am Montag, 8. Juni, begann die letzte Stufe des Corona-Deeskalationplanes, Phase 3. Das bedeutete, dass die Menschen wieder fast alles durften und auch Einkaufszentren, Restaurants sowie Hotels – mit Einschränkungen – wieder öffnen durften. „Jeder hält sich vernünftig an die Regeln. Es ist sehr wichtig, dass hier die Wirtschaft wieder anläuft. Besonders Tarifa ist ja vom Tourismus extrem abhängig“, berichtet Klaus.

Abenteuer endet vorzeitig

Eigentlich wollten sich Nicole und Klaus im Juli Richtung Litauen aufmachen. „Aber das ist uns zu heikel. Das haben wir abgesagt.“ Das Abenteuer rund um die Welt endet vorerst dort, wo es begann – in Deutschland. In wenigen Tagen fahren die 38-Jährigen zurück in die Heimat. In Tirschenreuth haben sie sich bei Nicoles Eltern ihre Basis eingerichtet, wenn sie nicht in der Welt unterwegs sind.

Wann das Erkunden weitergehen kann, ist fraglich. „Jetzt fahren wir erst mal heim“, sagt Nicole mit Wehmut in der Stimme. Seine Pläne will sich das Paar durch die Pandemie und den schlechten Start in den neuen Lebensabschnitt nicht vermiesen lassen. „Wir wollen in jedem Fall noch mal nach Andalusien fahren, aber dann hoffentlich ohne Corona.“

Hintergrund:

Corona-Situation in Spanien

Spanien ist nach Italien das Land, das am meisten von Corona betroffen war. Allerdings lag das Epizentrum in Madrid. „Hier unten in Andalusien gab es fast keine Corona-Fälle, nur ganz vereinzelt infizierte sich jemand“, schildern Nicole Nehmann und Klaus Meisel. „Wir haben hier sehr viel Glück gehabt.“ Denn die Kleinstadt Tarifa ist bei Touristen sowie Wind- und Kitesurfern sehr beliebt. Im landesweiten Vergleich weise Andalusien eine der niedrigsten Infektionsraten auf, der Höhepunkt der Pandemie sei in der Region Mitte März gewesen.

Angst, sich zu infizieren, hatten die beiden Oberpfälzer nicht, obwohl sie erzählen, dass die Sprachschule ein optimaler Umschlagplatz für Covid-19 gewesen wäre. „Es waren einige Schüler erkältet, aber wir haben nicht mitbekommen, dass tatsächlich jemand positiv getestet wurde.“

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Die beiden Digitalnomaden am Hafen von Tarifa. Im Hintergrund ist Marokko zu sehen.
Eigentlich hatten Nicole Nehmann aus Tirschenreuth und ihr Lebenspartner Klaus Meisel aus Wiesau vor, als digitale Nomaden dort zu arbeiten und zu leben, wo andere Urlaub machen. Erst Ende Januar 2020 machten sich die beiden Oberpfälzer auf ans erste Ziel von vielen: Spanien. Dort saßen Nicole und Klaus wegen Corona erst mal fest. Sie erzählen vom Lockdown in Andalusien.
Während der strengen Ausgangssperre saßen Nicole und Klaus in ihrer Ferienwohnung in Tarifa fest.
Sport an der frischen Luft schätzen die beiden Oberpfälzer nach sieben Wochen in der Ferienwohnung sehr.
Wo um diese Jahreszeit die schmalen Altstadtgassen von Tarifa normalerweise von Touristenmassen geflutet sind, hat Klaus Meisel die Gassen während der Ausgangssperre für sich allein.
Erster Ausgang nach sieben Wochen Ausgangssperre.
Tarifa ist ein bekannter Hotspot für Wind- und Kitesurfer. Wegen der schrittweisen Lockerungen in Andalusien ist das nun wieder möglich.
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