13.05.2020 - 15:01 Uhr
Wildenau bei PlößbergOberpfalz

Auswanderer kehren zum Alltag zurück

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Vor fast zwei Jahren starteten Christina und Joseph Walberer mit Sohn Lukas ein neues Leben in Neuseeland. Die Familie berichtet, wie sie die Corona-Pandemie in ihrer neuen Heimat erleben.

Trotz sehr strenger Corona-Regelungen gefällt es den Oberpfälzer Auswanderern Christina (31), Lukas (11) und Joseph (30) sehr gut in ihrer neuen Heimat Hamilton auf Neuseeland.
von Lena Schulze Kontakt Profil

"Uns geht es gut", sagt Christina Walberer als erstes am Telefon. Mit kleinen Schritten kehrt nach mehreren Wochen strenger Einschränkungen in Hamilton auf der Nordinsel von Neuseeland langsam der Alltag zurück. Für Familie Walberer, die im Juni 2018 von Wildenau nach Neuseeland zog, waren die vergangenen Wochen eine emotionale Achterbahnfahrt. Denn obwohl auf der Fünf-Millionen-Einwohner-Insel etwa genauso viele Menschen an Covid-19 erkrankten, wie alleine im Landkreis Tirschenreuth, waren die Einschränkungen in Neuseeland wesentlich strenger als hierzulande.

Ende Januar feierte die Familie noch Josephs 30. Geburtstag mit einem Ausflug am Strand. Zwar hörten die Auswanderer in den Nachrichten immer wieder Meldungen vom neuartigen Virus, "aber das war für uns alles noch so weit weg", beschreibt Christina. Am 28. Februar gab es dann den ersten Corona-Fall in Neuseeland.

"Dann ist alles ganz schnell gegangen." Bereits am 19. März machte der Inselstaat im südlichen Pazifik die Grenzen dicht. "Das war schlimm", erzählt die 31-Jährige. Vorwiegend Backpacker und Touristen aus aller Welt saßen auf der Insel fest. Die Ausreise wurde diesen erst nach zwei Wochen Selbstisolation gestattet. Wie auch in Deutschland wurden die Neuseeländer dringend gebeten, sich an die Hygienevorschriften zu halten.

Lockdown nach kurzer Zeit

Am Montag, 23. März, ging Christina wie gewöhnlich in die Arbeit. Sie fand vor einem halben Jahr einen Job als "Housecleaner" und arbeitet als Reinigungskraft in Teilzeit. "Die meisten Familien, bei denen wir putzen, wollten uns schon gar nicht mehr reinlassen." Dann rief ihr Mann an. "Er erzählte, dass er von seinem Arbeitgeber nach Hause geschickt wurde. Er wollte gleich Lukas noch von der Schule abholen, weil diese auch geschlossen wurde."

Zwei Tage später verhängte die Regierung um Premierministerin Jacinda Ardern eine strikte Ausgangssperre - Level 4, die höchste Stufe. "Jedes Geschäft musste schließen, bis auf Apotheken, Tankstellen und Lebensmittelgeschäfte." Ähnlich wie in Europa war Abstand halten das höchste Gebot. Die Menschen durften ihre Häuser nur für dringende Besorgungen verlassen. Sport treiben war nur in der unmittelbaren Nachbarschaft erlaubt. Ausflüge an den Strand oder Besuche waren untersagt.

Auch wenn die Ausgangssperre etwas später kam als in Bayern, reglementierte sie das öffentliche Leben strenger. In Neuseeland wurde schärfer kontrolliert, bei Verstößen härter durchgegriffen als in Deutschland.

Angst vor einer Ansteckung hatte die deutsche Familie nicht. "Ich hatte viel mehr Angst um unsere Jobs." Den daran hängt der Lebensunterhalt der Familie. Wer keine Miete bezahlen kann, verliert die Aufenthaltsgenehmigung. Auch das Visum der Drei hängt von Josephs Festanstellung als Industriemechaniker ab. "Das hat mich richtig nervös gemacht. Nicht zu wissen, wie es weitergeht."

Aufatmen kann das Ehepaar nach einigen Tagen: Die Arbeitgeber sichern Christina das volle Gehalt zu, ihr Mann bekommt immerhin die Hälfte seines regulären Lohns. Auch in Hamilton wurde in der Anfangsphase des "Lockdown" viel gehamstert, berichten die Auswanderer. Das Einkaufen wurde zur Katastrophe: "In den Geschäften war die Hölle los", sagt die 31-Jährige. Wie in ihrem Heimatland bunkerten die Menschen Klopapier und Konserven.

Unterricht über den Fernseher

Die dreiköpfige Familie verbrachte fünf Wochen abgeschottet in ihrem Zuhause im Stadtteil Frankton. Christina und Joseph mussten nicht zur Arbeit, weil sämtliche Firmen geschlossen hatten, Sohn Lukas nicht in die Schule. Über einen Fernsehkanal der Schule wurde der Elfjährige wochentags von 9 bis 15 Uhr unterrichtet. Neben Matheaufgaben gab es auch Geschichten und Sportübungen, die die Kinder vor dem Fernseher mitmachen konnten. Per E-Mail hielten die Lehrer Kontakt zu den Schülern. Auch seinen elften Geburtstag konnte Lukas nicht mit Freunden feiern. "Das war gar nicht toll", sagt seine Mutter. "Wir haben versucht, ihm den Tag so schön wie möglich zu machen." Mittags gab es Lukas Lieblingsessen - Braten mit Knödel - und nachmittags machten die Walberers selbst Eis. "Sobald es wieder geht, wollen wir eine Feier nachholen."

Stau vor Fast-Food-Ketten

Ansonsten verbrachten Christina, Joseph und Lukas viel Zeit in Haus und Garten. "Wir haben viel gemeinsam gekocht, natürlich Serien geschaut, Spiele gespielt und mit unserer Familie und Bekannten in Deutschland telefoniert." Eigentlich war 2020 wieder ein Besuch in der Oberpfalz geplant, der aber nun wohl ausfallen muss. "Ich bin nur froh, dass ich noch nicht gebucht habe", sagt die 31-Jährige.

Mit den Krisenmanagement ist die Mutter sehr zufrieden. Die wichtigsten Infos in Notsituationen erhält sie automatisch auf ihr Handy. Zwar kam es auch in Neuseeland kurzzeitig zu Lieferengpässen bei Desinfektionsmittel. "Aber ich hatte nie den Eindruck, dass die Situation ausartet, oder Panik aufkommt. Die Menschen hier halten sich alle an die Regeln und reagieren sehr vernünftig."

Nach knapp fünf Wochen Einschränkungen auf der höchsten Stufe beendete die Regierung am 27. April Level 4 des neuseeländischen "Lockdown" zur Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie. Auf Stufe 3 dürfen einige Geschäfte und Restaurants mit Essen zum Mitnehmen wieder öffnen. "Am ersten Tag gab es ein absolutes Verkehrschaos auf den Straßen. Alle wollten sich Essen bei den Fast-Food-Ketten holen."

Auch die sozialen Kontakte durften minimal erweitert werden. Die dritte Stufe im "Lockdown" war vorerst für zwei Wochen angesetzt. Großveranstaltungen bleiben verboten, Einkaufszentren geschlossen, und die meisten Kinder - wie Lukas - werden noch nicht wieder zur Schule gehen. Auch die Grenze bleibt geschlossen. Aber Joseph und Christina dürfen wieder zur Arbeit gehen. Ein Schritt zurück in den Alltag.

Hintergrund:

Corona-Vorzeigeland

Aufgrund der vielen Tests und der wenigen Toten gilt Neuseeland gilt als Corona-Vorzeigeland. Der Inselstaat hat das Coronavirus für „gegenwärtig eliminiert“ erklärt. Bis Ende April infizierten sich dort rund 1200 Personen mit Covid-19. An dem Virus starben in Neuseeland (5 Millionen Einwohner) 21 Menschen, über 80 Prozent der Patienten seien genesen. (szl)

Reise ins Unsgewisse: Christina und Joseph Walberer aus Plößberg wanderten mit ihrem Sohn Lukas vor zwei Jahren nach Neuseeland aus

Pressath

Nach einem Jahr fühlen sich die Auswanderer in Hamilton wie zu Hause

Plößberg
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