20.07.2021 - 15:33 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Corona-Spätfolgen bei Kindern: Wertvolle Daten aus Tirschenreuth

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Welche Langzeitfolgen hat Corona bei infizierten Kindern? So lautet eine der Fragen, auf die eine Antikörper-Studie im Landkreis Tirschenreuth Antworten liefern soll.

Luis Kellner lässt sich für die Corona-Antikörper-Studie Blut abnehmen. Das Rote Kreuz hatte den Termin laut Studienleiter Professor Michael Kabesch perfekt organisiert.
von Martin Maier Kontakt Profil

Angst vor der kleinen Nadel hat Felix überhaupt nicht. Ohne große Regung lässt sich der Dreijährige Blut abzapfen. Exakt 2,7 Milliliter laufen in die Kanüle. Der kleine Bub ist schon zum zweiten Mal Teilnehmer bei der Studie zu Coronavirus-Antikörpern bei Kindern in Bayern, kurz: CoKiBa.

Am Montagnachmittag kommen 47 Mädchen und Buben in den kleinen Nebenraum bei der Tennishalle in Tirschenreuth. Mit dieser Zahl ist Studienleiter Professor Michael Kabesch mehr als zufrieden. „Das war großartig und mehr als die Hälfte. Das haben wir so nicht erwartet“, sagt der Leiter des Wissenschafts- und Entwicklungs-Campus Regensburg (Wecare) am Dienstag im Gespräch mit Oberpfalz-Medien.

Pflaster und Gummibärchen

Bei der ersten Runde der Studie im Landkreis Tirschenreuth ließen sich vor einem Jahr 650 Kinder Blut nehmen. 85 von ihnen waren positiv. Genau diese wurden jetzt für die zweite Runde gebraucht. Aus Datenschutzgründen hatten die Verantwortlichen keine Adressen speichern dürfen. Daher hatten sie versucht, über verschiedene Medien-Kanäle die Eltern der betroffenen Kinder zu erreichen. Und dies hat offenbar gut funktioniert. Denn über den ganzen Nachmittag verteilt kommen Buben und Mädchen mit ihren Eltern zur Tennishalle.

Felix ist mittlerweile fertig. Das Blutabnehmen hat keine drei Minuten gedauert. Nachdem der Knirps ein buntes Pflaster auf die kleine Einstichstelle bekommen hat, gibt es als Belohnung noch eine Packung Gummibärchen. Diese bekommen auch seine beiden Geschwister Lorenz (12) und Ida Neumann (10) sowie seine Cousins Luis (13) und Paul Kellner (9). Für die Fünf ist es keine große Sache. „Das hat ein wenig gestichelt. Sonst war nichts“, beschreibt Luis das Blutabnehmen. Und sein Bruder Paul hat „gar nichts gespürt“.

Leichte Symptome

Alle Fünf kommen aus Waldershof und hatten Corona. Wahrscheinlich schon relativ früh im März 2020. Die erste Runde der Studie brachte vergangenes Jahr den Beleg, denn alle hatten Antikörper. Die Mütter Carolin Kellner und Theresa Neumann vermuten, dass sich ihre Kinder damals innerhalb der Familie angesteckt haben. „Sie hatten im März leichte Symptome, wie bei einer Grippe. Ganz harmlos“, erklärt Kellner. Unter anderem hätten ihre Söhne Bauchschmerzen gehabt. „Wir waren überhaupt nicht beunruhigt.“ An der Studie beteiligten sich die beiden Familien interessehalber. Erst als das Ergebnis kam, wussten die zwei Schwestern, dass ihre Kinder Covid-19 hatten.

„Von meinen vier Kindern waren drei positiv. Es ist interessant, wie sich ihre Antikörper entwickelt haben“, sagt Theresa Neumann mit Blick auf die zweite Studienrunde. Mit den nun erfassten Daten könne man möglicherweise auch anderen Buben und Mädchen helfen, nennt die Waldershoferin einen weiteren Grund für die Teilnahme. Und ihre Schwester ergänzt: „Damit sind wir an die Ärzte und die Uni in Regensburg angebunden.“

Leichter Haarausfall

Für beide steht fest: „Man darf die Krankheit nicht unterschätzen. Aber man muss damit umgehen.“ Interessant bei der Studie sei auch der Ansatz, die Corona-Spätfolgen (Long Covid) zu untersuchen. Eines ihrer Kinder habe unter anderem leichten Haarausfall gehabt.

Für Professor Kabesch ist das eine interessante Information und könnte tatsächlich im Zusammenhang mit der Coronainfektion stehen: „Das habe ich bisher noch nicht gehört. Aber es könnte sein. Schließlich ist Haarausfall bei Immunerkrankungen nichts Ungewöhnliches.“ Long Covid gebe es bei Kindern, aber bisher gebe es in Deutschland keine Erhebung dazu. Daher seien die Tirschenreuther Daten, zu denen auch die Beantwortung eines Fragebogens zählt, so wertvoll.

Nun werde untersucht, ob bei positiv getesteten Kindern auch ein Jahr nach der initialen Testung noch Antikörper gegen Sars-CoV-2 nachweisbar sind. Für Eltern, die am Montag keine Zeit hatten, hat der Regensburger einen Hinweis: In der Kinderarztpraxis von Dr. Meike Hofmann (Mitterteich) können sich positive Kinder aus der ersten Studienrunde noch Blut nehmen lassen.

Auswertung bis September

Die Ergebnisse der ersten Studienrunde sind für Experten schon seit einem halben Jahr zugänglich. Die Untersuchungen zeigten, dass Kinder umso weniger betroffen sind, je jünger sie sind. Als Hauptansteckungsquelle wurde die Familie identifiziert. Außerdem habe sich gezeigt, dass die Antikörperantworten bei Kindern überproportional hoch sind.

Bei der ersten Testaktion im vergangenen Jahr hatten von 650 Kindern im Landkreis Tirschenreuth 85 Antikörper. Aus den Daten könne man aber laut Kabesch nicht schließen, dass über 13 Prozent (fast jedes achte Kind) im Landkreis nach der ersten Welle Corona hatte. Der Professor nennt einen Wert von 7,2 Prozent, dieser ergebe sich aus Zufallsstichproben. Die 13 Prozent seien keine repräsentative Auswahl, da jeder zum Testen kommen konnte. Die 7,2 Prozent seien aber noch immer viel, da es in Regensburg nach der ersten Welle 3 Prozent waren. „Das hat uns schon überrascht“, so der Kindermediziner.

Die Ergebnisse der Blutuntersuchung erhalten die Eltern schon nächste Woche. Bis September will der Universitätsprofessor dann mit seinem Team die ersten statistischen Auswertungen vorlegen. „Wir versuchen, es sehr schnell zu machen, damit man handlungsfähig bleibt“, unterstreicht Kabesch die Bedeutung der Daten. Denn: „Durch die Tirschenreuther gibt es Auskünfte für das ganze Land.“

Suche nach 85 Kindern für Antikörper-Studie im Landkreis Tirschenreuth

Tirschenreuth
Paul Kellner (9), Lorenz Neumann (12), Felix Neumann (3), Luis Kellner (13) und Ida Neumann (10, von links) zeigen stolz ihre Pflaster, die sie nach dem Blutabnehmen bekommen haben.

„Durch die Tirschenreuther gibt es Auskünfte für das ganze Land.“

Studienleiter Professor Michael Kabesch

Studienleiter Professor Michael Kabesch

 

 

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