15.07.2020 - 18:16 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Corona-Studie für den Landkreis Tirschenreuth: Das Virus war schon im Februar da

Welche Erkenntnisse bringt die Studie des Robert-Koch-Instituts für den Landkreis Tirschenreuth bei einer möglichen zweiten Corona-Welle? Landrat Roland Grillmeier nimmt dazu Stellung.

Landrat Roland Grillmeier präsentierte am Mittwoch die Ergebnisse der Corona-Studie des Robert-Koch-Instituts.
von Martin Maier Kontakt Profil

Nach der Veröffentlichung des Berichts des Robert-Koch-Instituts (RKI) zur Untersuchung der Covid-19-Epidemie im Landkreis Tirschenreuth steht fest, dass das Starkbierfest in Mitterteich nicht der alleinige Grund für die Häufung von Corona-Infektionen war. Nach der Rückkehr von Skireisenden aus Österreich und Südtirol hätten die geöffneten Zoiglstuben, das Starkbierfest, Fasching und andere Veranstaltungen als Beschleuniger gewirkt und so Mitterteich zum Corona-Hotspot werden lassen.

Eine entscheidende Erkenntnis für Landrat Roland Grillmeier ist, dass es schon vor dem ersten offiziell gemeldeten Corona-Infizierten am 10. März im Landkreis Fälle gab. Offenbar schon im Februar. Die Forscher vermuten auch eine hohe Dunkelziffer an Infizierten im Landkreis. Dies dürfte vor allem jüngere Personen betreffen, da fast alle Bewohner von Alten- und Pflegeheimen getestet wurden.

Ausgangssperre richtig

„Hundertprozentige Antworten bekommt man aus einer solchen Studie nicht. Aber sie stützt unsere Aussagen, dass man nicht spekulieren sollte, wie viele Leute sich bei einem Fest infiziert haben“, sagt Grillmeier am Mittwoch bei einem Termin mit Oberpfalz-Medien. Ein RKI-Mitarbeiter ist nicht dabei. Das Institut überlässt auf eigenen Wunsch die Präsentation der Ergebnisse dem Landrat.

Der extreme Corona-Ausbruch im Landkreis hat laut Grillmeier, der im März noch Bürgermeister von Mitterteich war, mehrere Gründe. „Da ist vieles zusammengetroffen.“ Ein Fest alleine könne nicht hauptverantwortlich sein. Letztendlich hätten aber mit der Zeit alle ergriffenen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie Wirkung gezeigt. Die durch das Landratsamt erlassene Ausgangssperre in seiner Stadt habe sich als richtig erwiesen. Dies ist in der Studie auch durch Zahlen belegt.

Der Landrat gibt aber auch zu, dass Fehler gemacht wurden. Das Gesundheitsamt „war ein Stück weit überfordert und konnte diese Vielzahl von Fällen nicht bewältigen“. Die Kapazitätsgrenzen waren erreicht. Keine Behörde in Deutschland sei auf eine solche Pandemie vorbereitet gewesen. Zu Beginn der Coronakrise war das Gesundheitsamt Tirschenreuth mit 18 Mitarbeitern besetzt, später waren es 80. Zusätzlich unterstützten 35 Mitarbeiter von sogenannten Contact-Tracing-Teams (CTT). Diese helfen bei der Ermittlung von Corona-Kontaktpersonen.

Die ausführlichen Ergebnisse der Studie:

Tirschenreuth

„Wir haben das Bestmögliche versucht"

Grillmeier verweist darauf, dass wegen des Ansturms der Bürger der telefonische ärztliche Bereitschaftsdienst (116 117) quasi lahmgelegt und Hausärzte zum Teil nicht erreichbar waren. „Unsere Leute, die noch nie etwas mit einer Pandemie zu tun hatten, hätten dann Antworten auf Fragen geben sollen“, nimmt der Landrat das Gesundheitsamt in Schutz. Schließlich hätten die Mitarbeiter erst geschult werden müssen. „Wir haben das Bestmögliche versucht. Aber das System ist an seine Grenzen gestoßen.“ In diesem Zusammenhang hebt der Landrat hervor, wie wichtig die Krankenhäuser und Hausarztversorgung in der Fläche sind.

Andere Landkreis hätten von den Erfahrungen aus Tirschenreuth profitiert und sich besser vorbereiten können. Damals sei auch der Blick auf den Hotspot Heinsberg in Nordrhein-Westfalen von der Wissenschaft und den Gesundheitsministerien etwas unterschätzt worden. Für Grillmeier steht fest: „Da hätte man früher klare Anweisungen an die Regionen geben müssen.“ Und er ist sich sicher: „Künftig ist man besser vorbereitet.“

Wo und wie viele: Die Corona-Pandemie in Zahlen (Oberpfalz, Bayern, Deutschland)

Weiden in der Oberpfalz

Gesundheitsministerin nimmt Stellung

Dabei helfe auch die Studie, deren Finanzierung über das RKI im Rahmen der Amtshilfe lief. Auf die Empfehlungen aus dem Bericht geht explizit Gesundheitsministerin Melanie Huml in einer Mitteilung ein: „Wir haben bereits frühzeitig die Maßnahmen in die Wege geleitet, die vom RKI nun in dem Bericht empfohlen werden.“ So sei als Teil der bayerischen Containment-Strategie im Kampf gegen die Corona-Pandemie eine neue Unterstützungs-Software für die Gesundheitsämter entwickelt worden. Ferner sei kurzfristig zusätzliches Personal zur Unterstützung der Fachkräfte der Gesundheitsämter bereitgestellt worden. „Tirschenreuth war eines der ersten Ämter, das entsprechend geschultes Unterstützungspersonal für das ‚Contact Tracing‘ erhielt“, stellt die Ministerin abschließend fest.

In dem kleinen Landkreis (rund 72.000 Einwohner) gab es laut RKI bisher 1142 bestätigte Covid-19-Infizierte. Davon sind 139 an oder mit Corona gestorben. Inzwischen gibt es seit einigen Wochen fast keine Neuinfizierten mehr – die sogenannte 7-Tage-Inzidenz liegt bei Null. Für die RKI-Studie waren Ende April und Mitte Mai drei Epidemiologen im Landkreis und werteten Daten und Unterlagen aus. Vor allem die ersten 110 Covid-19-Fälle schauten sich die Mitarbeiter genauer an.

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