15.07.2020 - 14:12 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Corona-Studie für den Landkreis Tirschenreuth unter der Lupe

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Welche Rolle spielte das Starkbierfest? Warum gab es so viele Tote? Hat die Ausgangssperre in Mitterteich gewirkt? Es lohnt sich, die Untersuchung des Robert-Koch-Instituts zur Coronakrise im Landkreis Tirschenreuth genauer anzuschauen.

Die Studie des Robert-Koch-Instituts zur Untersuchung der Covid-19-Epidemie im Landkreis Tirschenreuth liegt seit Mittwoch vor.
von Martin Maier Kontakt Profil

Auf 29 Seiten haben drei Mitarbeiter des Robert-Koch-Instituts (RKI) ihre Ergebnisse der Untersuchung der Covid-19-Epidemie im Landkreis Tirschenreuth zusammengefasst. Zwei Mal (Ende April und Mitte Mai) waren die Epidemiologen für einige Tage in Tirschenreuth, um Akten und Unterlagen aus dem Gesundheitsamt zu sichten und auszuwerten. In ihrer Studie untersuchen die Wissenschaftler die Rolle des Starkbierfests und die hohe Todesrate.

Welche Rolle spielt das Starkbierfest vom 7. März in Mitterteich für die Entwicklung des Ausbruchsgeschehens im Landkreis?

Die Wissenschaftler haben noch einmal genau den Verlauf der Epidemie im Landkreis untersucht. Vor allem die 110 ersten Covid-19-Fälle schauten sich die RKI-Mitarbeiter dabei genau an und ließen dazu weitere Fakten zur Ausbreitung der Virenkrankheit recherchieren.

Corona-Fälle schon im Februar

Der erste bekannte Fall im Landkreis hatte seinen Erkrankungsbeginn am 17. Februar, ein weiterer Fall wurde am 29. Februar symptomatisch. Nach dem Starkbierfest gibt es dann einen expliziten Anstieg der Coronafälle, wie die Daten des Gesundheitsamts zeigen.

Mehr Frauen als Männer betroffen

Der Datenstand der Untersuchung geht bis zum 11. Mai. Bis zu dieser Zeit gab es im Landkreis Tirschenreuth 1122 bestätigte Covid-19-Fälle, davon waren 129 verstorben. Von den 1122 Betroffenen waren 656 Frauen (58,5 Prozent). „Dies liegt signifikant über dem Bundesdurchschnitt von 52,2 Prozent“, so die Wissenschaftler. Auffällig ist zudem, dass im Landkreis weniger Covid-19-Erkrankungen in den Altersgruppen 20 bis 39 Jahre registriert sind. Dahingegen hat Tirschenreuth in den fortgeschrittenen Altersgruppe, besonders von 80 Jahren und darüber, prozentual wesentlich mehr Fälle als im bundesdeutschen Schnitt.

Bei den 129 Verstorbenen, darunter 70 Männer und 59 Frauen, betrug das Durchschnittsalter 82 Jahre und war damit im Vergleich zum Bundesdurchschnitt nicht erhöht. Von den Todesfällen waren 90 Prozent 70 Jahre und älter.

Unerkannte Covid-19-Fälle

Um Gründe für den Corona-Ausbruch im Landkreis zu finden, haben Mitarbeiter des Gesundheitsamts die ersten 110 Covid-19-Fälle detailliert aufgearbeitet. Darunter besuchten 10 das Starkbierfest, 12 machten einen Skiurlaub in Italien oder Österreich im Februar oder März und 14 waren Anfang März zu Gast beim Zoigl in Mitterteich. Des weiteren haben die Betroffenen Faschingsfeiern, private Geburtstagsfeiern, Trauerfeiern und Gottesdienste genannt. 12 der Fälle waren zum Zeitpunkt der erneuten Befragung bereits verstorben.

Ein Zusammenspiel der drei Faktoren (Skiurlaub, Zoigl und Starkbierfest), als noch kein einziger Fall aus dem Landkreis gemeldet worden war, „scheint wahrscheinlich als Ursache für die rasante Ausbreitung des neuen Coronavirus in der Stadt Mitterteich und daraufhin im gesamten Landkreis“, so die Wissenschaftler. Allerdings stellen sie auch fest: Dies alleine könne den starken Anstieg der Kurve nicht erklären. Von daher liege die Vermutung nahe, „dass es bereits in der Phase davor unerkannte „Covid-19-Fälle gab, die zur Verbreitung beigetragen haben“.

Hotspot Mitterteich: Ausgangssperre wirkt

Zudem beschäftigt sich die Studie mit dem Verlauf des Ausbruchs in den einzelnen Gemeinden. Dabei zeigt sich, dass zu Beginn der Epidemie besonders Mitterteich betroffen war. Ab dem 24. März wurde ein deutlicher Rückgang neuer Fälle in der Stadt erreicht, während im übrigen Landkreis die Anzahl der Neu-Erkrankten erst Anfang April kontinuierlich sank. In diesem Zusammenhang heben die Epidemiologen die Ausgangssperre in Mitterteich, kombiniert mit der Aufklärung der Bevölkerung (beispielsweise Flugblätter und Durchsagen durch die Feuerwehr), die Testmöglichkeiten sowie Kontaktnachverfolgung hervor.

Der hohe Anteil Infizierter in Mitterteich stützt laut den Wissenschaftlern die These, „dass das Ausbruchgeschehen mit Ereignissen/Expositionen in Mitterteich zusammenhängen könnte“. Dies sei wahrscheinlich. Es könne jedoch nicht auf ein einzelnes Ereignis als Auslöser Bezug genommen werden.

Die Wissenschaftler schreiben als Fazit zum Verlauf der Corona-Epidemie im Landkreis: Der erste Gipfel der epidemischen Kurve lasse sich vermutlich auf ein Zusammenspiel der drei Faktoren Reiserückkehrer, Zoiglstube in Mitterteich und Starkbierfest zurückführen. Es deute darauf hin, „dass die beiden Biertraditionen dort als Katalysator des Geschehens dienten“. Durch die von Gesundheitsamt und Katastrophenschutz durchgeführten Maßnahmen und die verhängte Ausgangssperre in Mitterteich „konnte ein weiterer Anstieg im Ort gestoppt werden“.

Wie lässt sich die hohe Zahl der Corona-Toten im Landkreis erklären?

Als weiteren großen Bereich untersuchten die RKI-Mitarbeiter die hohe Todesrate im Landkreis. Ausgangspunkt waren wieder die Daten bis zum 11. Mai. Von den 1122 Infizierten waren bis zu diesem Stichtag 129 Personen an oder mit Covid-19 verstorben. Das entspricht 11,5 Prozent. Im Vergleich mit dem Bundesdurchschnitt von 4,4 Prozent ist dieser Wert stark erhöht.

Hohes Alter und Vorerkrankungen

Mit Blick auf Alter und Vorerkrankungen schreiben die Wissenschaftler in einem Zwischenfazit, dass das hohe Alter der Covid-19-Fälle in Tirschenreuth sowie die hohe Häufigkeit von relevanten Vorerkrankungen „die hohe Fallsterblichkeit zumindest teilweise erklären“.

Hohe Dunkelziffer bei den Infizierten vermutet

Zudem haben die Epidemiologen die Anzahl der Corona-Tests im Landkreis mit dem Deutschlandschnitt verglichen. Ergebnis: In Tirschenreuth wurde (Stichtag: 13. Mai) mehr als doppelt so viel getestet. Auffällig ist aber, dass es bei den Tests im Landkreis fast drei Mal so viele positive Covid-19-Befunde gegeben hat. Dies deute auf ein großes Ausbruchsgeschehen hin. „Zudem lasse die Zahl vermuten, dass im Landkreis vorwiegend symptomatisch bzw. akut erkrankte Personen getestet wurden.“ Die Covid-19-Inzidenz in Tirschenreuth werde aus diesem Grund vermutlich deutlich unterschätzt und die Todesrate überschätzt.

Vier Altenheime besonders betroffen

Da im Landkreis fast 14 Prozent aller Covid-19-Fälle Bewohner von Alten- oder Pflegeheimen (Bayernschnitt: 7,5 Prozent) waren, hat die Studie die Einrichtungen genauer unter die Lupe genommen. Als Ergebnis halten die Forscher fest: Vier Alten- und Pflegeheime im Landkreis waren besonders stark betroffen, in einer Einrichtung waren sogar 59 Prozent mit Covid-19 infiziert. „Durch effektive Maßnahmen nach Erkennung der ersten Fälle in diesen Einrichtungen konnten Ausbrüche in weiteren Heimen verhindert werden.“ Neben den Bewohnern war auch das Personal betroffen. Zumindestens in einem Heim könne vermutet werden, dass das Virus über das Pflegepersonal in das Heim eingetragen wurde und möglicherweise dadurch Bewohner infiziert wurden.

Am Ende ihrer Studie stellen die Wissenschaftler fest, dass die Erfassung und Verarbeitung der immensen Flut an Daten zu Beginn der Pandemie viele Gesundheitsämter an ihre Kapazitätsgrenzen brachte. Die drei bescheinigen, dass das Gesundheitsamt Tirschenreuth im Rahmen der zur Verfügung stehenden Ressourcen „das Möglichste getan“ hat, um den Covid-19-Ausbruch im Landkreis einzudämmen.

Bier und Reisen spielten bei der Ausbreitung wohl eine Rolle.

Landrat, Ex-Landrat und Gesundheitsministerin äußern sich zum Ergebnis der Studie:

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