15.07.2020 - 07:46 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Studie: Gründe für hohe Covid-19-Zahlen im Kreis Tirschenreuth bekannt

War wirklich nur das Starkbierfest in Mitterteich Schuld an den hohen Corona-Zahlen im Landkreis Tirschenreuth? Eine Studie des Robert-Koch-Instituts zur Coronakrise gibt nun Antworten.

Ein Wattestäbchen eines Corona Abstriches wird in einem Labor bearbeitet.
von Martin Maier Kontakt Profil

Das Landratsamt Tirschenreuth hat am Mittwoch um 7 Uhr neben einer Pressemitteilung den kompletten Bericht zur Untersuchung der Covid-19-Epidemie im Landkreis Tirschenreuth des Robert-Koch-Instituts (RKI) veröffentlicht. Die Studie soll Antworten liefern, warum die Corona-Todesrate im Landkreis so hoch war. Zudem wurde die Rolle des Starkbierfests in Mitterteich für die Entwicklung des Corona-Ausbruchgeschehens untersucht.

Die Wissenschaftler schreiben als Fazit zum Verlauf der Corona-Epidemie im Landkreis: Der erste Gipfel der epidemischen Kurve "lässt sich vermutlich auf ein Zusammenspiel der drei Faktoren Reiserückkehrer, Zoiglstube in Mitterteich und Starkbierfest, ebenso in Mitterteich, zurückführen." Etwa ein Drittel der Fälle des ersten Gipfels habe mindestens eine dieser drei Expositionen. Es deute darauf hin, "dass die beiden Biertraditionen dort als Katalysator des Geschehens dienten". Durch die von Gesundheitsamt und Katastrophenschutz durchgeführten Maßnahmen und die verhängte Ausgangssperre in Mitterteich "konnte ein weiterer Anstieg im Ort gestoppt werden".

Landrat Roland Grillmeier fühlt sich laut Mitteilung durch die Studie in seiner bisherigen Vermutung bestätigt: „Ein Fest alleine war für die hohen Fallzahlen nicht verantwortlich“. Vielmehr lag es laut Bericht an der Verkettung mehrerer Faktoren (beispielsweise Urlaubsrückkehrer, verschiedene Veranstaltungen) und vermutlich auch an unerkannten Fällen zu Beginn der Corona-Krise. Zudem waren im Landkreis überproportional viele Personen im fortgeschrittenen Alter und mit Vorerkrankungen betroffen.

RKI vermutet hohe Dunkelziffer

Bezüglich der hohen Zahl an Todesfällen wird eine hohe Dunkelziffer im Landkreis vermutet, wonach sich der Anteil der Todesfälle im Verhältnis zu den Infizierten deutlich verringern könnte. In diesem Zusammenhang verweist Grillmeier auf die momentan laufende Antikörper-Studie der Uni-Kliniken Regensburg und Erlangen im Landkreis.

Er hoffe, die RKI-Studie leiste einen Beitrag dazu, "wie sich zukünftig solche Pandemien bewältigen lassen. Der Landkreis Tirschenreuth musste zu Beginn ohne Erfahrungswerte aus dem Stand heraus die Krise meistern und hat dies laut Bericht auch gut gemacht".

Zudem äußert sich auch Ex-Landrat Wolfgang Lippert. Er hatte Ende April kritisiert, dass Ministerpräsident Markus Söder keine Situation auslasse, "Mitterteich beziehungsweise Tirschenreuth im selben Atemzug mit Ischgl als Virenschleuder zu nennen". Der Kemnather hatte daher dem Robert-Koch-Institut geschrieben und auf eine Untersuchung gepocht, "was an den permanenten Vorhaltungen dran ist", dass das Starkbierfest Mitterteich an der Ausbreitung des Coronavirus im Landkreis Schuld ist. "Zudem will ich, dass nachgegangen wird, warum die Sterberate im Landkreis so hoch ist", sagte er damals im Kreisausschuss.

Ex-Landrat von seinem Vorgehen überzeugt

Das Schreiben hatte Erfolg. Zwei Mal waren Epidemiologen des Berliner Instituts für einige Tage in Tirschenreuth, um Akten und Unterlagen aus dem Gesundheitsamt zu sichten und auszuwerten. Vor allem die 110 ersten Covid-19-Fälle schauten sich die Mitarbeiter dabei ganz genau an und ließen dazu weitere Fakten zur Ausbreitung der Virenkrankheit recherchieren.

Lippert nimmt daher in der aktuellen Pressemitteilung auch noch einmal Stellung. Aus seiner Sicht "zeigen die Ergebnisse der Untersuchung eindeutig, dass wir im Rahmen unserer Möglichkeiten sehr früh, richtige und effektive Entscheidungen getroffen haben. Die Ausbreitung des Virus konnte dabei wirksam eingedämmt werden". Zudem bieten die Untersuchungen eine hervorragende Grundlage, um für die Zukunft richtungsweisende Strategien zur Bekämpfung des Virus ausarbeiten zu können

Grillmeier: "Suche nach Schuldigen ist fehl am Platz"

Auch Gesundheitsministerin Melanie Huml kommt zu Wort: „Wir haben bereits frühzeitig die Maßnahmen in die Wege geleitet, die vom RKI nun in dem Bericht empfohlen werden." So sei als Teil der bayerischen Containment-Strategie im Kampf gegen die Corona-Pandemie eine neue Unterstützungs-Software für die Gesundheitsämter entwickelt worden. Ferner sei kurzfristig zusätzliches Personal zur Unterstützung der Fachkräfte der Gesundheitsämter bereitgestellt worden. "Tirschenreuth war eines der ersten Ämter, das entsprechend geschultes Unterstützungspersonal für das ‚Contact Tracing‘ erhielt“, sagt die Ministerin.

Landrat Roland Grillmeier bittet abschließend nochmals um Verständnis, dass sich der Landkreis zu Vermutungen und Schuldzuweisungen nicht geäußert habe und dies auch in Zukunft nicht tun werde. Weiterhin erfolge aus Datenschutzgründen beziehungsweise wegen der Persönlichkeitsrechte keine Informationen zu Einzelfällen. „Niemand konnte das Ausmaß dieser Coronakrise vorhersehen und niemand war auf so etwas vorbereitet. Die Suche nach Schuldigen ist fehl am Platz“, so Grillmeier.

Der Studie ist auf der Homepage des Landkreises Tirschenreuth (www.kreis-tir.de) abrufbar.

Alle Erkenntnisse der Corona-Studie im Überblick

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