14.07.2020 - 16:29 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Warum mussten im Landkreis Tirschenreuth so viele Menschen an Corona sterben?

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Das Gutachten des Robert-Koch-Instituts zur Coronakrise ist fertig. Die Expertise wird mit Spannung erwartet. Nicht nur Angehörige von Opfern erwarten sich davon Antworten, warum so viele Menschen im Landkreis am Virus sterben mussten.

Diese vom Center for Disease Control and Prevention (CDC) erstellte Illustration zeigt den neuartigen Coronavirus 2019.
von Wolfgang Benkhardt Kontakt Profil

Der Landkreis Tirschenreuth hat bei der Coronakrise bundesweit eine traurige Bekanntheit erlangt. Die hohen Fallzahlen bei der Ausbreitung der neuartigen Krankheit und die vielen Todesfälle haben den Landkreis und insbesondere den Hotspot Mitterteich immer wieder in den Fokus gerückt. Viele Fragen blieben dabei unbeantwortet. Zum Beispiel, warum sich das Virus Covid-19 so rasant im Landkreis ausbreiten konnte? Oder warum die Virenkrankheit im Landkreis Tirschenreuth so viele Todesopfer gefordert hat? Auch die Frage, ob das Mitterteicher Starkbierfest bei der Ausbreitung eine Rolle gespielt hat, wurde nie geklärt.

Licht ins Dunkel bringen

Zwei Gutachten sollen Licht ins Dunkel bringen: eines stammt vom Robert-Koch-Institut in Berlin, am anderen arbeiten Wissenschaftler der Universitäten Regensburg und Erlangen. Die Expertise des Robert-Koch-Instituts liegt nun dem Landkreis vor. In einer Presse-Rundmail will die Behörde am Mittwochmorgen die Inhalte bekanntgeben.

Auftrag der Gutachter des Robert-Koch-Instituts war es, herauszufinden, warum der Landkreis Tirschenreuth vom Infektionsgeschehen so sehr betroffen war. Außerdem sollte das Institut der Frage nachgehen, warum die Todesrate im Landkreis so hoch war. Das Virus Covid-19 spielte im Landkreis Tirschenreuth nach der Statistik des Robert-Koch-Instituts bislang beim Tod von 139 Menschen eine Rolle. 1142 Krankheitsfälle sind amtlich erfasst (Stand Dienstag, 14 Uhr). Die meisten Opfer starben in Mitterteich und Erbendorf. Prozentual stark betroffen von der Krise waren aber auch kleinere Gemeinden, wie Fuchsmühl und Konnersreuth.

Her die Chronologie der Krise:

Corona im Landkreis Tirschenreuth

7. März

Starkbierfest in Mitterteich

10. März

Das Gesundheitsamt Tirschenreuth meldet den ersten am Covid-19-Virus Erkrankten im Landkreis. Es handelt sich um einen 83-jährigen Mann, der im Krankenhaus behandelt wird. Seine Frau wird in Quarantäne geschickt.

ab 11. März

Das Virus breitet sich rasant im Landkreis Tirschenreuth aus.

16. März

Der Freistaat ruft den Katastrophenfall aus.

18. März

Der Landkreis verhängt für Mitterteich bis 2. April eine Ausgangssperre. Das gab es in der Bundesrepublik vorher noch nie. Innenminister Joachim Herrmann macht sich selbst ein Bild von der Lage.

20. März

Der erste Todesfall im Landkreis Tirschenreuth: Es handelte sich um einen 87-jährigen Mann, der eine Vorerkrankung hatte. In Bayern gibt es zu diesem Zeitpunkt insgesamt 15 Corona-Todesfälle.

21. März

Die Kassenärztliche Vereinigung richtet eine mobile Abstrichstation in Tirschenreuth ein.

24. März

Die Zahl der Erkrankten übersteigt im Landkreis die Marke von 200.

31. März

Die Zahl Erkrankten übersteigt im Landkreis die Marke von 500.

3. April

Die 7-Tage-Inzidenz erreicht im Landkreis Tirschenreuth mit 571 Neuerkrankten in einer Woche, hochgerechnet auf 100.000 Einwohner, den Höchstwert. Ministerpräsident Markus Söder kündigt eine Antikörperstudie für den Landkreis Tirschenreuth an.

7. April

Ende der Ausgangssperre in Mitterteich

11. April

Der Landkreis beginnt, alle Beschäftigten und Bewohner von Altenheimen auf das Coronavirus zu testen.

15. April

Die Zahl der Corona-Infizierten übersteigt im Landkreis Tirschenreuth die Marke von 1000 Erkrankten.

27. April

Der Freistaat führt in Bayern in Geschäften und im Öffentlichen Nahverkehr eine Maskenpflicht ein. Das Robert-Koch-Institut schickt auf Betreiben von Landrat Wolfgang Lippert drei Epidemiologen nach Tirschenreuth, um das Infektionsgeschehen im Landkreis zu untersuchen. Die 7-Tage-Inzidenz sinkt im Landkreis wieder unter 50.

7. Mai

Der 100. Corona-Todesfall im Landkreis Tirschenreuth wird registriert.

8. Mai

Die Universitäten Regensburg und Erlangen stellen in Regensburg die Antikörper-Studie „Prospektive Covid19-Kohorte Tirschenreuth“ (TiKoCo19) vor. Der Freistaat investiert über eine halbe Million Euro in diese Untersuchungen.

28. Mai

Der Landkreis Tirschenreuth erreicht bei der 7-Tage-Inzidenz als erster Oberpfälzer Landkreis zeitweise wieder den Wert 0,0.

18. Juni

Das Verwaltungsgericht in Regensburg verpflichtet das Landratsamt Tirschenreuth per Beschluss, die aktuellen Zahlen aller positiv auf Corona getesteten Personen in den einzelnen Städten und Gemeinden herauszugeben.In Mitterteich gab es mit 181 Erkrankten bis dahin den höchsten Wert.

24. Juni

Der Landkreis Tirschenreuth gibt auch die Herkunftsgemeinden der Todesopfer bekannt. Die meisten Todesopfer gab es bis dahin in Mitterteich und Erbendorf – je 21.

29. Juni

Die Blutentnahmen für die Antikörperstudie der Universitäten Regensburg und Erlangen beginnen. Dazu werden in Tirschenreuth, Waldeck und Wiesau Testzentren eingerichtet. 5 Prozent der Bevölkerung - insgesamt 3600 Personen - sollen getestet werden.

Akten ausgewertet

Zwei Mal waren Mitarbeiter des Berliner Instituts für einige Tage in Tirschenreuth, um Akten und Unterlagen aus dem Gesundheitsamt zu sichten und auszuwerten. Vor allem die 110 ersten Covid-19-Fälle schauten sich die Mitarbeiter dabei ganz genau an und ließen dazu weitere Fakten zur Ausbreitung der Virenkrankheit recherchieren.

Am Dienstag beschäftigte sich Landrat Roland Grillmeier mit seinem engsten Führungsstab mit den Ergebnissen. Der Landrat sah danach keinen Grund, die Erkenntnisse zu verheimlichen. "Wir werden die Inhalte am Mittwoch öffentlich machen", versprach er am Rande einer Pressekonferenz in Falkenberg.

Bekannt ist mittlerweile auch, dass die meisten Todesopfer im Landkreis Tirschenreuth zwischen 80 und 89 Jahre alt waren (rund 42 Prozent). Außerdem starben deutlich mehr Männer als Frauen. Nur ein Opfer war jünger als 30 Jahre. Eine Verstorbene war bereits über 100 Jahre alt.

Hier erfahren Sie mehr über die Ausgangssperre:

Mitterteich
Hintergrund:

Was macht das Robert-Koch-Institut?

Das Robert-Koch-Institut (RKI) ist ein Bundesinstitut des Bundesministeriums für Gesundheit. Es ist ist die zentrale Einrichtung der Bundesregierung auf dem Gebiet der Krankheitsüberwachung und -prävention und damit auch die zentrale Einrichtung des Bundes auf dem Gebiet der anwendungs- und maßnahmenorientierten biomedizinischen Forschung. Die Kernaufgaben des RKI sind die Erkennung, Verhütung und Bekämpfung von Krankheiten, insbesondere der Infektionskrankheiten. Vorrangige Aufgaben liegen in der wissenschaftlichen Untersuchung, der epidemiologischen und medizinischen Analyse und Bewertung von Krankheiten mit hoher Gefährlichkeit, hohem Verbreitungsgrad oder hoher öffentlicher oder gesundheitspolitischer Bedeutung.

Das Robert Koch-Institut erfasst kontinuierlich die aktuelle Covid-19-Lage, bewertet alle Informationen, schätzt das Risiko für die Bevölkerung in Deutschland ein und stellt Empfehlungen für die Fachöffentlichkeit zur Verfügung.

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