14.06.2020 - 10:22 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Disko-Inhaber: "Fühlen uns allein gelassen"

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Trotz weitreichender Lockerungen in der Coronakrise müssen Diskotheken noch geschlossen bleiben. Wann es weitergehen wird, ist unklar. Alex Holländer ist Inhaber vom "No4" in Tirschenreuth und fühlt sich von der Politik im Stich gelassen.

Inhaber Alex Holländer in seiner leeren Diskothek.
von Vanessa Lutz Kontakt Profil

Alex Holländer (30) ist eine feste Größe im Nachtleben des Landkreises, speziell aber in Tirschenreuth. Weit über zehn Jahre lang hat er sich alles aufgebaut, hat „ganz unten“ als Spüler angefangen und sich hochgearbeitet. Er hat die Tirschenreuther Diskothek, seit 1994 am gleichen Standort, als treuer Mitarbeiter durch einige Namensänderungen begleitet. Neue Inhaber, neue Mitarbeiter kamen und gingen. Doch Holländer, der sich auch als DJ Rizzi in der Region einen Namen gemacht hatte, blieb. Aus dem "Gnadenlos" wurde das "Dox", aus dem "Dox" das "7One". Nun ist Holländer Inhaber "seiner" Disko, seit September ist es das "No4". Diese Disko, am Randgebiet Tirschenreuths - sie ist seit vielen Jahren Holländers Mittelpunkt im Leben.

Aus dem "7One" wurde das "No4":

Tirschenreuth

Nun hat es sich erstmal ausgefeiert. Dort, wo sich noch vor wenigen Monaten Feierwütige dicht an dicht drängten und bis in die Morgenstunden tanzten, während der Bass durch den Raum wummerte, herrscht Leere. Und über allem steht nur eines: Ungewissheit. Die Corona-Pandemie katapultierte Holländer und viele seiner Kollegen von einem Tag auf den anderen in eine völlig unsichere Zukunft. Denn wie alle Diskotheken, Bars und Kneipen muss auch das "No4" auf unbestimmte Zeit geschlossen bleiben, obwohl es mittlerweile wieder weitreichende Lockerungen im öffentlichen Leben gibt. „Es hat Nächte gegeben, da könnte man echt nur weinen“, sagt Holländer. „Niemand hat anfangs geahnt, dass die Einschränkungen so hart und lange sein werden.“

Zunächst sei Holländer zuversichtlich gewesen: Noch am 14. März habe er in seinem Büro gesessen und gerechnet. „Ich dachte, mit Glück könnten wir Ostern wieder aufsperren. Jetzt ist schon Juni.“ Von der Politik fühlt er sich im Stich gelassen. „Es gibt keine Perspektive für uns, wann es ungefähr weitergehen wird.“ Anfangs noch seien die Diskotheken zur Gastronomie gezählt worden - der Freistaat beschloss Lockerungen, doch die Diskos wurden davon ausgenommen. Dann seien die Diskos zu Kultureinrichtungen gerechnet worden - der Freistaat beschloss auch dort Lockerungen, und wieder wurden die Diskos ausgenommen.

Diskos gelten als Hochrisiko-Zone

Denn Diskotheken gelten als Hochrisiko-Zonen in Coronazeiten. Dicht an dicht gedrängte Menschen, Alkohol, ausgelassene Stimmung: Die Hygienebeschränkungen können da schnell in Vergessenheit geraten. Doch dazu sagt Holländer klar: "Wir könnten hierfür eine Lösung finden." Er denkt an kontaktloses Fiebermessen mit Wärmebildkameras, Einlassbeschränkungen und verstärkte Kontrollen. Eine Autodisko sei für ihn keine Option: die Eintrittspreise müsste er, um genug Einnahmen zu erzielen, deutlich erhöhen. "Dann kommen die Leute vielleicht einmal. Und danach?"

"Von der Politik vergessen"

Also heißt es: weiter warten. Holländer fühlt sich "von der Politik vergessen“, er sagt: „Der Staat schickt uns komplett ins Aus.“ Die psychische Belastung mache ihm und auch seinen Kollegen zu schaffen. Denn es gehe nicht nur um das Finanzielle. „Die Clubbetreiber hier in der Region machen das mit Herzblut und mit Leidenschaft“, sagt er. „Wenn man das nur des Geldes wegen machen würde, könnte man sich nicht lange halten.“

Enormer Schaden

Dennoch sei der Schaden enorm. "Vom Umsatz her weit sechsstellig“, meint Holländer. Er sei froh, auf seinen Verpächter zählen zu können, der ihm viel Last von den Schultern nehme. „Sofort“ habe Holländer sich auch gemeldet, als der Freistaat Hilfsmittel bereitgestellt hat. Doch die sogenannten LfA-Kredite seien „unkalkulierbar“, sagt er. „Woher soll man denn vernünftig wissen, wie viel Kredit man aufnehmen soll?“ Nehme man zu viel auf, habe man den dann „an der Backe“.

Wenn man das nur des Geldes wegen machen würde, könnte man sich nicht lange halten.

Alex Holländer

Besonders enttäuscht sei er vom Bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder. „Anfangs dachte ich, er hat alles richtig gut im Griff“, sagt Holländer. Doch mittlerweile empfindet er dessen Spruch „Wir lassen keinen allein“ als blanken Hohn.

Zeitweilige Ablenkung verschaffe ihm sein Hauptberuf - Holländer arbeitet als Bauleiter für Elektrotechnik. „Aber sobald man im Feierabend zur Ruhe kommt, holt einen alles wieder ein.“ Seine Gedanken würden immer um die Fragen kreisen: „Wie überstehen wir das? Wie geht es weiter?“ Er habe ja auch Verantwortung für „seine Leute“ - insgesamt 23 Mitarbeiter. "Das alles zieht einen langen Rattenschwanz nach sich." Holländer kenne genügend DJs, die aufgrund der unsicheren Lage Hartz IV beantragen mussten. Für ihn sei trotz allem aber klar, dass es irgendwie weitergehen müsse. „Ich habe im September nicht aufgesperrt, um jetzt aufzugeben.“

Die Clubbetreiber in der Region fühlen sich auf "verlorenem Posten"

Weiden in der Oberpfalz
Die Türen des "No4" werden wegen der Coronakrise noch auf unbestimmte Zeit geschlossen bleiben.

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