19.03.2020 - 15:09 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Durststrecke für Reitverein in Tirschenreuth

Einfach schließen geht nicht: Der Reitverein Tirschenreuth und der Reitstall Trevesenhammer sehen düstere Zeiten auf sich zukommen. Sie kämpfen schon jetzt ums Überleben.

Sandra Dietl streichelt ihre eigene Stute Tosia liebevoll. Die neue Vorsitzende des Reitvereins Tirschenreuth sorgt sich um die Zukunft des Vereins und der Pferde auf der Reitanlage. Aber sie meistert die bereits jetzt entstandenen Schwierigkeiten sehr souverän. Ohne zu zögern und äußerst professionell hat sie erste Maßnahmen ergriffen, um den Reitstall und die Menschen, die dort ein- und ausgehen müssen weiterhin zur Versorgung der Tiere, zu schützen.
von Ulla Britta BaumerProfil

Draußen scheint die warme Sonne. Die Schulpferde vom Reitverein Tirschenreuth könnten jederzeit raus in die Freiluftbox. Aber sie bleiben brav im Stall. "Sie warten darauf, abgeholt zu werden. Jetzt wären Reitstunden", sagt Sandra Dietl.

Die Vorsitzende des Reitvereins Tirschenreuth hat von heute auf morgen etliche Entscheidungen treffen müssen wegen der Einschränkungen aufgrund der Ansteckungsgefahr durch das Coronavirus. Nur kann der Reitverein seinen Betrieb nicht einfach einstellen. "Ein Turnhalle oder ein Museum kann man zusperren. Aber wir haben die Pferde", sagt Sandra Dietl.

Es geht um Existenz des Vereins

In Tirschenreuth stehen etwa 50 Pferde, davon zehn Vereinspferde. Erschwerend komme hinzu, dass einer ihrer wichtigen Mitarbeiter, ein tschechischer Helfer, nur unter großen Umständen über die Grenze könne. "Er braucht jetzt vier Stunden und weiß nicht, wie er das machen soll." Die junge Frau, die vor einem Jahr erst als Vorsitzende des Reitvereins große Verantwortung übernommen hat, ist wild entschlossen, für ihren Verein alles zu tun. Die Existenz des Vereins steht auf dem Spiel. Da rücken die abgesagten Veranstaltungen in den Hintergrund, wie das Reitabzeichen im August. "Es ist noch Zeit. Aber wir können nicht mit dem Training beginnen."

Reitlehrer im Urlaub

Bereits abgesagt sind das Reitturnier und das Osterferienprogramm. Nur, egal was Sandra Dietl auch unternimmt, die Kosten bleiben. Und da keine Reitstunden stattfinden, fehlt nun das Geld dafür. Außerdem hat der Reitverein Teilzeitangestellte und 450-Euro-Kräfte. "Die Reitlehrer haben wir erst einmal in Urlaub geschickt", berichtet Dietl.

Zehn Schulpferde

Ihr ist sehr mulmig bei dem Gedanken, wie das weitergehen soll. "Wir halten höchsten vier bis acht Wochen finanziell durch", sagt sie. Nur, alles deute auf eine längerfristige Durststrecke hin. "Was wird dann aus den Pferden?". Ihr werde "Himmel-Angst-und-Bang", sagt sie. Denn wer soll die zehn Schulpferde dann nehmen, wenn's ganz schlimm kommt? Sandra Dietl spricht von gut 300 Euro pro Schulpferd monatlich, zehn stehen im Stall. Um Kosten zu sparen und wegen der Personalengpässe hat sie bereits am Sonntag einen "Plan B" mit ihrer Vorstandschaft erarbeitet und an die Einstellpferde-Besitzer ein Schreiben rausgegeben. Jeder muss jetzt jeden zweiten Tag seine Pferdebox selbst ausmisten.

Keine Besucher mitbringen

Dietl will gar nicht daran denken, was mit den Pferden geschieht, müsste der Reitstall unter Quarantäne. "Wir können sie doch nicht einfach verkaufen." Zumal momentan auch keiner ein Pferd brauchen kann woanders. Alle Reitstallnutzer gehen sich wegen der Ansteckungsgefahr weitgehend aus dem Weg. Wichtige Besprechungen finden nur noch per Kommunikationsmittel oder auf Sicherheitsabstand statt. Alle Besitzer der Einstellpferde wurden schriftlich gebeten, keine Besucher mehr mitzubringen.

Sandra Dietl streichelt nachdenklich das älteste Vereinspferd, Mary. Es gehört seit 30 Jahren dazu und ist nun in "Rente". Inzwischen haben auch die anderen Schulpferde begriffen, dass heute kein Reiter mehr kommt und sind raus ins Freie gelaufen. Wenigstens sind ausreichend Leute da, um die Pferde in Bewegung zu halten, freut sich Sandra Dietl über Unterstützung aus dem Verein. Sie hofft auf das Verständnis und die Vernunft aller, damit der Reitverein die ersten Wochen der Krise schadlos überstehen kann und nicht vorzeitig geschlossen werden muss. "Dann sehen wir weiter", sagt sie. Denn nun sei Nichts mehr planbar.

Große finanzielle Probleme

Martin Kastner vom Reitstall Trevesenhammer in Pullenreuth hat am Montag ebenfalls sofort alle Reitstunden abgesagt. Jetzt könnte selbst erst einmal Urlaub nehmen, sagt er. Kastner führt den Reitstall selbstständig gemeinsam mit seinem Vater und sieht große finanzielle Probleme auf sich zukommen. "Meiner Frau wird der Laden vier Wochen zugesperrt. Danach kriegt sie nur noch Lohn für Kurzarbeit", sagt er. Im Reitstall Trevesenhammer stehen 30 Einstell- und Schulpferde. Die Pferde müssten weiter versorgt werden mit Futter. Ohne die Einnahmen von den Reitstunden werde das bitter. Kastner hat bereits um Fördermittel angefragt. Aber auf den Landkreisämtern wisse niemand Bescheid, wohin man sich wende könne. Kastner erzählt von den Kindern aus dem Reitunterricht, die ständig anrufen, ob sie wenigstens zum Füttern kommen dürfen. "Den Kindern ist daheim langweilig. Aber ich kann sie nicht mehr reinlassen, so gern ist das täte." Martin Kastner will nicht an die Konsequenzen denken. Auch er spricht vom Verkauf der Pferde. Dennoch will er nicht Schwarz malen, noch nicht. "Nicht unterkriegen lassen", lautet seine Devise. Man habe schon ganz andere Krisen überstanden.

Die Pferde genießen die Sonne. Aber die Idylle trügt, denn ihre Zukunft steht bereits auf dem Spiel.
Mary, eine Norweger-Stute, ist mit 30 Jahren das älteste Schulpferd des Reitvereins und jetzt "in Rente". Auch um sie bangt die Vereinsvorsitzende Sandra Dietl, denn was soll mit Mary geschehen, wenn kein Geld mehr für die Pferde da ist.
Die große Reitanlage muss auch nach Einstellung aller Freizeitaktivitäten weiterhin unterhalten werden..
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