30.07.2020 - 18:59 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Erstes Wirtschaftsgespräch: Landratsamt Tirschenreuth im Dialog mit regionalen Unternehmen

Fachkräftemangel, Abwanderung, Digitalisierung und Corona: Der Landkreis Tirschenreuth will die Region für die Zukunft als Wirtschaftsstandort rüsten. Aber was kann er leisten, und was fordern die lokalen Unternehmer?

Zum ersten Wirtschaftsgespräch kamen die Geschäftsführer der großen lokalen Unternehmen in das Landratsamt Tirschenreuth. Dabei berichteten sie von der aktuellen Situation und sprachen über Zukunftsperspektiven.
von Lucia Seebauer Kontakt Profil

Um den Landkreis künftig als Wirtschaftsregion weiterzuentwickeln, hat Landrat Roland Grillmeier das Gespräch mit Vertretern großer lokaler Unternehmen, der Industrie- und Handelskammer, Handwerkskammer sowie Agentur für Arbeit gesucht. Die Spitzen der heimischen Wirtschaft versammelten sich am Donnerstag im großen Sitzungssaal des Landratsamtes - natürlich mit Abstand.

"Wir hätten auch gerne mit kleineren Firmen gesprochen", erklärte Wirtschaftsförderer Volker Höcht. Aufgrund der aktuellen Hygieneregelungen musste man sich fokussieren. "Die Unternehmen, die hier sind, repräsentieren rund ein Viertel der sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer im Landkreis."

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Themenschwerpunkte waren neben Corona die Abwanderung von jungen Menschen, Fachkräftemangel sowie die Digitalisierung. In seinem Impulsvortrag zeigte Volker Höcht neue Konzepte des Landkreises auf, um diesen Problemen entgegenzutreten. Zentral sind dabei die Rückkehrer-Kampagne sowie die Fachkräfte-Sicherung. So möchte man mit jungen Menschen nach ihrer Ausbildung in Kontakt bleiben, um sie an die Region enger zu binden. Weiterhin beschäftigt sich die Strategie "Bildungsmanagement 4.0" mit dem Ausbau und der Förderung von Bildungsangeboten in der Region. Im Bereich der Innovation und Digitalisierung beteiligt sich der Landkreis an der Instagram-Kampagne "#digitalenordoberpfalz". Hinter dem Hashtag, steckt eine Initiative der Landkreise Tirschenreuth und Neustadt/WN sowie der Stadt Weiden. Er soll für Unternehmen eine Plattform sein, um sich noch besser zu vernetzen.

Positive Arbeitsmarkt-Entwicklung

Aus dem Arbeitsmarktbericht von Claudia Wildenauer-Fischer, stellvertretende Leiterin der Agentur für Arbeit in Weiden, wurde ersichtlich, dass die Region in der Coronakrise bisher mit einem blauen Auge davon gekommen ist. Die positive Entwicklung im Landkreis liege ihrer Meinung nach daran, dass hier überproportional Kurzarbeitergeld in Anspruch genommen wird. Auch die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe sei nicht gesunken. "Jeder Bewerber hat noch 1,7 Stellen zur Auswahl."

Wir können nicht jedes Wirtshaus betreiben. Junge Leute wollen auch ein Programm am Abend haben.

Matthias Ziegler, Geschäftsführer Ziegler Erdenwerk

In einer großen Gesprächsrunde wollte Landrat Grillmeier von den Geschäftsführern, alles Männer, wissen, wie sie die Zukunft der Wirtschaft einschätzen. Und: "Was bleibt von Corona?" Christian Baisch von der Hamm AG vermutet, dass sein Unternehmen bis Ende des Jahres in Kurzarbeit bleiben wird. "Nicht nur die Kaufzurückhaltung, sondern auch der Auftragsrückgang hat uns getroffen."

Alfred Meyer, Geschäftsführer der IGZ, berichtete, dass im Unternehmen das Homeoffice verstärkt wurde und einige Reisen über Telefon- und Videokonferenzen gelöst werden. Die Ziegler Group hatte während des Lockdowns mit der Schließung der tschechischen Grenzen zu kämpfen. Prokurist Andreas Sandner berichtete, dass viele betroffene Mitarbeiter bereit waren, in Deutschland zu bleiben und in Hotels zu wohnen.

Krise als Achterbahnfahrt

Technischer Leiter Udo Zrenner vom Fahrrad-Hersteller Ghost beschreibt die Krise als Achterbahnfahrt. Der Betrieb musste im März zu 95 Prozent heruntergefahren und Kurzarbeit angemeldet werden. Die Grenzgänger-Regelung half, die Produktion langsam hochzufahren. Als die Radfahrgeschäfte öffneten, war plötzlich die Nachfrage hoch.

Die Wiesauplast musste bereits vor der Krise Kurzarbeit anmelden. Das Unternehmen arbeitet mit der Auto-Branche zusammen. "Wir hatten einen Umsatzeinbruch im April/Mai. Wir merken aber , dass es jetzt wieder anzieht", so Prokurist Harald Strobl. Jedoch seien Kunden sehr verhalten und vergäben kaum neue Aufträge.

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Matthias Ziegler vom Ziegler Erdenwerk war zunächst skeptisch im Bezug auf Homeoffice. "Es hat funktioniert. Aber auch kurze Wege im Unternehmen benötigen mehr Zeit am Telefon." Im Bezug auf Fachkräfte ist er der Ansicht, dass der Landkreis seine Infrastruktur verbessern müsste. "Wir können nicht jedes Wirtshaus betreiben. Junge Leute wollen auch ein Programm am Abend haben." Die meisten Menschen kämen in den Landkreis zurück, wenn sei eine Familie gründen. "Viele wollen ein Haus bauen. Das müssen wir ihnen ermöglichen. Dann gehen die auch nicht mehr weg."

Umfrage an Unternehmer im Landkreis Tirschenreuth: Wie sehen sie sich für die Zukunft gerüstet?

Stefan Rosner, Standortleiter von Schott Mitterteich.

"Der wichtigste Schluss aus dem Gespräch ist, dass auch andere lokale Player optimistisch in die Zukunft gehen und die Nordoberpfalz nicht im Krisen-Modus bleibt", sagt Stefan Rosner von der Schott AG. Er freut sich, dass der Landrat etwas verändern will. Der Hauptkunde des Standorts in Mitterteich ist die Pharmaindustrie, die Gläser für Impfstoffe ordert. Aktuell gebe es eine verstärkte Nachfrage. "Ich denke, dass diese auch anhalten wird." Andere Standorte im Konzern, die mit der Auto-Branche arbeiten oder Kochfelder produzieren, hätten mehr Probleme.

Andreas Foti, Geschäftsführer Cube Waldershof.

Das Gespräch fanden auch die Vertreter des Fahrradherstellers Cube aus Waldershof anregend. "Es war interessant andere Unternehmen über den Umgang mit der Krise zu hören." Viele hätten ähnliche Probleme in dieser Zeit gehabt. Ebenfalls interessant fand er, dass der Landkreis im Bereich der Arbeitslosenzahlen sehr gut weg kommt. Durch den verstärkten gesellschaftlichen Trend zum Fahrrad blickt Geschäftsführer Andreas Foti positiv in die Zukunft. Inzwischen gebe es Schlangen vor den Geschäften. "Das hat sich durch Corona verstärkt und wird hoffentlich auch so anhalten."

Josef Andritzky, Geschäftsführer Kassecker Waldsassen.

"Es gibt branchenspezifische Unterschiede, aber die Probleme in der Krise sind sehr ähnlich", findet Kassecker-Geschäftsführer Josef Andritzky. Sein Unternehmen hatte Kurzarbeit beantragt, aber nicht in Anspruch nehmen müssen. Gerade bei der Suche nach Fachkräften zeichne sich die Rückkehrer-Problematik ab. "Da muss man sich darum kümmern." Homeoffice wurde verstärkt genutzt, aber: "Es ist nicht das Allheilmittel. Die direkte Kommunikation fehlt." Durch die Krise habe man viel gelernt. "Wenn eine neue Welle kommen sollte, sind wir besser vorbereitet."

Bernhard Schön, Geschäftsführer Liebensteiner Kartonagenwerk.

"Homeoffice und Digitalisierung sind heute große Themen", sagt Bernhard Schön. Dem Gechäftsführer des Liebensteiner Kartonagenwerks ist bewusst: "Der Fachkräftemangel trifft jeden." Die Abwanderung werde seiner Meinung nach Thema bleiben. "Der Landkreis muss attraktiver werden. Das geht über Gastronomie, Unterhaltung, Kultur und Sport." Auch Bauland sei notwendig, um junge Leute in der Region zu halten. Schön sieht positiv in die Zukunft für sein Unternehmen. "Verpackung wird immer gebraucht. Wir sind in allen Branchen vertreten."

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