10.07.2020 - 17:32 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Ex-Landrat Wolfgang Lippert zur Coronakrise: "Versucht, das Optimale zu machen"

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Zwölf Jahre war Wolfgang Lippert Landrat des Landkreises Tirschenreuth. Im Interview blickt er auf die Coronakrise, seine größten Enttäuschungen und erfolgreichsten Projekte zurück.

Ex-Landrat Wolfgang Lippert stellte sich noch einmal den Fragen der NT-Redaktion.
von Martin Maier Kontakt Profil

Seinen Abschied hat sich der ehemalige Landrat Wolfgang Lippert anders vorgestellt. Drei Monate vor dem Ende seiner Amtszeit traf die Corona-Pandemie mit voller Wucht auf den Landkreis Tirschenreuth. Das Abschiedsprogramm des Kemnathers war somit nichtig. Stattdessen war Krisenmanagement gefragt. An seinem letzten Arbeitstag überraschten ihn die Landratsamt-Mitarbeiter mit einem riesigen Dank-Banner für die zwölfjährige gute Zusammenarbeit und klatschten aus den Fenstern Applaus. "Da ist es mir eiskalt den Rücken runtergelaufen. Das war sehr ergreifend", gesteht Lippert. Mit einigen Wochen Abstand auf diese anstrengende und fordernde Zeit traf sich der 65-Jährige nun mit den beiden NT-Redakteuren Wolfgang Benkhardt und Martin Maier zum Interview.

ONETZ: Sie konnten Ihre letzten Tage im Amt nicht langsam ausklingen lassen. Corona war das alles bestimmende Thema. Wie beurteilen Sie im Rückblick Ihr Management der Coronakrise?

Wolfgang Lippert: So wie wir das alles im Rahmen unserer Möglichkeiten gemeistert haben, war das in Ordnung. Es gehört schon eine gewisse Courage dazu, als erster Landkreis in Deutschland eine Ausgangssperre für eine Stadt zu verhängen. Zudem haben wir sehr schnell das Corona-Testzentrum in Tirschenreuth aufgebaut und 30 Leute an das Gesundheitsamt beordert. Ich denke, mehr war in der damaligen Situation nicht möglich.

ONETZ: Trotzdem gab es Kritik. Immer wieder beschwerten sich beispielsweise Bürger wegen des Gesundheitsamts. War die Wucht der Corona-Pandemie irgendwann zu groß?

Wolfgang Lippert: Klar haben wir auch Fehler gemacht. Bei manchen Leuten wurde bezüglich des Verlaufs der Krankheit nicht mehr hinterhertelefoniert, weil wir es einfach nicht mehr geschafft haben. Aus diesen Fehlern muss man lernen. Aber noch einmal: Wir haben versucht, aus unseren Möglichkeiten das Optimale zu machen. Und dass unsere Maßnahmen gegriffen haben, zeigt auch der Rückgang der Coronazahlen, zeitweise auf Null.

ONETZ: Der Landkreis Tirschenreuth war mit Blick auf die Fall- und Todeszahlen einer der Corona-Hotspots Deutschlands. Damit rückte die Region auch in den Fokus von überregionalen Medien.

Wolfgang Lippert: Es gibt Dinge, die mich sehr geärgert haben. Beispielsweise der Artikel in der „Zeit“. Die Journalistin hat über eine Stunde mit mir telefoniert und ich habe ihr berichtet, welche Sofortmaßnahmen der Landkreis ergriffen hat, um die Pandemie einzudämmen. Aber in ihrem Bericht war darüber kein einziger Satz. Es ging ihr vermehrt darum, Schuldige und Gründe zu finden, warum der Landkreis so betroffen war und weniger um eine Darstellung der Krisenbewältigung. Dieser einseitige Bericht hat das enorme Engagement vieler Mitmenschen im Kampf gegen die Pandemie nicht gewürdigt.

ONETZ: Wochenlang weigerte sich der Landkreis, die Corona-Fallzahlen auf Gemeindeebene preiszugeben. Letztendlich hat das Verwaltungsgericht den Landkreis dann dazu gezwungen. Finden sie Ihre damalige Entscheidung noch richtig?

Wolfgang Lippert: Absolut. Was bei dem ganzen Thema nicht zum Tragen kommt, warum wir das so gemacht haben. Wir wollten die Bürger schützen und eine Stigmatisierung verhindern. Es ging nie darum, etwas zu verheimlichen. Das war alles mit den anderen Oberpfälzer Landräten, dem Krisenstab und der Regierung abgesprochen. Den Gerichtsentscheid gilt es so zu akzeptieren.

ONETZ: Die Coronakrise war sicher das unangenehmste und herausforderndste Thema, mit dem Sie sich während Ihrer zwölfjährigen Amtszeit als Landrat auseinandersetzen mussten. Was bleibt noch negativ in Erinnerung?

Wolfgang Lippert: Als erstes fällt mir der Fall Lea ein (Anm. d. Red.: Ende März 2010 starb in Tirschenreuth ein zweijähriges Mädchen, weil es vernachlässigt wurde). Das war tragisch. Danach ist man auf das Jugendamt und auch auf mich losgegangen. Mir wurde unterstellt, dass ich nicht schnell genug aus dem Urlaub zurückgekommen sei, obwohl das nicht stimmte. Unangenehm war auch die Sache mit dem Hotel beim Sibyllenbad. Mit der Kewog hätten wir Lindner-Hotels an Land gezogen gehabt und dann ist uns der Bau nicht genehmigt worden. Mit ein wenig mehr Wohlwollen hätten man das schon hinkriegen können. Auch das Verhalten der Finanzaufsicht Bafin, die uns zu einer Fusion der Sparkasse Oberpfalz Nord mit Schwandorf/Regensburg drängen wollte, ist mir ungut in Erinnerung geblieben. Wie die Bafin uns das Messer auf die Brust gesetzt hat, das war brutal. Zum Glück hat sich das dann alles zerschlagen, wir bekamen viel Zeit und die Sparkasse Oberpfalz Nord konnte sich sehr positiv entwickeln. Corona war schließlich der Gipfel – der Landkreis wurde dadurch gebrandmarkt.

ONETZ: Die Krankenhäuser haben Sie jetzt nicht genannt.

Wolfgang Lippert: Die Kliniken Nordoberpfalz AG ist ein Dauerbrenner. Da bin ich von verschiedenen Seiten enttäuscht worden, unter anderem von der Bundespolitik, von der es nicht die nötige finanzielle Ausstattung für die Krankenhäuser gibt. Außerdem haben mich die Indiskretionen aus dem Aufsichtsrat der AG maßlos aufgeregt. Da bin ich aus Sitzungen heimgefahren und habe schon Stunden später im O-Netz gelesen, was wir vertraulich besprochen haben. Das war furchtbar, weil man keinem Menschen in dem Gremium mehr trauen konnte.

ONETZ: Wie geht es mit der Kliniken AG weiter?

Wolfgang Lippert: Ich denke, wir haben die Talsohle durchschritten. Mit all den Maßnahmen, die schon getroffen wurden und die noch anstehen, könnte es in zwei, drei Jahren wieder in Richtung schwarze Null gehen.

ONETZ: Momentan gibt es noch drei Standorte der Kliniken AG im Landkreis. Glauben Sie, das lässt sich aufrechterhalten?

Wolfgang Lippert: Ich denke schon. Das Krankenhaus Tirschenreuth braucht man, um eine adäquate medizinische Versorgung im ländlichen Raum zu gewährleisten. Eine Schließung dieses Standorts ist für mich daher unvorstellbar. Kemnath sehe ich auch nicht gefährdet, da hier vor allem die Operateure aus Bayreuth zusätzlich sehr gute Zahlen liefern. Und auch die Geriatrie in Erbendorf hat immer positive Zahlen geschrieben. Ob man sich zu einem Neubau durchringen kann, ist eine Sache, die man in ein paar Jahren vielleicht angehen wird.

ONETZ: War die Schließung des Krankenhauses in Waldsassen wirklich alternativlos?

Wolfgang Lippert: Sie war aufgrund der Zahlen unumgänglich. Zweifelsohne hat das Personal dort hervorragende Arbeit geleistet. Das Akutkrankenhaus plus Orthopädische Reha machten im Jahr über 1 Million Euro minus, zumal eine Reha nicht zur originären Aufgabe eines Klinikverbundes gehört. Auf Dauer konnten sich die AG und auch der Kreis dies nicht leisten. Ich bin mir aber sicher, dass das Gebäude in Waldsassen nicht auf Dauer leer stehen wird.

ONETZ: Zu Beginn ihrer Amtszeit 2008 stand vor allem das Schlagwort „demografischer Wandel“ im Fokus. Viele junge Leute wanderten ab. Mittlerweile belegt der Landkreis in diversen Studien zur wirtschaftlichen Entwicklung aber vordere Plätze. Sie prägten den Ausspruch „Aus Landflucht wird Landlust“.

Wolfgang Lippert: Das ist der positivste Punkt der vergangenen zwölf Jahre. Im Landkreis hat sich ein ganz anderes Selbstbewusstsein entwickelt. Dazu beigetragen haben zahlreiche Akteure. Zu nennen sind viele Firmen, die sich zur Region bekennen und neue und hochwertige Arbeitsplätze geschaffen haben. Darunter sind viele Traditionsbetriebe, aber auch etliche innovative „Newcomer“. Zudem ist das Kirchturmdenken im Landkreis nicht mehr da, und im Kreistag ist es gelungen, die Kräfte gemeinsam zu bündeln und konstruktiv zusammenzuarbeiten. Ich habe immer meine Rolle auch als Moderator gesehen und versucht, mein Amt möglichst politisch neutral auszuüben.

ONETZ: Was hat der Landkreis konkret für diese Entwicklung beigetragen?

Wolfgang Lippert: Da gibt es einige Dinge. Beispielsweise das Seniorenpolitische Gesamtkonzept, das momentan evaluiert wird. Letztendlich kann es auf die Formel gebracht werden: Es muss „geil“ sein, im Landkreis alt zu werden. Zudem haben wir mit dem Baxi, „Der mim Board“, der altersgerechten Musterwohnung in Tirschenreuth und dem Projekt „Heimatunternehmer“ bayernweit Maßstäbe gesetzt. Da sind wir Vorreiter. Unser Problem ist nicht der Wegzug, sondern das Defizit zwischen Geburten und Sterberate.

ONETZ: Welche weiteren Projekt haben sich in die richtige Richtung entwickelt?

Wolfgang Lippert: Unsere Bildungsregion ist kein Papiertiger. Dieses Projekt haben wir zielorientiert und umfassend durchgezogen. Es wurde viel in die verschiedensten Bildungseinrichtungen investiert. Auch freut es mich, dass wir MINT-Region geworden sind. Persönlich bin ich auf die Himmelsleiter stolz. Das Projekt wurde an den Stammtischen sehr kritisch diskutiert. Mittlerweile ist die Himmelsleiter ein Wahrzeichen. Dass wir das im Kreistag fast geschlossen durchgebracht haben, finde ich toll. Nicht vergessen will ich den Hessenreuther Wald: Nach über 40 Jahren ist es mir nach zeitintensiven Gesprächen und einer gewissen Hartnäckigkeit gelungen für den Ausbau der Bundesstraße 299 einen Kompromiss zu finden. Das war eine gute Geschichte.

Der Ex-Landrat entspannt sich am Liebsten beim Holzmachen:

ONETZ: Gibt es Projekte, die Sie noch gerne selber zu Ende gebracht hätten?

Wolfgang Lippert: Den Neubau der Realschule in Kemnath hätte ich natürlich noch gerne weiterbegleitet. Was ich nach wie vor hoffe, dass die Umgestaltung des Innenhofs im Landratsamt nicht geschoben wird, es war doch alles einvernehmlich vorbereitet. Denn es gehört dazu, dass eine solche Behörde behindertengerecht ist und ein Landratsamt sollte auch mit gutem Beispiel vorangehen. Jedenfalls präsentiert sich der Innenhof momentan als heruntergekommen und passt nicht zu den renovierten Häusern.

ONETZ: Sie sind ein Quereinsteiger in die Politik. Wir würden Sie Ihren Stil beschreiben?

Wolfgang Lippert: Ich traue mir schon zu sagen, dass ich eine gewisse Menschenkenntnis habe. Mir ist wichtig, sich über die Themen erst ausreichend zu informieren, bevor man etwas allgemein verkündet. Ich habe die einzelnen Punkte immer intern mit den Fraktionsvorsitzenden diskutiert und versucht, deren Ideen und Anregungen zu berücksichtigen. Dies waren für mich wegweisende wichtige Sitzungen.

ONETZ: Sind seit 2008 neue Freundschaften mit einzelnen Politikern entstanden?

Wolfgang Lippert: Das Wort Freundschaft interpretiert jeder anders. Ich würde sagen, es haben sich zu einzelnen Personen, ohne Namen nennen zu wollen, tiefere Beziehungen entwickelt. Leute, die man ins Vertrauen gezogen hat, um durch deren Echo gestärkt in Diskussionen zu gehen.

ONETZ: Sie gingen 2008 als Außenseiter in die Stichwahl gegen Herbert Hahn. Haben Sie sich damals wirklich Chancen auf das Amt des Landrats ausgerechnet?

Wolfgang LippertWolfgang Lippert: Wer antritt, muss davon ausgehen, dass er gewählt wird. Aber ganz ehrlich: Ich habe nicht damit gerechnet, die Stichwahl zu gewinnen. Schlimm war die Landratswahl 2014. Man will ja als Landrat weiter machen und viele Ideen und Projekte, die man im Kopf hat, realisieren. Entscheidend ist aber der Wählerwille, diese Ungewissheit war wirklich belastend.

ONETZ: Welcher Job ist schöner: Landrat oder Lehrer?

Wolfgang Lippert: Beide sind sehr schön. Aber das sind zwei komplett unterschiedliche Aufgaben. Mir hat die Arbeit mit Schülern immer Spaß gemacht. Spaß ist für das Amt des Landrats allerdings nicht mehr das richtige Wort. Der Bürger hat mir Vertrauen geschenkt, den Landkreis würdig zu vertreten und voranzubringen. Dies ist eine dienende und verantwortungsvolle Aufgabe. Da ist der Spaßfaktor nicht immer gegeben. Aber es war erfüllend und bereitete große Freude etwas bewegen zu können.

ONETZ: Die Aufgabe als Landrat ist sehr zeitintensiv. 70 Wochenstunden sind nach Ihren Aussagen keine Seltenheit. Wie haben Sie das körperlich verkraftet?

Wolfgang Lippert: Der Herrgott hat mir eine gute Gesundheit gegeben. Ich habe das alles relativ gut verkraftet. In der wenigen Freizeit habe ich oft versucht, ins Fitnessstudio zu gehen oder Rad zu fahren. Das hat mir als Ausgleich viel gebracht. Sehr gut entspannen kann und konnte ich auch im Wald bei meinem Hobby: dem Holzmachen. Zudem hat mich immer meine Familie, vor allem meine Frau Edith, voll unterstützt. Mit ihr habe ich abends oft noch diskutiert und ihre Meinung eingeholt. Für mich war immer heilig: Eine Stunde am Abend gehört mir. Da habe ich eine Pfeife geraucht und ein oder zwei Gläschen Wein getrunken. Das war für mich meistens der Tagesabschluss.

ONETZ: Was steht für den ehemaligen Landrat in den nächsten Monaten und Jahren an?

Wolfgang Lippert: Die geplante Südafrika-Reise im Herbst haben wir um ein Jahr verschoben. Im September fliegen wir eine Woche nach Rhodos. Ansonsten halten mich meine vier Enkel auf Trab. Ich gehe weiterhin ins Fitnessstudio, erfreue mich bei der Gartenarbeit und bin viel mit dem Rad unterwegs. Zudem freue ich mich drauf, dass meine Frau diesen Monat in den Ruhestand geht. Dann haben wir eine gemeinsame Zukunft, die nicht mehr vom Beruf bestimmt ist.

Auch 2019 gab es ein Interview mit Wolfgang Lippert:

Tirschenreuth
Seit mehr als 20 Jahren macht der ehemalige Tirschenreuther Landrat Wolfgang Lippert das Holz für den eigenen Kamin selbst.
Ex-Landrat Wolfgang Lippert setzt die Motorsäge an.
Wolfgang Lippert konzentriert bei der Arbeit.
Wolfgang Lippert bei der Arbeit.
Seit über 20 Jahren als Hobby-Holzhauer im Hessenreuther Staatswald unterwegs, von links: Ben Skarupa, Wolfgang Lippert, Wolfgang Heser und Josef Fischer.
Im Blickpunkt:

Ex-Landrat genießt Ruhestand beim Holzmachen

Seit mehr als 20 Jahren schlägt der ehemalige Tirschenreuther Landrat Wolfgang Lippert das Holz für den eigenen Kamin selbst. Im Hessenreuther Wald, der zum Forstbetrieb Schnaittenbach gehört, war er heuer im Mai mit seinen drei Begleitern Ben Skarupa (sein Schwiegersohn), Wolfgang Heser und Josef Fischer unterwegs.

Freilich war auch hier Corona ein Thema und deshalb fielen die Pausen durch die Abstandswahrung nicht ganz so zünftig aus, wie das bisher der Fall war. Als alle vier Anhänger beladen waren, ging es zurück nach Hause.

Die Bäume, die das Quartett schlagen durfte, hatte vorher, wie jedes Jahr, Revierförster Hans Frisch mit roter Farbe gekennzeichnet. Selbstverständlich haben die vier Selbstwerber einen Motorsägenschein und die entsprechende Sicherheitskleidung. Nach wenigen Tagen im Ruhestand, wusste Lippert: "Jetzt ist Holzmachen noch viel entspannter als es bisher schon war."

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