01.01.2021 - 11:03 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Jeder Federstrich ein Kunstwerk für sich

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Brigitte Demmel widmet sich in ihrer Freizeit leidenschaftlich gern der aufwendigen und edlen Kunst der Kalligraphie. Für das Schönschreiben braucht es sehr ruhige Hände - aber die hat die 44-Jährige von Berufswegen her sowieso.

Künstlerin Brigitte Demmel widmet sich einer besonderen Art der schönen Künste: Der Kalligraphie. Schön schreiben ist für die 44-jährige Zahnärztin der Inbegriff für Ästhetik in der schriftlichen Ausdrucksweise.
von Ulla Britta BaumerProfil

Ihre Hand liegt ruhig auf dem Papier. Kein noch so kleines Zittern ist erkennbar, die Finger verschmelzen geradezu mit der Feder. Beinahe möchte man den Atem anhalten, um nicht zu stören. Brigitte Demmel zeichnet Buchstabe für Buchstabe in schwarzen Lettern auf einen weißen Blatt Papier, und sie lässt sich viel Zeit dafür. Zwar sind es vom Schriftbild her Buchstaben, aber bei Brigitte Demmel wird jeder zu einem ganz eigenen Kunstwerk: Die 44-jährige Zahnärztin, die in der Praxis von Dr. Alois Gradl in Tirschenreuth beschäftigt ist, widmet sich in ihrer Freizeit der hohen Kunst der Kalligraphie. "Dabei wollte ich das nie machen", erzählt sie lachend. Ihrer Mutter zuliebe sei sie mit zu einem Workshop nach Schwandorf zu Kalligraphin Andrea Paulus gefahren. Eher skeptisch, verrät sie offen, sei sie an die Sache herangegangen. "Dann hat es mich gepackt." Seither verbringt Demmel drei, vier Abende in der Woche damit, Buchstaben zu "zelebrieren".

Akribische Arbeitsweise

Ausnahmsweise sitzt sie diesmal im Atelier des Aquarellmalers Rudolf Jäger. Er hat die Tirschenreutherin eingeladen zum gemeinsamen Arbeiten und zu einer Präsentation ihrer Werke als Gastausstellerin. Demmel nahm das Angebot gern an. Die beiden sind befreundete Mitglieder im Kunstverein Tirschenreuth.

Rudi Jäger eröffnete 2020 eine eigene Kunstgalerie

Tirschenreuth

Während Jäger ein alter Hase ist, frönt Demmel ihrem Hobby erst seit fünf Jahren. "Aber man kann sofort schöne Ergebnisse erzielen", freut sich die Künstlerin, dass Kalligraphie schnell zu lernen ist. Neben Talent braucht es aber doch ein bisschen Geduld, sehr ruhige Hände sowie eine akribische Arbeitsweise. An Letzterem fehlt es der Zahnärztin nicht, ihr Beruf setzt exakte, technische Präzession voraus. Dass sie auch Talent hat, zeigen ihre Werke, die wohlwollend schön ins Auge des Betrachters stechen.

Regelmäßige Weiterbildung

Brigitte Demmel fand sich schnell im neuen Hobby zurecht. Zuhause, sagt sie, reiche ihr ein Schreibtisch. "Aber wenn ich einen Kurs besuche, ist mein Auto dennoch bis oben hin voll", fügt die 44-Jährige lachend an. "Ich habe mir deshalb ein größeres Auto mit mehr Kofferraum gekauft." Nach und nach sei ihr Fundus an Arbeitsmaterial gewachsen. "Beim ersten Kurs hatte ich wirklich nur einen Bleistift und eine Feder dabei." Die Workshops besucht Demmel regelmäßig, um sich fortzubilden in Schriftarten und der Ausarbeitung. Fingerkrämpfe seien dabei nicht auszuschließen, beschreibt sie. "Wir schreiben oftmals zwei Tage von morgens 7.30 Uhr an bis weit nach Mitternacht durch."

Ihr Material besorgt sie sich im Fachhandel, wo es von Pigmentfarben und gängigen Tinten bis hin zu normalen Acrylfarben alles gibt. In ihrem Tintenkasten befindet sich auch ein Gläschen der wichtigsten Tinte der Welt, der sogenannten "Eisengallustinte" für Dokumente. Licht- und farbenecht könne sie damit ihre Werke sozusagen konservieren, erklärt sie fachmännisch. Pens und Tintenpatronen gehören zu ihrer Ausrüstung ebenso dazu wie jede Menge Federn.

Selbstgefertigte Federn

Um unterschiedliche Breiten und Schattierungen zu erzielen, ist die Bandbreite der Arbeitsgeräte groß. Die Künstlerin holt eine sehr spitze, gespreizte Feder aus ihrem Federnarsenal. Je nach dem, wie viel Druck sie mit der Hand auf Schreibgerät und Papier ausübt, entstehen unterschiedliche Strichstärken, erklärt sie. "Als Leitfaden einer Kalligraphie wird immer ein Buchstabe sehr groß und besonders kunstvoll herausgestellt", verrät Demmel. Nicht immer seien Kalligraphen mit dem gängigen Fachmaterial zufrieden, erklärt sie weiter und zeigt auf einen Halter mit einem Stück zurecht gebogenen Blech als Feder. "Das ist eine Cola-Dose", erläutert die Tirschenreutherin lachend. "Es geht auch mit Fanta-Dosen." Mit Stärken von 0,5 bis 8 Millimeter und gut zehn unterschiedlichen Bandzug- sowie Spitzfedern inklusive einiger Pens arbeitet sich Demmel durch einen Spruch, ein Stichwort oder ein Gedicht. "Spitzfedern verwendet man für durchgehende Schriftzüge. Bandzug ist starke Striche", erklärt sie. Nicht allein die Feder macht's. Ausschlaggebend sei der Federstand. Dieser sei im Winkel zum Handgelenk mit 45 Grad und mit unterschiedlichem Druck aufzusetzen. Bis das geschriebene Wort zum Kunstwerk wird, vergehen gut vier bis fünf Stunden.

Begehrte Glückwunschkarten

Das Schriftbild sucht sich Demmel aus uralten oder modernen Schriftarten aus, die schönen Worte sammelt sie übers Jahr auf Notizzetteln. "Nicht alles darf verwendet werden wegen der Verletzung der Autorenrechte", verweist die Künstlerin auch hier auf Achtsamkeit. Nach fünf Jahren Erfahrung führt sie in vielerlei Schriftarten ihre Feder sicher übers Papier. "Kennt man eine, sind die anderen nicht mehr schwer", sagt Demmel bescheiden.

Bei Freunden begehrt sind ihre edlen Glückwunschkarten aus uralten Schriften wie der "Karolinischen Schrift" von Kaiser Karl IV. aus dem achten Jahrhundert, die "Antique" oder die "Andreas Variable".

Hintergrund:

Die Kunst des Schönschreibens

  • Kalligraphie nennt man die Kunst des Schönschreibens. Einen höheren Stellenwert wie in Europa hat Kalligraphie in Korea oder Japan. Auch ägyptische Hieroglyphen gehören dazu und wurden traditionell mit einer spitz zulaufenden Bambusfeder auf Papyrus geschrieben.
  • Im Mittelalter wurde Kalligraphie vor allem von Mönchen praktiziert, die einzig überhaupt schreiben konnten und die schöne Schrift zur Fertigung von meist religiösen Schriften und Büchern verwendeten. Kaiser Karl IV. hat die „karlonische Schrift“ während seiner Kaiserzeit eingeführt, weil er schöne Schriften fördern wollte.
  • Rudolf Jägers Galerie können die Kaligraphien von Brigitte Demmel bis 17. Januar besichtigt werden. Wegen Corona ist nicht geöffnet, jedoch dürfen Gäste auf Anfrage per Telefon (09631/3791) vorbeikommen.
  • Ab 25. Januar wäre eine größere Ausstellung im Porzellanmuseum Mitterteich geplant gewesen. Ob diese stattfindet, ist noch nicht sicher.

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