13.09.2019 - 16:45 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Feld Betriebshilfe schwer zu beackern

von links: Marion Höcht, Johann Scherm, Carolin Schrems und Heidi .....
von Norbert Grüner Kontakt Profil

Was sich nach viel anhört, reicht vorne und hinten nicht. Laut der Geschäftsführerin des Maschinen- und Betriebshilfsrings (MR) Tirschenreuth, Marion Höcht, und Personaldisponentin Carolin Schrembs, die auch fürs Marketing zuständig ist, sind über 50 Leute eingesetzt, die helfen können, wenn auf einem Hof Not am Mann oder Frau herrscht. Der MR selbst hat etwa 20 Betriebshelfer und Dorfhelferinnen angestellt. Dazu kämen noch mindestens 30 Selbstständige. "Summa summarum verfügen wir über etwa 55 Leute, bräuchten aber viel mehr und sind eigentlich immer am Limit", sagt Höcht. Als Hauptgrund für die schlechte Personallage nennt sie, dass immer weniger Berufsanfänger dieses Feld beackerten. Das sei früher anders gewesen, gingen viele nach der Landwirtschafts- oder Haushaltsausbildung als Betriebs- oder Haushaltshelfer und sammelten Erfahrungen. Ganz nach dem Motto der klassischen Betriebshilfe, die Erich Geiersberger, der Begründer der Maschinenringe, 1958 als klassische Nachbarschaftshilfe und Solidargemeinschaft ins Leben rief.

Organisation und Kosten

"Deshalb sind wir gezwungen, wollen wir Betriebshilfe gewährleisten, dass wir immer mehr Leute dafür anstellen, was eigentlich nicht das ursprüngliche Ziel war", sagt Carolin Schrembs. Der Hauptgrund dass nebenberufliche Helfer immer weniger würden läge in der stetig zunehmenden Arbeitsbelastung auf den eigenen Betrieben. Das bedeute für Maschinenringe immer mehr organisatorischen Aufwand und immer höhere Kosten. Viele Helfer seien in früheren Jahren von selbst gekommen und lange geblieben - was das Rückgrat der Betriebshilfe darstellte.

Heuer hätten, inklusive der Schüler aus Neustadt/Waldnaab, 25 junge Leute erfolgreich die Landwirtschaftsschule absolviert. Davon konnte der MR gerade mal einen für seine Betriebshilfe anstellen. Alle anderen müssten die Arbeitssituation zu Hause entlasten. "Eine schlechte Entwicklung für den Gedanken einer echten Solidargemeinschaft", so die Geschäftsführerin. Weil die Situation ist wie sie ist, seien ständig innovative Ideen gesucht. So gebe es beispielsweise Arbeitgeberpools, wo sich mehrere Landwirte in Zusammenarbeit mit dem MR selbst einen Betriebshelfer anstellen und teilen. Mittlerweile gäbe es auch Situationen, dass ein Helfer gleichzeitig auf zwei Betrieben eingesetzt sei.

In zwei Jahren feiert der MR Tirschenreuth 50. Geburtstag. In Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Bauernverband (BBV) betreibt der MR die gemeinsame Firma Ländlicher Betriebs- und Haushaltsdienst (LBHD). Um die 30 000 Stunden werden dabei im Jahr in der Betriebshilfe abgewickelt. "Den klassischen Nur-Haushaltseinsatz gibt es so eigentlich nicht mehr, da gehören heute auf jeden Fall auch der Stall und die Kinderbetreuung dazu", erklären Höcht und Schrembs. Grob könne man sagen der Betriebshelfer ersetzt den Bauern, die Dorfhelferin die Bäuerin. Gendermäßig gäbe es keine Einschränkungen, auch wenn beide Sprecherinnen noch nie gehört haben, dass ein Betriebshelfer im Haushalt unterwegs ist und kocht.

Auch privat

Auch im privaten Bereich hilft der MR weiter, wenn es um Entlastungs- und Verhinderungspflege oder haushaltsnahe Dienstleistungen gehe. Die Einsätze werden immer von der Kranken- oder Pflegekasse, bei letzterer mit Pflegestufe, bezahlt. Dabei gehe es nicht um die Pflege am Menschen. Entlastet werde in solchen Fällen immer die pflegende Person, etwa im Haushalt. Auch Alltagsbegleitung, wie etwa Arztbesuche, werden damit abgedeckt.

Auf dem Hof von Johann Scherm in Pullenreuth musste die Ehefrau wegen einer Operation ins Krankenhaus. Damit das nicht zum Problem auf dem Hof wurde, sprang die nebenberufliche Dorfhelferin Heidi Schraml aus Höll bei Pullenreuth ein. Die 40-Jährige führt zu Hause mit ihrem Ehemann einen Vollerwerbs-Ackerbaubetrieb. Auf dem Scherm-Hof war sie im wahrsten Sinne des Wortes Mädchen für alles.

Sie versorgte die Kühe auf dem Vollerwerbsmilchviehbetrieb genauso wie Enten, Gänse und Hühner, kümmerte sich um den Haushalt und betreute die beiden sechs- und zehnjährigen Kinder. Zwei Drittel der Zeit verbrachte sie mit Stallarbeit, den Rest im Haushalt. In den Job der Betriebshelferin, den sie seit neun Jahren ausübt, sei sie irgendwie hineingewachsen, sagt sie. Mehrere Wochen war sie auf dem Hof. "Der Job an sich macht wirklich Spaß", stellt sie fest. Betriebsleiter Johann Scherm war früher selbst 15 Jahre als Betriebshelfer tätig. Er ist froh, dass es diese Möglichkeit der Hilfe gibt.

Auch der 38-jährige Georg Meier aus Neuenreuth bei Erbendorf ist Betriebshelfer. Nach der Landwirtschaftsschule war er 20 und fing als Betriebshelfer an. Das ist heute sein Beruf. Eine Übernahme des elterlichen Hofs kam für ihn, der noch acht jüngere Geschwister hat, nie infrage. Sein letzter Einsatzort war der Hof von Martin Fütterer. Nach einem Leistenbruch war der Betriebsleiter eines großen Vollerwerb-Milchviehbetriebs fünf Wochen außer Gefecht und auf fremde Hilfe angewiesen.

"Die Einsätze für die Betriebshelfer werden immer kurzfristig geplant", sagt Marion Höcht. "Meist erfahren sie donnerstags oder freitags, wo sie am darauffolgenden Montag anreisen müssen." Weil sie ihr Handwerk gelernt hätten, könnten sie in jeden Betrieb gehen. In unserer Region werde schwerpunktmäßig Milchviehhaltung betrieben, aber Georg Meier war auch schon in Bullen- oder Schweinemästereien eingesetzt. Waldsassen oder Mitterteich sind nur zwei Orte, die relativ weit von zu Hause entfernt sind, in denen er aushalf.

"Die Arbeit geht nie aus", sagt er. "Betriebshelfer müssen sehr flexibel sein, weiß die MR-Geschäftsführerin. "Die Betriebe sind in der Warteschleife, nicht die Betriebshelfer."

Auch wenn Heidi Schraml zwischen jeder Menge Spielsachen kniet, Betriebshelferin ist keine Spielerei.
Georg Meier ist Betriebshelfer im Hauptberuf.
Heidi Schraml und Johann Scherm auf dem Boppenschneider-Hof
Solange der Betriebsleiter ausfällt ist Georg Meier mehr oder weniger der Bauer am Hof.
Hintergrund:

Wie man es auch drehe und wende bei den Betriebshelfern mangle es in jedem Bereich an Personal, sagt die Geschäftsführerin des MR Tirschenreuth, Marion Höcht. Deshalb sind auch Quereinsteiger zwischen 18 und 60 Jahren willkommen. Die größte Herausforderung dabei sei die zunehmende Komplexität in der Landwirtschaft. Die Technik sei heute reine Hightech und Automatisierung im Stall mit Melkrobotern und Futterautomaten schon beinahe Standard. Betriebshelfer seien sehr flexibel und hätten ihre eigenen Betriebe so angepasst, dass sie schnell reagieren könnten. "Das ist ein gut bezahlter klassischer Zuerwerb", sagt Höcht. Neben dem finanziellen Anreiz sei die Betriebshilfe an sich sehr abwechslungsreich. Unterschiedliche Betriebsstrukturen und -techniken erwarteten den Betriebshelfer, der selbst etwas dazulerne, weil kein Tag wie der andere sei. Betriebshelfer werden landkreisweit eingesetzt, wenn möglich in der Nähe des eigenen Betriebs. (tr)

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