06.08.2019 - 14:52 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Für Ausraster eine Woche Arrest

Anstatt sich helfen zu lassen, führte er sich auf wie die Axt im Walde. Ein Betrunkener verschaffte der Polizei auf dem Fichtelgebirgsradweg einen schwierigen Einsatz. Jetzt bekam der junge Mann vor Gericht einen Denkzettel.

Symbolbild
von Michaela Kraus Kontakt Profil

Es war schon stockdunkel, als der damals 19-Jährige Mitte Oktober 2018 mit seinem Fahrrad zwischen Mehlmeisel und Brand unterwegs war. „Ich hatte zu Hause schon Bier getrunken und eine Flasche Jägermeister dabei“, erinnerte sich der Angeklagte vor dem Jugendrichter in Tirschenreuth. Dann sei das Akku seines Handys leer gewesen. Ohne Navigation habe er sich auf dem Weg hingelegt und Schnaps getrunken: „Ich dachte nicht, dass noch jemand um diese Zeit den Radweg benutzt.“

Doch dann kam um 20.45 Uhr ein 59-jähriger Radfahrer aus Fichtelberg, sah den vermeintlich Gestürzten im Lichtkegel und wollte ihm aufhelfen. „Dann habe ich gemerkt, dass er betrunken ist und wollte ihn nicht so liegen lassen“, schilderte der Mann vor Gericht. Der junge Mann nahm die Begleitung zögerlich an, konnte sich aber nicht mehr auf dem Fahrrad halten. Der Helfer alarmierte schließlich die Polizei, doch das löste einen Aggressionsschub bei dem 19-Jährigen aus: Er stürzte sich überraschend auf den telefonierenden Helfer. Der fiel hin, holte sich dabei eine dicke Beule am Hinterkopf und aufgeschürfte Knie.

Als die Polizei aus Kemnath am Ort des Geschehens mitten im Wald eintraf, war der Angeklagte auf 180: „Er war sehr aggressiv und schrie herum. Da war kein normales Gespräch möglich“, berichtete ein Beamter. Während er das Polizeiauto auf dem schmalen Radweg wendete, kümmerte sich sein Kollege um den jungen Mann.

Unvermittelt angesprungen

„Er war sehr aufgeregt und beschimpfte den Helfer, weil er uns gerufen hatte. Ich bot ihm an, ihn schiebend nach Mehlmeisel zu begleiten“, schilderte der Polizist. „Dann sprang er mich völlig unvermittelt an und ich fiel mit voller Wucht mit dem Gesicht auf den Schotterweg.“ Wegen etlicher Schürfwunden und einer schmerzhaften Rippenprellung war der Beamte anschließend eine Woche dienstunfähig.

Mit vereinten Kräften gelang es den beiden Polizisten, den renitenten jungen Mann zu fesseln und ins Auto zu verfrachten. Übereinstimmend berichteten die Beamten, dass er um sich schlug, nach ihnen trat und sie mit unflätigen Worten beschimpfte. An Händen und Füßen fixiert wurde er zur Dienststelle nach Kemnath gebracht, wo die Tiraden weitergingen. „Er hat sich extrem aufgeführt und war nicht zu beruhigen“, sagte der Beamte, der den Betrunkenen in Empfang nahm und mit in die Zelle schleppte. Ein Alkoholtest zwei Stunden nach der Begegnung auf dem Radweg ergab noch 2,25 Promille.

Der Angeklagte entschuldigte sich vor Gericht bei allen Geschädigten einzeln. Er könne sich alkoholbedingt weder an die Tätlichkeiten noch an die Beschimpfungen erinnern, machte er einen Filmriss ab dem Zeitpunkt geltend, als ihn der Radfahrer ansprach und wissen wollte, wo er wohnt und wie er heißt. Erst am nächsten Morgen sei er wieder zu sich gekommen.

„Es tut mir leid“

Damals habe er öfter getrunken, weil er arbeitslos und ohne Freundin nicht viel mit sich anzufangen wusste. Jetzt trinke er keinen Schnaps mehr. Seine jetzige Freundin habe ihn zur Vernunft gebracht. „Es tut mir leid“, wandte sich der junge Mann an die Polizisten. Die Beleidigungen seien nicht so gemeint gewesen.

Weil der Angeklagte nicht vorbestraft ist, geständig und reuig war, fiel der Antrag von Staatsanwältin Nicole Asmus gemäßigt aus: Eine Woche Dauerarrest und 20 Stunden gemeinnützige Arbeit. Der Vertreter der Jugendgerichtshilfe aus Bayreuth hatte dem jungen Mann Reiferückstände attestiert. Das sah auch Richter Wolfgang Höreth so und verurteilte den heute 20-Jährigen nach Jugendstrafrecht. Wegen vorsätzlicher Körperverletzung, Beleidigung, tätlichen Angriffen und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte verhängte er eine Woche Arrest und 20 Sozialstunden.

750 Euro Schmerzensgeld

Im Gerichtsverfahren wurde gleich auch die zivilrechtliche Seite erledigt: Mit der Zahlung von 750 Euro Schmerzensgeld für den verletzten Polizisten und 628 Euro Schadenersatz für dessen Brille erklärte sich der 20-Jährige einverstanden.

Richter Höreth redete dem Angeklagten ins Gewissen, eine Lehre abzuschließen und arbeitsmäßig wieder auf die Füße zu kommen. Den alkoholbedingt kompletten Filmriss nahm er ihm nicht ganz ab. Man müsse froh sein, wenn es Menschen gebe, die andere nicht einfach hilflos liegen lassen: „Es war schon Oktober. Wer weiß, wie kalt es in der Nacht geworden wäre.“ Stattdessen habe der Radfahrer die Helfer angegriffen und beschimpft. Die Entschuldigungen vor Gericht wertete Höreth als glaubhaftes Eingeständnis, einen „Riesenfehler“ gemacht zu haben. Das kommentierte der junge Mann, der das Urteil sofort annahm, mit heftigem Nicken.

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