21.02.2019 - 17:43 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Mit großer Leidenschaft und Visionen

Max Gleißner gilt als der Begründer der modernen Geschichtsschreibung in Tirschenreuth. Mit seiner Entdeckerleidenschaft und seiner Freude am Umgang mit jungen Menschen hat er eine ganze Generation für die Geschichte der Stadt gewonnen.

Im Fischhofpark finden sich die beiden wichtigsten Brücken von Tirschenreuth, links die Muttone-Granitquader-Brücke aus dem 18. Jahrhundert, rechts die moderne Spannbandbrücke aus Holz und Stahl, die an den Visionär Max Gleißner erinnert.
von Externer BeitragProfil

Eberhard Polland, Franz Krapf, Harald Fähnrich oder Günter Träger ließen sich mitreißen und sind mit ihren Arbeiten heute noch die tragenden Säulen der Heimatforschung in der Kreisstadt. Wer war dieser kleine, drahtige Mann, der am Sonntag vor genau 100 Jahren, am 24. Februar 1919, in Tirschenreuth geboren wurde?

Seine Eltern waren der Schreinermeister Ernst Gleißner und dessen Ehefrau Franziska, geborene Fritsch. Von 1925 bis 1930 besuchte er die Volksschule in Tirschenreuth. Durch den Einfluss von Kooperator Josef Kraus kam er ins Bischöfliche Knabenseminar nach Metten.

Einberufung in Wehrmacht

Nach dem Abitur 1938 und Arbeitsdienst wurde das begonnene Studium der Germanistik jäh durch die Einberufung in die Wehrmacht unterbrochen. Nach Kriegseinsatz und fünfjähriger Gefangenschaft in Afrika kam Gleißner im April 1948 wieder in Deutschland an. Eines war klar für ihn, er wollte Lehrer werden. Germanistik war überbelegt, so entschied er sich für Romanistik. Schon nach sieben Semester schließt er sein Universitätsstudium ab und beginnt seine Laufbahn als Lehrer. 1959 führt ihn diese endlich zurück in die Heimat an die Städtische Oberrealschule, das spätere Stiftland-Gymnasium. So richtig bedeutend für die Stadt wurde er aber mit seinem bürgerschaftlichen Engagement. Als Kommunalpolitiker saß er von 1972 an 12 Jahre im Stadtrat, als Leiter des Volksbildungswerkes (1962 bis 1966) baute er unter anderem die Sternwarte.

Erfolgreiche Arbeit

Am 3. Juli 1973 wurde in der Brauerei Baierl der Historischen Arbeitskreis im Oberpfalzverein gegründet. Auf Drängen von Klaus Arbter übernahm er vorübergehend die Leitung, allerdings wurde aus dem Provisorium ein Dauerzustand und der Start einer 20 Jahre dauernden, sehr erfolgreichen Arbeit. Max Gleißner hatte seine Berufung gefunden, die Familie musste mitziehen. "Oft saß ich tagelang an den Zeichnungen für meinen Vater", erzählte Sohn Thomas Gleißner, damals nicht so ganz begeistert von der Arbeit seines Vaters. Die Ehefrau Margot dagegen teilte die Leidenschaft ihres Mannes, sie ist heute noch aktives Mitglied im HAK. Und was er alles mit diesem Gremium bewegte. Zahllose Ausstellungen, etwa über Johann Andreas Schmeller wurden auf die Beine gestellt, vier Bände "Tirschenreuth im Wandel der Zeit" erschienen unter seiner Federführung. Da wurde das alte Schloss der Äbte des Kloster Waldsassen wiederentdeckt. Damit wurde auch der weltliche Teil des Klosters Waldsassen wieder ans Licht geholt. Er verfasste viele Artikel zur seiner "Stadt der Äbte" dazu viele Zeichnungen (oft von Thomas Gleißner).

1983 erschien dazu ein Beitrag im vom Kreisheimatpfleger Franz Busl herausgegeben Buch "Waldsassen - 850 Jahre Stätte der Gnade". In der St.-Peter-Kirche, der wahrscheinlich ältesten Kirche des Stiftlands, wurde jahrelang gegraben. Harald Fähnrich hat dazu viel publiziert. Im Alleingang entdeckte Max Gleißner 1985 das Geburtshaus von Johann Andreas Schmeller, dem großen Sohn der Stadt. Günter Träger inspirierte er, sich um den Aufbau des ersten Fischereimuseums in der Oberpfalz zu kümmern. 1982 wurde es eingeweiht, noch heute zieht es als Teil des Museumsquartiers jährlich viele Hundert Besucher an.

Krippenkultur erweckt

Eine seiner wirklichen Meisterleistungen war die Erweckung der Tirschenreuther Krippenkultur aus einem jahrzehntelangen Tiefschlaf. Ausgangspunkt war laut Alfred Mehler die Suche nach einer Tirschenreuther Tracht. Mehler schlug vor, sich doch die alten, oft über 150 Jahre alten Krippenfiguren der Tirschenreuther Meister anzusehen. Gesagt, getan. Und wie bei Max Gleißner üblich, entstand eine Leidenschaft, die seinesgleichen sucht. Er besuchte alle Tirschenreuther Krippenbesitzer und hielt deren alte Kunstwerke fotografisch fest. 1987 erschien sein Tirschenreuther Krippenbuch. Längst vergriffen, ist es neben dem 1976 erschienenen und von Bezirksheimatpfleger Adolf Eichenseer herausgegebenen Büchlein "Die wahrhaft göttliche Komedi" das Standardwerk über die Krippenkunst in und um Tirschenreuth. Es folgten die Organisation von großartigen Krippenschauen, die sich alle 5 Jahre in der Kreisstadt wiederholen. Die aktuellste schloss vor wenigen Wochen, über 5000 Zuschauer wurden gezählt.

Im Mittelpunkt all seines Bestrebens stand aber von Anfang an ein anderes Projekt, die Wiederanlage des alten, oberen Stadtteichs. Er begeisterte zahlreich junge Mitglieder des Historischen AK für diese Idee, wenn er auch von vielen Bürgern belächelt wurde. Aber er ließ sich über die Jahrzehnte nicht beirren. Wie groß seine visionären Eigenschaften waren, bewies er bereits 1975. Er veröffentlichte eine Broschüre mit dem Titel:" Erholung und Freizeit auf dem See oberhalb der Fischhofbrücke". Einfach unglaublich, er sah die Zukunft in einer Zeit, in der wirklich kaum jemand ernsthaft daran glaubte, dass der alte, obere Stadtteich jemals wieder angelegt wird. Aber er arbeitet unablässig daran, nervte ab und an auch die Mitglieder des HAK, als er nicht von seiner Idee ließ. 1992 konnte er schließlich im Stadtrat dazu seine Pläne und Zeichnungen präsentieren. Bürgermeister Franz Fink winkte ab, kein Geld. Es gab Stadträte, die fürchteten ernsthaft ein Mehr an Mücken und Nebel für die Kreisstadt. Letztendlich wurde der Vorschlag "wohlwollend" zur Kenntnis genommen und zu den Akten gelegt.

Vision wird Realität

Aber genau in dem Gremium trifft 1992 Max Gleißner auf den Mann, der seine Vision tatsächlich in die Tat umsetzten wird. Als Bürgermeister baute Franz Stahl aus dem Memorandum die Bewerbung für die Gartenschau und erhielt 2013 den Zuschlag. Damit wurde die Vision Gleißners von der "Seestadt" Wirklichkeit. Der neue Stadtteich ist zwar um einiges kleiner als das Original, aber der Begeisterung der über 250 000 Besuchern der Gartenschau und der Tirschenreuther tat dies keinen Abbruch.

Gleißner hat das alles nicht mehr erlebt. Er starb, viel zu früh, am 18. Februar 1993. Im Fischhofparkareal wurde ihm zu Ehren eine Brücke auf seinen Namen getauft. Eine moderne Spannbandbrücke, in Blickweite zur steinernen Muttone-Fischhofbrücke aus dem 18. Jahrhundert. Es symbolisiert so eindrucksvoll und auf wunderbare Weise die beiden Dinge, die Max Gleißner wichtig waren: Die Geschichte gilt es zu bewahren, um die Moderne zu gestalten.

Max Gleißner bei seiner Entlassfeier in der Schule 1981.
Literatur-Tipp:

Wer mehr zu Max Gleißner wissen will, kann dies auch bei Werner Hösl nachlesen. „Tirschenreuther Lebenswege“, erschienen 2007, Seite 69, „Das Leben von Max Gleißner“.

Hintergrund:

Erinnerungen an Max Gleißner

- Bürgermeister Franz Stahl: „Max Gleißner war ein Glücksfall für seine Heimatstadt. Seine ungeheuere Schaffenskraft, seine Begeisterungsfähigkeit, aber auch seine Zähigkeit im Erreichen seiner Ziele haben Tirschenreuth verändert. Dazu gehört seine Vision von der Wiederanlage des Oberen Stadtteiches. Es war eine der schönsten, erfüllendsten und nachhaltigsten Aufgaben in meiner Zeit als Bürgermeister, diesen ‚Traum‘ mit der Gartenschau 2013 Wirklichkeit werden zu lassen. Der Fischhofpark hat Max Gleißner ein bleibendes Denkmal gesetzt.“

- Alfred Mehler: „In Bezug auf die Neuanlage des Stadtteiches war er einfach ein sturer Hund“, beschreibt Mehler lächelnd seinen Weggefährten und Freund. Auch ihn hatte Max Gleißner für den Historischen Arbeitskreis geworben. Noch heute ist Mehler aktives Mitglied und präsentiert immer wieder interessante Themen, auch aus der Firmengeschichte der Tuchfabrik.

- Franz Krapf: „Sooft wir auch Neues anpacken, immer stellen wir fest, dass der Max Gleißner schon da war und die Themen umfassend erarbeitet hat“, erzählt Franz Krapf, der heute den Historischen Arbeitskreis leitet. In der Nachfolge von Max Gleißner ist es seine Aufgabe, die Geschichte der Stadt weiter zu erforschen und historisch wichtige Bauten zu erhalten

- Leonhard Kühn: „Max Gleißner war begeistert von unserer Hauskrippe“, erzählt der Musl-Harti. Es war der indigoblaue Mantel des Sterndeuters, der zur blauen Tirschenreuther Tracht führte. Selbst Bezirksheimatpfleger Adolf Eichenseer ließ sich überzeugen und stimme der Farbe zu. Der gesamte Spielmannszug wurde 1972 damit ausgerüstet.

- Eberhard Polland: „Wir waren oft unterwegs wie Jesus mit seinen Aposteln“, erzählt lachend Eberhard Polland, der heute Stadtheimatpfleger in Tirschenreuth ist. „Er marschierte voraus und wir Lehrlinge hinterher.“ Ganz in der Tradition von Max Gleißner – erzählt er in seinen vielen Büchern und Artikeln die großen und kleinen „Stod-Gschichdn“, die diese Stadt ausmachen.

- Gerald Röckl: Der Schwaner-Apotheker und ehemaliger Schüler, meinte zum Lehrer Max Gleißner: „Wer was Lernen wollte, der konnte das wirklich gut bei ihm. Und die, die nicht wollten, die hat er halt mitgeschleift. Durchfallen ließ er zu meiner Zeit kaum jemanden.“

„Sooft wir auch Neues anpacken, immer stellen wir fest, dass der Max Gleißner schon da war und die Themen umfassend erarbeitet hat“, erinnert sich Franz Krapf.
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