24.08.2018 - 12:02 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Handwerkerraum statt Museum

Die Geräte der Fassbinderei Mickisch ziehen um: Aus einer alten Scheune bei Tirschenreuth in eine gemauerte Halle nahe Matzersreuth. Die neue Unterkunft soll auch Interessierte anlocken, hofft der Arbeitskreis "Historisches Handwerk".

Bürgermeister Franz Stahl (Vierter von links) stattet den Mitgliedern des Arbeitskreis „Historisches Handwerk“ beim Umzug von Tirschenreuth nach Matzersreuth einen Besuch ab.
von Redaktion ONETZProfil

Der Tirschenreuther Arbeitskreis (AK) "Historisches Handwerk" beschränkt sich nicht nur auf das Inventar der Firma Mickisch. Seit über 20 Jahren sammelt und archiviert der Verein neben den Geräten Werkzeuge, Rohstoffe, Produkte, Pläne, Hobel sowie Fässer und speichert sie für die Nachwelt.

Den Anfang hat die Geschichte 1997. Drei alten Maschinen, die einst der Fassbinderei Mickisch gehörten, sind in einer städtischen Scheune am früheren Hamm-Gelände in der Falkenberger Straße deponiert. Denn nach Auflösung der Fassbinderei erbte die Familie Zintl die alten maschinellen Helfer und übergab sie der Stadt. Zeitgleich erfolgte die Gründung des Arbeitskreises "Historisches Handwerk" mit Vorsitzenden Herbert Konrad aus Matzersreuth und Alexander Zintl. Mit den Geräten wurden früher Holzfässer professionell in Serie hergestellt. "Alle Maschinen wären sonst am Schrottplatz gelandet, obwohl fast alle funktionsfähig sind", so Konrad. Laut Inventarliste der Firma Mickisch gibt es weit über 10 000 Teile einschließlich mehrerer Spezialmaschinen, die je mindestens eine Tonne wiegen, wie eine Stemm-, Daubenbiege- oder Fügemaschine.

Suche dauert 20 Jahre

Nun steht der Umzug an. Eine langfristige Lagerung wäre in der kleinen, undichten Scheune nicht mehr möglich gewesen. Sogar Bürgermeister Franz Stahl plädiert sehr auf den Umzug: "Der Schuppen wurde von der Stadt als Notlösung mehr schlecht als recht bereitgestellt. Nur leider ist es nicht so einfach, einen geeigneten Raum zu finden." Konrad versuchte 20 Jahre lang, einen Platz in der Nähe von Tirschenreuth zu finden - die insgesamt 30 Mitglieder, die größtenteils fortgeschrittenen Alters sind, sollten die Stücke schnell erreichen können.

Letztendlich überredet Konrad seinen Neffen, seinen leerstehenden Stall in Matzersreuth für den AK bereitzustellen. "Der neue Raum ist nichts im Vergleich zum bisherigen. Das Gebäude hat einen Betonboden, Wasser, Strom und bietet mit 200 Quadratmetern viel Platz, um alles übersichtlich aufzustellen", freut sich der Vorsitzende über die Alternative. Die Kosten für Miete und Strom belaufen sich jährlich auf ungefähr 800 Euro und werden von der Stadt getragen, die den Verein von Anfang an unterstützte.

Sofort einsatzbereit

Im neuen Domizil können die Mitglieder des "Historischen Handwerks" die Geräte sanieren, säubern und ordentlich aufstellen, um das alte Handwerksgut zu erhalten. Bei der Gelegenheit sortiert der Verein gleich aus: "Nicht alles konnte übernommen werden, manches war einfach zu alt und nicht mehr gebrauchsfähig." Egal ob Bandsäge, Blasebalg oder Hobelmaschine, die Geräte können sofort in Betrieb gesetzt werden.

"Es ist faszinierend, wie man wichtige Gegenstände so einfach herstellen kann. Eine Rundholzfräse mit verschiedenen Messern fertigt Stäbe und mit der Seilwinde bekommt man ein Drahtseil, um schwere Last zu transportieren", erklärt AK-Mitglied Franz Zölch. Von besonderem Wert sind die beiden Daubenbiege-Maschinen, die je mindestens 1,5 Tonnen wiegen. Eine Herausforderung beim Umzug. Die Maschine biegt mit Druck in gerades Holz eine Wölbung, um später daraus ein Fass zu bauen.

Der Arbeitskreis möchte mehr Leute für das alte Handwerk begeistern. Aber noch befindet sich der Verein in mitten des Umzugs: "Es gibt noch viel zu tun, bis man alles geordnet der Öffentlichkeit zeigen kann. Trotzdem wollen wir einen Tag der offenen Tür einführen, um die Geräte der Allgemeinheit zugänglich zu machen", so Konrad.

Wissen weitergeben

"Auch Besen machen oder Stricke schlagen - Attraktionen, die auf Weihnachtsmärkten und Ähnlichem sehr beliebt sind, müssen anderen beigebracht werden, bevor sie in Vergessenheit geraten. Bei uns ist bereits jeder mit Eifer dabei, obwohl keiner das Handwerk jemals ausgeübt hat. Es wäre schön, wenn auch andere hinzukommen", wünscht sich Zintl. "Jeder, der sich mit einbringen will, ist willkommen." In Matzersreuth befindet sich sogar eine kleine Werkstatt, in der die Mitglieder hobbymäßig selber werkeln können. So stehen im Regal bereits ein paar Holzbottiche, die nach alter Methode mit dem Schnitzmesser angefertigt wurden.

Sammeln und bewahren

Auch der jahrelange Traum, die Geräte wieder in Betrieb zu setzen, soll endlich in die Realität umgesetzt werden. Dazu möchte das "Historische Handwerk" eine Transmission mit Riemen an der Wand anbringen. Ein großes Problem ist allerdings die fehlende Ausübung. "Gern würden wir auch mal ein Fass herstellen, aber in weitem Umkreis macht das niemand mehr. Alle anderen Fass-Produzenten wie in Bad Windsheim oder München stellen maschinell her. Außerdem bräuchte man dafür Eichenholz, das fünf Jahre trocken lagern muss, bevor man es gebrauchen kann", weiß Konrad.

Sammeln, bewahren, vermitteln, erforschen ist das Bestreben des Arbeitskreises. Aber: "Alles können wir auch nicht brauchen, zumal unsere Lagerkapazität knapp ist. Wir sind heilfroh, dass wir das bisherige erhalten konnten."

Der Arbeitskreis kann die alten Geräte im ehemaligen Stall säubern und herrichten, um die Maschinen später der Öffentlichkeit zu präsentieren.
Herbert Konrad transportiert das historische Blasebalg mit dem Traktor in das neue Domizil. 200 Quadratmeter Platz bietet die Lagerhalle.
Der Arbeitskreis bewahrt nicht nur auf, sondern stellt auch selbst Altertümliches mit historischen Geräten her – wie diese Holzbottich.
Die Scheune in Matzersreuth bietet insgesamt 200 Quadratmeter Platz, um alle Maschinen aufzustellen.
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