13.10.2019 - 13:42 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Inklusion hat viele Gesichter

Was steckt genau hinter dem Wort "Inklusion"? Zum Start einer neuen Serie im "Neuen Tag" erklärt Sozialpädagogin Christina Ponader, was zu einem vielfältigen Miteinander im Landkreis Tirschenreuth beiträgt.

Das Vereinsleben ist nur einer von vielen Bereichen, in denen der Landkreis Inklusion voranbringt.
von Redaktion ONETZProfil

Wenn der Begriff Inklusion fällt, weckt das oft verschiedene Bilder im Kopf. Ein Mensch, der im Rollstuhl sitzt, ein Kind mit Behinderung. Doch meist haben Menschen nur eine begrenzte Vorstellung davon, was es heißen kann, in einer inklusiven Gesellschaft zu leben. "Das Wort Inklusion umfasst viele Bereiche", sagt Sozialpädagogin Christina Ponader vom Netzwerk Inklusion des Landkreises Tirschenreuth.

Bei Inklusion gehe es vor allem um ein vielfältiges Zusammenleben. Eine Gesellschaft, in der jeder so leben kann, wie er möchte und für sich entscheiden kann, was er will und braucht. Inklusion beschränkt sich demnach nicht auf Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung, sondern kann Themen wie Alter, Herkunft, Geschlecht, Einkommen oder auch den Unterschied von Stadt und Land betreffen. Alle Menschen sollten in gleichem Maße mitbestimmen können und selbstbestimmt leben können. Menschen mit Behinderung kann das in erhöhtem Maß betreffen.

Ziel sei es, dass es selbstverständlich werde, dass jeder Mensch mit dabei ist. Die gesetzliche Grundlage dafür liefern zunächst die Grundrechte, die im Grundgesetz verankert sind. Respekt und Menschenwürde sind Rechte, die jedem Einzelnen zugeschrieben sind. Auch die UN-Behindertenrechtskonvention ist ein Übereinkommen, das die Rechte von Menschen mit Behinderung sichert und sie sichtbar macht.

Barrierefreiheit ist laut Ponader nicht nur baulich zu verstehen, sondern auch unter Gesichtspunkten wie Sprache, Mobilität und Politik. Bei baulicher Barrierefreiheit sei zunächst auf Menschen mit verschiedenen Arten von Behinderungen zu achten. So haben Menschen mit Seh- oder Hörschwierigkeiten etwa andere Bedürfnisse als Menschen, die sich mit einem Rollstuhl fortbewegen. In der Umgebung stellen gerade ältere Behörden-Gebäude Architekten und Mitarbeiter vor Herausforderungen. Eine optimale Situation in historischen Häusern zu schaffen, sei oft schwierig umzusetzen. "Wichtig ist aber, sich damit auseinanderzusetzen, zu machen, was möglich ist", findet Christina Ponader. So sei es zunächst wesentlich, dass jeder zumindest die zentralen Anlaufstellen erreichen kann.

Weiterhin ist der Gebrauch verständlicher Sprache für viele Menschen notwendig, um etwa Schreiben von Behörden verstehen zu können. Sprache müsse so gestaltet sein, dass jeder mindestens die Texte verstehen kann, die für die wesentlichen Alltags-Bereiche von Bedeutung sind. Die Werkstatt "Verständliche Sprache" arbeitet dafür zum Beispiel gemeinsam mit Menschen mit Behinderung aktiv daran, Texte verständlicher zu verfassen. Auch in der Betriebsgestaltung sollte darüber nachgedacht werden, wie alle miteinbezogen werden können, so dass der Arbeitsmarkt für jeden offen ist.

Im Hinblick auf politische Strukturen ist der Inklusionsbeirat ein wichtiger Pfeiler in der Region. Die Verantwortlichen helfen, Angebote zur Vernetzung zu schaffen und diese zu stärken. In den Gemeinden gibt es meist bereits Behinderten- oder Seniorenbeauftragte, die dazu beitragen, dass Betroffene ihre Möglichkeiten kennen, und wissen, an wen man sich wenden kann. Jeder sollte sich gewissermaßen in politisches Geschehen einbringen und seine Ideen vorbringen können. Zur politischen Bildung trägt etwa die Demokratie-Werkstatt bei, die Veranstaltungen des Netzwerks Inklusion, des Kreisjugendrings und der Volkshochschule des Landkreises Tirschenreuth anbietet. Behandelte Themen sind zum Beispiel Aufgaben von Politikern, Gesellschaftsgestaltung, der Umgang mit Vorurteilen und Nachhaltigkeit.

In der Freizeit kann es gerade für Erwachsene jedoch schwierig sein, Begegnungen verschiedenster Menschen zu ermöglichen. Um mehr Austausch schaffen zu können, bietet die Selbsthilfegruppe Behinderte und Nichtbehinderte beispielsweise Freizeitveranstaltungen an, die für Menschen mit Behinderung geeignet sind und zu denen jeder eingeladen ist. Auch das Vereinsleben kann dazu dienen, sich über gemeinsame Interessen zu unterhalten. Jedoch habe man an manchen Stellen vielleicht noch nicht daran gedacht, bestimmte Zielgruppen mit einzubeziehen. Gerade deshalb sei es wichtig, diese zu bestärken mitzumachen und ohne Vorbehalte zusammenzuarbeiten. Es sei das A und O, die Beteiligten dazu zu ermutigen, sich gegenseitig zu unterstützen, da sie oft unsicher seien oder sich nicht genug zutrauen.

Im Landkreis Tirschenreuth sowie in der Umgebung wollen die Verantwortlichen dafür die entsprechenden Voraussetzungen schaffen und dafür sorgen, dass ein gewisses Bewusstsein für Möglichkeiten in verschiedenen Lebensbereichen entsteht. Der Landkreis habe für jeden der genannten Gesichtspunkte gute Beispiele, bei denen er Inklusion auf unterschiedliche Weise voranbringt. Die Entwicklung zu einer Gesellschaft, in der sich alle Menschen auf Augenhöhe begegnen können, sei jedoch nicht von heute auf morgen möglich. "Es ist ein ständiger Prozess", sagt Sozialpädagogin Christina Ponader. Veranstaltungen, Projekte und Informationen rund um Inklusion seien sehr wichtig, aber für Veränderungen müsse jeder selbst bereit sein. Um herauszufinden, was man selbst tun kann, sei es hilfreich, sich für Gespräche und neue Gedanken zu öffnen. Zudem könne jeder sein Verhalten und seine Einstellungen überprüfen. Das könne auch Dinge betreffen, die man "eigentlich nur gut meint". Statt einfach anzunehmen, was eine andere Person gerade braucht oder möchte, könne man anderen Menschen Raum geben, für sich selbst zu sprechen.

Hintergrund:

Zum Thema "Inklusion im Landkreis" wirft der "Neue Tag" in einer neuen Serie einen Blick darauf, was Inklusion bedeuten kann. Dabei werden in Artikeln, die in unregelmäßigen Abständen erscheinen, beispielhaft verschiedene Einrichtungen und Personen vorgestellt, die zu einem inklusiven Landkreis beitragen.

"Das Wort Inklusion umfasst viele Bereiche", sagt Sozialpädagogin Christina Ponader vom Netzwerk Inklusion im Landkreis Tirschenreuth.
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