10.11.2020 - 13:06 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Inklusion mit Leidenschaft und Augenmaß

Für die ersten Oberpfälzer Inklusionsgespräche war Improvisationstalent gefragt. Schließlich brachte Corona die über einjährige Planung gehörig durcheinander. Aber die Organisatoren schafften es, ein Programm auf die Beine zu stellen.

Schirmherr und Bezirkstagspräsident Franz Löffler, zugeschaltet aus Cham, lobte die Einbindung von Gebärdendolmetscherinnen sowie deutsch-tschechischer Dolmetscherinnen.
von Externer BeitragProfil

Die ersten Oberpfälzer Inklusionsgespräche zum Thema „10 Jahre UN-Behindertenrechtskonvention – wo stehen wir?“ waren ein besonderer Fachtag: oberpfalzweit, deutsch-tschechisch, digital, barrierefrei und hochkarätig besetzt.

Seit September 2019 liefen laut Mitteilung die Vorbereitungen für einen neuen, innovativen Fachtag mit einem neunköpfigen Vorbereitungsteam aus dem Netzwerk Inklusion unter der Leitung von Christina Ponader. Zwei Wochen vor dem Termin änderte sich aber wegen der aktuellen Coronakrise die Lage. Verschieben oder auf ein digitales Format umstellen waren die Lösungsansätze. Die Veranstalter Netzwerk Inklusion Landkreis Tirschenreuth und der Lebenshilfe-Kreisvereinigung Tirschenreuth entschieden sich für Letzteres und sind froh darüber: „Es war eine erfolgreiche und vielfältige Veranstaltung. Mit 40 angemeldeten Teilnehmern aus der ganzen Oberpfalz und der Partnerregion Marienbad sowie weiteren Ehrengästen sind wir zufrieden“, sagt Christina Ponader.

Beispiel Schule

Der Vormittag der Veranstaltung war stärker theorieorientiert und dem Oberthema UN-Behindertenrechtskonvention zugeordnet. Professor Reinhard Markowetz von der LMU München und Professor Hans Wocken schilderten in ihrem Vortrag anhand des Beispiels Schule, wie Inklusion gelebt wird. Einerseits steigen die Inklusionsquoten – die Zahl der Inklusionsschüler in den vergangenen zehn Jahren hat sich verdoppelt. Seit 2015/16 steigen jedoch die Zahlen der Schüler mit Behinderung in den Förderschulen wieder. Die beiden Referenten benannten dafür mehrere Gründe: ein nur langsamer Wandel der Einstellungen und Haltungen, gesellschaftliche Interessen, die Kompetenzen der Lehrer und eine systematische Unterfinanzierung.

Sie forderten: klare Benennung und Zuständigkeiten, den Aufbau einer inklusiven Grundschule, bürgerschaftliche Netzwerke und eine Inklusion mit „Leidenschaft und Augenmaß“.

Gesellschaftliche Teilhabe

In einem zweiten Vortrag gab Professor Rainer Schliermann von der OTH Regensburg einen Blick auf die Praxis. Inklusion könne nicht nur anhand von Teilhabefaktoren und Zahlen gemessen werden, sondern entscheide sich vor allem auch auf der psychologischen Ebene: Fühle ich mich dazugehörig und wohl an dieser Stelle? Er beleuchtete die Bereiche Arbeit und Freizeit, insbesondere den Sport.

„Humor und Behinderung“

Einen dritten Einblick besonderer Art gewannen die Teilnehmer durch ein Interview mit Karikaturist und Cartoonist Phil Hubbe zu „Humor und Behinderung“. Er ist bekannt für seine Cartoons zum Thema Behinderung. Er stellte die These auf, dass Humor zum Leben mit dazu gehöre, man durch Humor vieles einfacher bewältigen könne und leichter ins Gespräch kommen könne. Seine Zeichnungen dürften gerne Widerspruch hervorrufen und damit Diskussionen anstoßen. Wichtig sei es, das Thema Behinderung in all seinen Facetten sichtbar zu machen. Das sei auch besonders der Wunsch von Betroffenen. Psychische Behinderungen seien schwer darzustellen, aber auch dieser Gruppe sei es wichtig, dargestellt zu werden.

Einblicke in Selbsthilfegruppe

Der Nachmittag war stärker praxisorientiert und griff vor allem die weiteren Facetten von Inklusion auf: im Alltag, in unseren Wertvorstellungen, im Gender-Bereich, bei Arbeit und Ausbildung und in der Erwachsenenbildung. Mit dabei war unter anderem die Selbsthilfegruppe Behinderte und Nichtbehinderte für den Landkreis Tirschenreuth. Sie besteht seit 30 Jahren und mache „schon immer Inklusion“. Mit aktuell 13 Untergruppen bzw. Angeboten und über 300 Mitgliedern ist sie eine der größten Selbsthilfegruppen. Viele ihrer Angebote und Feiern seien so attraktiv, dass sie umgekehrt inklusiv wirkten, so die Meinung der Teilnehmer. Der Kontakt mit tschechischen Gruppen sei noch eher spärlich aber bereichernd.

Inklusion im Aribo-Hotel

Im Workshop „Inklusion in Arbeit und Ausbildung“ stellen Beate Graf und Cornelia Wurm als Integrationsberaterinnen vom Integrationsfachdienst und Harald Bruischütz, Direktor des Aribo-Hotels in Erbendorf, ihre Arbeit vor. Harald Rauch vom Inklusionsamt in Regensburg stand ebenso für Rückfragen zur Verfügung. Ergänzt durch Praxisbeispiele wurde deutlich: Es geht um Nischenarbeitsplätze und den Erhalt des Arbeitsverhältnisses. Der Anteil der Menschen aus dem Bereich psychische Erkrankungen und Mehrfachdiagnosen nimmt dabei zu. Grundsätzlich sei jedoch jeder eingeladen, sich auszuprobieren, ob eine Tätigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt möglich sei. Im Aribo-Hotel sind derzeit neun inklusive Mitarbeiter beschäftigt. Wichtig sind dem Arbeitgeber hier die Integration ins Team und die Möglichkeit zur persönlichen Entwicklung.

Inklusive Erwachsenen-Bildung

Gabriel Laszlo von der Münchner Volkshochschule stellte zudem sein Fachgebiet "Barrierefreis Lernen" zum Thema „Barrierefreie/ inklusive Erwachsenen-Bildung“ vor. Die Arbeit begann 2012 mit mehreren Projekten und hat sich inzwischen mit einem eigenen Fachgebiet etabliert. Vor allem die Angebote für Gehörlose würden inzwischen sehr intensiv genutzt. Menschen mit Lernbehinderungen oder psychischen Erkrankungen seien oft noch über Kooperationen eingebunden. Aber er bemängelte die fehlende Möglichkeit zu einer durchgängig inklusiven Gestaltung aller Angebote. Fehlende Gebärdensprachdolmetscher, nicht barrierefreie Kursräume und das Budget seien hier begrenzende Faktoren.

"Inklusive Region Tirschenreuth" als Modellregion für die Oberpfalz

Tirschenreuth
Bei der Online-Fachtagung sprachen unter anderem Vortrag Prof. Markowetz und Prof. Wocken.
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