03.05.2021 - 15:57 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Internationale Beachtung für Corona-Studie im Kreis Tirschenreuth

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Die dritte Runde der Corona-Antikörper-Studie im Kreis Tirschenreuth ist abgeschlossen. Studienleiter Professor Ralf Wagner blickt auf künftige Analysen, Herdenimmunität und eine mögliche Fortsetzung der Studie.

Die Probanden ließen sich in allen drei Runden jeweils 5,5 Milliliter Blut abzapfen.
von Martin Maier Kontakt Profil

Es ist der letzte Tag der Corona-Antikörper-Studie im Landkreis Tirschenreuth. Vor der St.-Peter-Turnhalle in der Kreisstadt stehen schon rund 15 Bürger an. Nach Juli und November 2020 ist es das dritte Mal, dass sie sich 5,5 Milliliter Blut nehmen lassen. „Die Teilnahmebereitschaft ist fantastisch. Wir sind mehr als zufrieden“, sagt Professor Ralf Wagner über die vergangenen zwölf Tage. Insgesamt 3403 Bürger kamen in die drei Zentren nach Waldeck, Wiesau und Tirschenreuth.

An allen Tagen war das Rote Kreuz mit 24 Leuten an den Standorten und kümmerte sich zusätzlich um die Logistik. „Das hat alles wunderbar geklappt. Wir sind ein eingespieltes Team“, sagt BRK-Kreisgeschäftsführer Holger Schedl. Dies bestätigt auch Wagner. Er ist an diesem Freitagnachmittag von Regensburg in die nördliche Oberpfalz gekommen, um sich noch einmal mit den Verantwortlichen vor Ort auszutauschen sowie der Presse Rede und Antwort zu stehen.

Gefragte Gesprächspartner

Seit Mitte April sind die beiden Studienleiter Professor Wagner und Professor Klaus Überla gefragte Gesprächspartner, als sie ein erstes Zwischenfazit der Studie präsentiert hatten. Die Veröffentlichung zur „Prospektive Covid-19-Kohorte Tirschenreuth“ (TiKoCo19), so der offizielle Name der Studie, hat für Aufsehen gesorgt. Besonders zwei Ergebnisse: 80 Prozent der Infektionen waren in der ersten Welle unentdeckt geblieben. Dies bedeutet, dass auf eine Person, die positiv auf auf Sars-Cov-2 getestet wurde, vier kamen, die damals nicht erfasst wurden. Zudem sind zwischen Februar und Juni vergangenen Jahres demnach 2,5 Prozent der mit Corona infizierten Menschen an der Krankheit gestorben. Besonders betroffen waren die älteren Altersgruppen.

"Unsere Studie findet auch international Beachtung."

Studienleiter Professor Ralf Wagner

Studienleiter Professor Ralf Wagner

„Unsere Studie findet auch international Beachtung“, sagt Wagner. Beispielsweise habe er sich mit einem Professor aus den Vereinigten Staaten ausgetauscht: „Wir sind zu der Erkenntnis gekommen, dass wir uns in den Kennzahlen bewegen.“ Noch einmal hebt der Regensburger Wissenschaftler den „sehr guten Querschnitt“ der Studie mit Blick auf die einzelnen Altersgruppen hervor.

Erste Ergebnisse Ende Juni

Die Serumproben der dritten Runde werden die Teams der Unikliniken aus Regensburg und Erlangen in den nächsten Wochen analysieren. Zudem werten sie die Fragebögen aus. Die Probanden lieferten Antworten unter anderem zu Alter, Geschlecht, Wohnsituation, Beruf und Lebensstil-Faktoren.

Mit ersten Ergebnissen rechnet Wagner Ende Juni. Besonders spannend findet der Virologe die Situation, dass sich unter den Teilnehmern sowohl Covid-19-Infizierte als auch geimpfte Personen befinden. Die Wissenschaftler interessieren sich diesmal hauptsächlich für vier Bereiche:

  • Wie hoch ist die Anzahl neuer Corona-Infektionen, auch mit Blick auf die zweite Welle?
  • Wie hoch ist die Dunkelziffer?
  • Wie hat sich die Sterberate entwickelt?
  • Wie ist der Einfluss der Impfungen? Und daraus folgt: Wie hoch ist der Anteil der Bürger, die Antikörper haben?

Aus diesen Ergebnissen können Rückschlüsse auf eine künftige Herdenimmunität gezogen werden, auch wenn man davon noch ein gutes Stück entfernt sei. „So bekommen wir aber einen Eindruck, ob wir uns in die richtige Richtung bewegen“, so Wagner. Dabei würden auch die Impfungen eine große Rolle spielen.

Fortsetzung vorstellbar

Nach den Analysen und der Veröffentlichung der Ergebnisse ist die Studie eigentlich beendet. Der Virologe könnte sich aber gut vorstellen, mit den Landkreisbürgern weiterzuarbeiten. „So sorgfältig aufgearbeitete Kohorten findet man selten, auch international. Die Auswahl ist überschaubar“, macht sich Wagner für eine Fortsetzung der Studie stark. Möglich sei auch, sich einzelne Altersgruppen herauszugreifen oder die Probanden über mehrere Jahre zu beobachten. Dadurch könnten die Wissenschaftler Erkenntnisse zu Corona-Spätfolgen und die Entwicklung der Antikörper erlangen. Ob die Studie verlängert wird, liegt aber nicht in den Händen der Professoren. „Man muss sich überlegen, ob man sich um weitere Mittel bemüht“, benennt er mit der künftigen Finanzierung den Knackpunkt.

Das Rote Kreuz wäre bereit. „Wir haben hineingehört. Es wären alle sofort wieder dabei“, sagt BRK-Kreisgeschäftsführer Holger Schedl. Und auch ein Großteil der Probanden dürfte weiter mitziehen. „Die Rückmeldungen zeigen, dass die Bürger ein hohes Interesse zeigen“, erklärt Landrat Roland Grillmeier. Die Ergebnisse der dritten Runde erwarte er mit Spannung. So könne der Infektionsverlauf im Landkreis besser nachvollzogen werden. Auch deshalb habe sich der Landkreis von Anfang an bemüht, in ein solches Forschungsprojekt zu kommen.

Tirschenreuth auf dem Weg zur Herdenimmunität

Tirschenreuth
Hintergrund:

Das ist die Corona-Antikörper-Studie

  • Für die Studie „Prospektive Covid-19-Kohorte Tirschenreuth“ (TiKoCo19) wurden vor einem Jahr 6600 Landkreisbürger ab 14 Jahren zufällig ausgewählt und angeschrieben. Es gab drei Runden.
  • Teilnehmerzahl: 4174 (Runde 1), 3549 (Rund 2), 3403 (Runde 3).
  • Das Bayerische Rote Kreuz entnahm die Blutproben, welche später auf Sars-CoV-2 spezifische Antikörper untersucht werden.
  • Die Finanzierung der 650.000 Euro lief über das Bayerische Wissenschaftsministerium.

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