19.04.2021 - 21:23 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Tirschenreuth auf dem Weg zur Herdenimmunität: Antikörper-Studie geht in die dritte Runde

Zum dritten Mal nehmen über 3000 Menschen aus dem Landkreis Tirschenreuth mit ihrer Blutprobe an der Corona-Antikörper-Studie teil. Probanden und Studienleiter Professor Ralf Wagner erklären, was sie von der Untersuchung erwarten.

von Katrin Pasieka-Zapf Kontakt Profil

Die Corona-Antikörper-Studie geht in die dritte Runde. Schon am Montag strömen die Teilnehmer der Studie in die St.-Peter-Turnhalle in Tirschenreuth, um ihr Blut auf Antikörper untersuchen zu lassen. Studienleiter Professor Ralf Wagner zeigt sich über das Engagement der Teilnehmer sehr erfreut. Von der Studie erhoffen sich nicht nur die Wissenschaftler neue Erkenntnisse, auch die freiwilligen Teilnehmer wollen der Viruserkrankung auf den Grund gehen.

Die Turnhalle hat sich für die kommenden zwei Wochen in ein Forschungslabor verwandelt. Mit Wänden aus Pappe hat das Bayerische Rote Kreuz (BRK) die Halle in zwei Bereiche aufgeteilt. "Auf der linken Seite geht es zunächst zum Aufklärungsgespräch", sagt Melissa Wagner. Die Leiterin des Impfzentrums hilft heute freiwillig bei der Blutentnahme mit. Medizinstudenten aus Regensburg klären die Probanden kurz über die Studie, Datenschutz und darüber auf, was in ihrem Blut untersucht wird.

Schon Corona gehabt

Brigitte Hess aus Plößberg hat das Gespräch bereits hinter sich. Sie nimmt bei Melissa Wagner Platz. Ein schneller Picks und schon fließt das Blut in eine Kanüle - immer 5,5 Milliliter. Das dauert keine drei Minuten. Hess interessiert vor allem, wie sich ihre Antikörper verändert haben. Sie hat sich bereits mit Corona infiziert. "Ich hatte nur einen leichten Schnupfen", erzählt sie. Wenn ihre Tochter nicht über Geschmacksverlust geklagt hätte, wäre sie nicht auf die Idee gekommen, sich testen zu lassen. Die Viruserkrankung wäre so unentdeckt geblieben.

"Nach der ersten Blutentnahme im Juli war ich sehr aufgeregt", erzählt Milena Klöble. Zu diesem Zeitpunkt war bereits bekannt, dass die Krankheit auch ohne Symptome verlaufen kann. In der Familie habe es keinen Coronafall gegeben, sagt die 16-Jährige aus Friedenfels. Das Ergebnis der Blutprobe wartet sie jedes Mal gespannt ab. Darin sieht auch Landrat Roland Grillmeier einen Grund für die große Teilnahmebereitschaft. "Das zeigt das Interesse der Bürger. Sie wollen mithelfen", freut er sich.

Erste Ergebnisse überraschen

Durch die Studie, die von den Universitäten Regensburg und Erlangen durchgeführt wird, konnten die Wissenschaftler feststellen, dass 80 Prozent der Infektionen unentdeckt geblieben sind - bei den 14- bis 20-Jährigen sogar 92 Prozent. "Das bedeutet in keinem Fall, dass bereits 80 Prozent der Landkreisbewohner mit Corona infiziert waren", stellt Wagner klar.

Die Dunkelziffer gebe an, dass auf eine positiv getestete Person vier Menschen kamen, die durch die damalige Teststrategie nicht erfasst wurden. "Man kann davon ausgehen, dass 8,6 Prozent mit dem Virus infiziert waren, von diesen wurden 20 Prozent durch einen Test erfasst", erklärt Professor Ralf Wagner.

Nicht nur die hohe Dunkelziffer überraschte den Studienleiter. Zwischen Februar und Juni vergangenen Jahres sind demnach 2,5 Prozent der mit Corona infizierten Menschen an der Krankheit gestorben. Diese große Zahl erklärt sich, beim Blick auf "die extreme Altersabhängigkeit". Während in der Altersgruppe bei den über 80-Jährigen 30 Prozent verstarben, waren es nur 0,5 Prozent die jünger als 60 Jahre waren. 45 Prozent der Verstorbenen lebten in Altenheimen. "Es bestätigt die Entscheidungen aus der Politik, Senioren zu schützen und beim Impfen mit dieser Altersgruppe zu beginnen", so Wagner.

Thema Rauchen im Blickpunkt

Am meisten überrascht war der Wissenschaftler allerdings von folgendem Ergebnis. Raucher hätten demnach ein geringeres Risiko zu erkranken. "Da ist uns erstmal die Kinnlade runtergefallen." Dieses Phänomen würden bereits mehrere Studien beschreiben. "Es muss aber noch sehr gründlich erforscht werden", sagt Wagner. Es könnte allerdings mit "banalen Gründen" zu erklären sein. Zum Beispiel, dass meist draußen geraucht werde - dort ist der Anteil von Viren in der Luft womöglich geringer. Erfreut ist Ralf Wagner auch über die derzeit geringen Fallzahlen im Landkreis. Das hat seiner Meinung nach zwei Gründe. "Die Menschen im Landkreis wurden durch die erste und auch die zweite Welle hart getroffen", so der Professor. Und fast jeder kenne jemanden, der an dem Virus verstorben sei. "Aus diesen Gründen sind die Menschen vorsichtiger, halten sich womöglich besser an die Vorgaben."

"Der Sache auf den Grund gehen"

Abstand halten und Kontakte reduzieren ist auch für Karl-Heinz Methner aus Friedenfels kein Problem. Der 67-Jährige will mit seiner Blutprobe helfen, "der Sache auf den Grund zu gehen". Bisher blieb er von der Viruserkrankung verschont, hat am Freitag einen Impftermin in Waldsassen. "Ich freue mich drauf", sagt er.

Die Impfquote mit über 25 Prozent Erstimpfungen könnte, so Wagner, bereits ebenfalls zu den geringen Fallzahlen beitragen. Zwar sei man noch deutlich von einer Herdenimmunität entfernt, man befinde sich aber "auf einem guten Weg dorthin". "Je mehr Menschen Antikörper vor allem durch das Impfen in sich haben, desto schwerer hat es das Virus", weiß Wagner.

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Hintergrund:

Das ist die Corona-Antikörper-Studie

  • Für die Studie "Prospektive Covid-19-Kohorte Tirschenreuth" (TiKoCo19) wurden vor einem Jahr 6600 Landkreisbürger ab 14 Jahren zufällig ausgewählt und angeschrieben. Es gibt drei Runden.
  • An der ersten Runde im Juli 2020 nahmen 4174 Menschen teil, im November 3549.
  • In einem Fragebogen werden Alter, Geschlecht, Wohnsituation, Beruf und Lebensstil erfasst.
  • Die Blutentnahme erfolgt in Tirschenreuth, Wiesau und Waldeck.
  • Das Bayerische Rote Kreuz entnimmt die Blutproben, welche später auf Sars-CoV-2 spezifische Antikörper untersucht werden.
  • Durchgeführt wird die Studie von Fachleuten der Universitätskliniken Regensburg und Erlangen.
  • "Weitreichende Aussagen" erhoffen sich die Forscher in vier Themenfeldern: Langlebigkeit von Antikörpern, Häufigkeit von Zweitinfektionen nach einer ausgeheilten Erstinfektion, Einfluss von Impfungen und Anzahl neuer Infektionen während der zweiten Welle.

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