08.04.2021 - 16:39 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

"Ein Kasperltheater": Geschäftsleute sauer auf Regierung

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Ab Montag entfallen die Sonderregelungen für Garten- und Baumärkte, Buchhandlungen und Schuhgeschäfte. Für die Unternehmen unverständlich und nicht nachvollziehbar. Was sagen betroffene Geschäftsleute im Kreis Tirschenreuth dazu?

Gartenbau-Ingenieur Hans-Joachim Schinner trifft die Rücknahme der Sonderregelungen besonders hart. Wenn er seine sechs Filialen demnächst nicht normal öffnen darf, sei das Unternehmen Schinner bald Geschichte, befürchtet er.
von Armin Eger Kontakt Profil

Aufsperren, schließen, nur getestet Kunden reinlassen, Termine vereinbaren: Ständig ändert sich etwas. Jetzt hat die Staatsregierung die Sonderregelungen für die inzidenzunabhängige Öffnung von Bau- und Gartencentern, Buchhandlungen und Schuhgeschäften zurückgenommen. So sind ab einem Inzidenzwert über 100 ab Montag Einkäufe nur mit einem aktuellen negativen Corona-Test erlaubt. Was sagen betroffene Geschäftsleute dazu?

Gartenbau & Floristik Schinner, Güttern beim Fuchsmühl

Hans-Joachim Schinner ist richtig angefressen. "Mit Normalität hat das nichts mehr zu tun. Da treffen Leute Entscheidungen, die von der kleinen Wirtschaft keine Ahnung haben", sagt der Gartenbau-Ingenieur, der im Landkreis 6 Filialen mit 30 Mitarbeitern betreibt. In seinen großen Gewächshäusern würde alles gut laufen, da die Kundenfrequenz gering und nicht vergleichbar mit Lebensmittelmärkten sei.

Die Vorgaben, einen Negativtest zum Einkaufen mitzubringen, sei unrealistisch: "Wer lässt sich testen, wenn er lediglich 20 Salatpflanzen kauft?" In den nächsten acht Wochen macht seine Gärtnerei normalerweise 60 Prozent des Jahresumsatzes. "Wenn wir bis Ende April nicht normal öffnen dürfen, ist die 110-jährige Tradition von Schinner Geschichte", sagt er. Er habe Waren für 350 000 Euro lagern und einen Großteil davon müsse er wohl wegwerfen.

Die Politiker würden sich leicht reden: "Wenn die drei Wochen krank sind, bekommen sie trotzdem ihr Geld. Wenn wir nichts verkaufen, kommt nichts rein." Schinner hat genug von der Politik: "Mein Vater war politisch engagiert, ich bin seit Jahren im Gemeinderat. Ich habe gestern beschlossen, dass ich aus der CSU austrete."

Einen kleinen Lichtschimmer sieht der Ingenieur noch. "Ich hoffe auf ein Hintertürchen, dass wir wenigstens Obst- und Gemüsepflanzen ganz normal verkaufen dürfen. Das wird das Ganze noch hinauszögern, aber die Branche ist hinüber", fürchtet er. Er ist sicher, dass durch die neuen Vorgaben die Inzidenz in zwei Wochen nicht niedriger ist.

Mein Vater war politisch engagiert, ich bin seit Jahren im Gemeinderat. Ich habe gestern beschlossen, dass ich aus der CSU austrete.“

Hans-Joachim Schinner, Gartenbau-Ingenieur aus Güttern bei Fuchsmühl

Schuh Schöpf, Kemnath

"Dann machen wir halt wieder zu", sagt Ulrike Scherm. "Ein Kasperltheater ist ein Dreck dagegen. Man weiß gar nicht mehr, was Sache ist", schimpft die Inhaberin des Schuhgeschäftes. Für sie ist die Maßnahme nicht nachvollziehbar. Erst am 1. April durfte sie ihren Laden wieder öffnen und hat ihr Personal aus der Kurzarbeit geholt. Jetzt muss sie die 3 Angestellten nächste Woche wieder dorthin zurückschicken. Scherm glaubt nicht, dass die Leute sich wegen einmal Schuhkaufen extra testen lassen. Für sie wäre es wichtig, dass es wenigstens erlaubt wäre, für Kinder Schuhe zu kaufen. "Das geht online nicht, die müssen die Schuhe probieren", sagt sie.

Modehaus Zeitler, Mitterteich

Chefin Katrin Paschedag rechnet damit, dass die Kunden bereit sind, sich vor einem Einkauf testen zu lassen. "Sicher nicht für ein T-Shirt, aber für ein Brautkleid oder einen Brautanzug auf jeden Fall. Die Kunden wollen von uns beraten werden." Für sie als Unternehmerin, die auch in Regensburg einen Schuhladen betreibt, sei die Situation schwierig. "Wir stehen früh auf und gucken zuerst, was es neues gibt und müssen dann die spontanen Entscheidungen, ob man sie versteht oder nicht, umsetzen."

Als "pandemisches Wunder" bezeichnet sie die Lebensmittelmärkte. "Die müssen eine Geheimrezept haben, dass sich dort noch niemand angesteckt hat. Das wird uns zumindest immer vermittelt." Die kleine Schuhfläche im Mitterteicher Modehaus, die seit 1. April für die Kunden geöffnet hatte, hat sie am Donnerstag wieder aufgelöst. Sie setzt auf nächste Woche und dass die Kunden getestet kommen. "Wir nehmen jeden Strohhalm, um wieder Kunden begrüßen zu dürfen. Wir müssen Tag für Tag als Unternehmen regieren."

Bücherhaus Rode, Tirschenreuth

Unverständlich ist das Hin und Her für Stefanie Teicher. "Bis durchgedrungen ist, dass wir wieder öffnen dürfen, müssen wir wieder schließen", sagt die Chefin des Buchladens. Wenn die Kunden nur getestet kommen dürfen, sei das ein Problem. "Darf ich überhaupt kontrollieren, ob Test und Person übereinstimmen? Es ist nicht richtig, dies alles auf den Handel abzuwälzen."

Die vorigen Wochen seien gut gelaufen. Die Leute hätten sich gefreut, endlich wieder woanders einkaufen zu dürfen. "Wir sind nicht überrannt worden und die Kunden haben sich vorbildlich verhalten." Schlimm sei die Planungsunsicherheit. "Es gibt keine Perspektive."

Bau- und Heimwerkermarkt Erbendorf

Er sei überrascht von der Ankündigung, jetzt wo die Inzidenzzahlen im Landkreis nach unten gingen, sagt Robert Mark, stellvertretender Geschäftsstellenleiter. "Es ist absolut nicht nachvollziehbar und es herrscht viel Unsicherheit. Wir hängen in der Luft und können noch gar nicht reagieren, bis wir näheres wissen." Auch im Erbendorfer Baumarkt sei es in den vergangenen Wochen gut gelaufen und man hätte keine Einschränkungen bezüglich der Anzahl der Kunden machen müssen.

Ob die Leute sich extra testen lassen, um einzukaufen, weiß Mark nicht. "Das Testzentrum in Erbendorf ist nur Dienstag und Donnerstag für einige Stunden offen und wird dann sicher auch überlaufen sein."

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Tirschenreuth

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