30.11.2018 - 16:31 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Kein Grippeimpfstoff mehr im Stiftland

Die Lager sind leer. Im Stiftland gibt es praktisch keinen Impfstoff mehr gegen die Grippe. 1,2 Millionen Impfdosen standen bayernweit zur Verfügung. Die Chancen auf Nachschub für diese Saison sind gering.

In Trischenreuth gibt es laut Apotheker und Ärzte keinen einzigen Grippe-Imfpstoff mehr. Alle Ressourchen sind verbraucht. Mit Nachbestellungen stehen die Stiftländer auf den Wartelisten.
von Lena Schulze Kontakt Profil

(wüw/szl) Der Markt ist fast ausverkauft. Alle Impfdosen sind ausgeliefert, erklärt Marie-Luise Vogel. Die Neumarkter Ärztin ist Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung in Bayern (KVB) für die Oberpfalz. Auch im Stiftland gibt es keine Vorräte mehr, erklärt der Apotheker Christian Züllich, der die Stadtapotheke in Tirschenreuth seit 20 Jahren in der dritten Generation führt. Seine Tirschenreuther Apotheker-Kollegen haben ebenfalls keinen einzigen Impfstoff mehr.

Das Problem ist die Nachfrage, sind sich Apotheker und Ärzte einig. Die ist laut Züllich im Vergleich zum vergangenen Jahr um 60 Prozent gestiegen. Niemand war darauf vorbereitet. Pro Apotheke standen mehrere Hundert Rationen zur Verfügung. Der Pharmazierat der Regierung der Oberpfalz und Sprecher der bayerischen Landesapothekerkammer für den Landkreis Tirschenreuth vermutet, dass viele Kunden durch die Meldungen über die Grippewelle im vergangenen Jahr alarmiert sind. Der Meinung ist auch Dr. Andreas Beier, Allgemeinarzt in Tirschenreuth. "Voriges Jahr war die Grippewelle extrem." Dadurch seien seiner Ansicht nach viele Leute sensibilisiert. "Obwohl in diesem Jahr sogar mehr Impfstoff produziert wurde als 2017, reicht es nicht." Dazu kommt: Bisher zahlten Kassen nur Stoff, der gegen drei Grippe-Stämme immunisiert. In diesem Jahr übernehmen sie auch die Kosten für einen Stoff, der vierfach wirkt. "Tatsächlich kommen mehr Patienten und sagen, wir bekommen doch jetzt auch den guten Stoff", sagt Marie-Luise Vogel.

Keine Nachproduktion

In diesem Winter werde sicher auch kein Impfstoff mehr nachproduziert, ergänzt Martin Wolf. Der Apotheker aus Vohenstrauß sitzt im Bezirksvorstand des Apothekerverbandes. Die Produktion dauert Monate. "Würden die Pharmaunternehmen heute mit der Produktion beginnen, gäbe es den Impfstoff wohl erst im Frühling", erklärt Wolf.

Züllich berichtet, dass der bayerische Apothekerverband eine Tauschbörse für den Impfstoff eingerichtet hat. Dies ist normalerweise verboten, wegen des Versorgungsnotstandes gibt es aber die Erlaubnis aus den zuständigen Ministerien. Auch dort gibt es mittlerweile nichts mehr. Als der begehrte Vierfachimpfstoff aus war, impften die Ärzte zahlreichen Patienten den Dreifach-Wirkstoff, weiß der Tirschenreuther Apotheker. Doch der Dreifachimpfstoff sei auf der Tauschbörse mittlerweile ebenfalls vergriffen. "Ich habe eine Nachbestellung laufen, allerdings wurde mir schon gesagt, dass der Auftrag höchstwahrscheinlich nicht bearbeitet werden kann", sagt Züllich. Das bedeutet aber nicht, dass keine Impfungen mehr möglich sind. Marie-Luise Vogel berichtet von einem Treffen der "Landesgruppe Impfen" vom Mittwoch. "Ich war überrascht, wie viele Ärzte angegeben haben, dass sie noch über Impfstoff verfügen."

Anders im Stiftland: "Wir haben den Impfstoff im Sommer bestellt und uns reichlich eingedeckt. Wir haben dann sogar nochmal nachbestellt. Auch das hat nicht gereicht. Aktuell stehen wir auf einer Warteliste, falls es Rückläufer oder verfügbare Impfstoffe gibt", sagt Dr. Beier. Bereits im September hat er frühzeitig mit den Impfungen begonnen. In seiner Praxis hat er keineGrippe-Impfdosen mehr vorrätig. Wenn Patienten kommen und sich impfen lassen möchten, stellt der Hausarzt ein Rezept aus, womit die Patienten in die Apotheke gehen können. Manchmal gibt es vereinzelt noch Impfdosen. Dort können die Patienten den Wirkstoff abholen, damit in die Praxis kommen und sich impfen lassen. Zwei bis drei solche Rezepte pro Tag stellt Dr. Beier aus. Die KVB-Sprecherin rät dennoch, auch andere Ärzte zu kontaktieren, wenn der eigene Hausarzt nicht mehr impfen kann. Dann sei die Chance sehr wohl gut, gegen die Grippe vorzusorgen. Risikopatienten, wie chronisch Kranke, hätten die Impfung bereits erhalten, sagt der Tirschenreuther Arzt.

Ware aus dem Ausland

Vogel ist trotz des Engpasses zuversichtlich, dass sich die Situation entspannt. Auch Beier entwarnt: "Ich halte es für unwahrscheinlich, dass die Grippewelle dieses Jahr so extrem ist, wie vergangenes Jahr." Dem stimmt auch Apotheker Züllich zu: "Die Impfung ist ja nur eine Vorsorgemaßnahme."

Laut Vogel bemühe sich aktuell ein Pharmaunternehmen darum, Impfstoff aus dem Ausland zurückzuholen. Normalerweise sei das rechtlich problematisch, aber das bayerische und das Bundesgesundheitsministerium haben laut Vogel bereits signalisiert, wegen des Engpasses die Regeln kulanter zu handhaben. Am Donnerstagabend vermeldete der Apothekerverband bereits, dass 20 000 zusätzliche Impfdosen aus Frankreich zurück nach Deutschland gebracht werden. Dennoch findet Züllich: "Es ist dringend wünschenswert, nächstes Jahr größere Mengen an Impfstoff herzustellen."

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