16.06.2020 - 16:08 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Kino-Öffnung: Zwischen Vorfreude und Unsicherheit

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Seit Montag dürfen Kinos und Theater wieder Besucher unter strengen Hygienemaßnahmen empfangen. Eine schrittweise Rückkehr in die Normalität? Noch nicht ganz. Denn die Meinungen in der Kinobranche im Landkreis Tirschenreuth sind geteilt.

Dicht an dicht im Cineplanet in Tirschenreuth: Solche Bilder wie im August 2019 bei der Promo-Tour zum Eberhoferkrimi "Leberkäsjunkie" wird es die nächsten Monate kaum geben. Das Kino hat aber seit Dienstag, 16. Juni, unter Einhaltung der Abstandsregelungen offen.
von Vanessa Lutz Kontakt Profil

Michael Neidhardt ist der Betreiber der Cineplanets in Tirschenreuth und Marktredwitz und erleichtert, dass er seine Kinos nach Monaten der Zwangspause wieder aufsperren darf. Offiziell darf der Betrieb seit Montag stattfinden, Neidhardt öffnete einen Tag später. "Es wird Zeit, dass es wieder weitergeht", sagt er. In seinen großen Sälen, die normalerweise jeweils 160 Zuschauer fassen, werden aufgrund der Corona-Regeln nur noch 30 bis 40 sein können. Ob sich das lohnt? "Darum geht es mir nicht", sagt Neidhardt. "Es geht darum, dass wir endlich wieder spielen."

Autokino-Bilanz "sehr gut"

In den vergangenen Wochen hatte Neidhardt sowohl in Tirschenreuth als auch in Marktredwitz Autokino-Veranstaltungen auf die Beine gestellt. Die Bilanz sei "sehr gut" gewesen, in Marktredwitz wird noch drei Wochen lang das Autokino stattfinden. "Den Leuten hat es bislang gut gefallen", sagt Neidhardt. "Aber wenn die dreimal da waren, wird es denen auch langweilig." Umso mehr freue er sich, dass er seine Kinos wieder öffnen könne.

Der Kinobesuch wird trotz Lockerungen allerdings ein anderer sein wie vor Corona. Jede zweite Reihe wird gesperrt sein, zwischen den Plätzen müssen 1,5 Meter Abstand herrschen, Paare und Familien dürfen zusammensitzen. Und, wie es die Vorgaben so wollen, wird eine Maskenpflicht im Saal herrschen. Popcorn, Snacks und Getränke verkauft Neidhardt aber trotzdem - denn laut Bestimmung dürften Gäste die Masken zum Verzehr ablegen. "Und manche Leute", sagt Neidhardt, "brauchen auch einen ganzen Film lang, um ihr Popcorn zu essen."

Es ist die reinste Katastrophe.

Michael Neidhardt, Kinobesitzer in Tirschenreuth

Angesprochen auf die genauen Regelungen für Kinobetreiber, wird Neidhardt ungehalten. "Wir haben diesen Montag um 14 Uhr die Auflagen bekommen." Dabei sei schon seit Wochen bekannt gewesen, dass ab dem 15. Juni die Kinos wieder öffnen dürfen. "Es ist die reinste Katastrophe", sagt Neidhardt. "Und wenn man Fragen hat, erreicht man keinen, weil alle im Homeoffice sind."

"Wir machen nicht auf"

Das Kino Anger-Lichtspiele in Mitterteich, ein Traditionskino, das auf eine 91-jährige Geschichte zurückblickt, wird trotz der Lockerung weiterhin geschlossen bleiben. Heribert Hegen und seine Frau Christine sind die Inhaber und haben einen klaren Standpunkt: "Wir machen nicht auf, bis sich die Lage normalisiert hat."

Für Heribert Hegen, der sich als alten Cineasten bezeichnet, ist das Kino ein Gemeinschaftserlebnis. "Es geht um Gaudi. Darum, dass bei einer lustigen Szene der ganze Saal lacht." Das mache für ihn Kino aus. "Aber mit den ganzen Regelungen, mit der Maske während des Films und dem Abstand - da kann man lieber daheim bleiben."

Der Aufwand sei außerdem viel zu groß für das Einzelhaus, das insgesamt 160 Plätze fasst, und stehe in keiner Relation zum Besucheraufkommen. "Bei einem Kinobetrieb mit 20 Personen kann ich das Geld auch gleich in den Gulli schmeißen." Große Bauchschmerzen bereitet Hegen auch, dass er gar nicht kontrollieren könnte, ob die Besucher dann auch wirklich durchgehend ihre Masken tragen. "Und wenn dann nur einer im Saal sitzt, der jemanden ansteckt und dann nachgeforscht wird, dann kann ich gleich wieder dicht machen." Für ihn sei das ein zu großes Risiko.

"Wäre jetzt schon pleite"

Doch Hegen hat einen Vorteil - das Kino Anger-Lichtspiele ist sein Eigenbesitz. Er lebe nicht von den Kino-Einnahmen, sagt er, sondern arbeite in einer Firma für Digitaldruck. "Ich glaube, das wird für viele schwierig." Vor allem für Betreiber, die das Kino lediglich gepachtet hätten. "Wäre ich nicht im Eigenbesitz, dann wäre ich jetzt schon pleite", sagt Hegen klar.

Bei einem Kinobetrieb mit 20 Personen kann ich das Geld auch gleich in den Gulli schmeißen.

Heribert Hegen, Kinobesitzer in Mitterteich

Hegen sagt, er sei gut vernetzt mit den Kinobetreibern in der Region, sogar darüber hinaus. Die Soforthilfen, sofern man welche beantragen müsse, würden vorne und hinten nicht reichen. Es herrsche große Verzweiflung in der Branche - während des Lockdowns und auch jetzt liefen die hohen Kosten ja noch weiter. Und mit den Abstandsregelungen und den damit automatisch wenigen Besuchern könnten die Betreiber bei weitem keine hohen Einnahmen erwarten. "Ich glaube auch nicht", sagt Hegen, "dass sich das viele Gäste antun und sich mit einer Maske ins Kino setzen werden." Offen über ihre Sorgen sprechen würden aber nur die wenigsten Kinobetreiber.

Viele hätten deshalb versucht, ein Autokino anzubieten, um zumindest geringe Einnahmen zu erzielen. Das komme für Hegen aber nicht in Frage - zwar habe er das Equipment, doch es sei "ein Aufwand im fünfstelligen Bereich". Aktuell verkauft Hegen jeden Freitag bis Sonntag von 18.30 Uhr bis 20 Uhr Popcorn auf Vorbestellung an seinem Kino. Das hätten sich Besucher gewünscht. Seit fünf Wochen laufe der Straßenverkauf nun "und er wird sehr gut angenommen."

Filme nicht attraktiv

Neben den Kosten gebe es laut Hegen ein weiteres entscheidendes Manko: "Die Filme sind aktuell nicht attraktiv." Viele große Filmhäuser hätten die Premieren ihrer Filme wegen Corona in den Herbst oder sogar auf nächstes Jahr verschoben. Und zahlreiche Verleiher würden ihre Filme momentan nicht freigeben. "Warum sollte man sich dann für einen Film, den man schon fünfmal gesehen hat, ins Kino setzen?"

Hegen beobachtet die aktuellen Vorgänge genau und zieht Parallelen zur Gastro-Branche, die ebenfalls sehr zu kämpfen hat. "Die Gastronomie wurde komplett kaputt gemacht", ist er sich sicher. Er könne sich nicht vorstellen, dass es dem Kino-Betrieb besser gehen werde. Die Leute seien durch die vielen "Schreckensmeldungen" verunsichert und würden lieber zuhause bleiben. Der Todesstoß, sowohl für die Gastronomie als auch fürs Kino. "Ich bin wirklich gespannt, wie viele Kinos es in ein paar Jahren noch geben wird."

Einen genauen Plan, wann Hegen wieder aufsperren möchte, habe er noch nicht. Er würde sich darüber regelmäßig mit seiner Familie beraten und neu entscheiden. "Aber solange kein Film erscheint, für den sich eine Öffnung wirklich lohnt und solange die strengen Hygieneregeln gelten, werden die Anger-Lichtspiele geschlossen bleiben."

So schaute es bei den Kinos in Amberg und Sulzbach-Rosenberg aus:

Amberg

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